Ab ins Wasser: Diese kleine Kröte hat es geschafft. Sie hat das rettende Gewässer erreicht.Foto: Weiger Foto: Schwarzwälder Bote

Amphibienwanderung: Wechselhaftes Aprilwetter stellt Tiere vor besondere Herausforderungen

Der April macht, was er will: Die wandernden Kröten, Frösche, Molche und Lurche am Oberdigisheimer Stausee stellen Schnee, Graupel und Kälte vor ungeahnte Herausforderungen.

Meßstetten-Oberdigisheim/Obernheim. Ein leises Mauzen ist in dieser kalten Nacht zu hören, nicht etwa ein Quaken oder gar munterer Froschgesang. Am dunklen Hang raschelt es vernehmlich, das dürre Laub bewegt sich sanft. Edith Schlagenhauf schiebt es mit behandschuhten Fingern behutsam auseinander. Im Schein ihrer Stirnlampe: ein stattliches Krötenweibchen, das Männchen huckepack. Im gemischten Doppel möchten sie gern ans Wasser zurück.

Zwischen Oberdigisheim und Obernheim sind seit einigen Tagen die Amphibien unterwegs. Bis das soeben entdeckte Krötenpärchen in Edith Schlagenhaufs Eimertaxi auf die andere Seite der Straße gegondelt wird, dauert es noch ein bisschen. Denn auf der abschüssigen Strecke sitzen etliche weitere Tiere, die es über die Straße hinweg ans rettende Nass zieht, um zu laichen. Sie alle werden geduldig eingesammelt.

Edith Schlagenhauf und Ellen Köhler, beide Mitglieder im Naturschutzbund Nabu, sind seit Jahren mit viel Idealismus bei den Sammelaktionen dabei, genauso die Mitglieder des örtlichen Angel- und Naturschutzvereins. Es geht darum, den Amphibien am Stausee bei ihrer Wanderung zum Geburtsort sprichwörtlich auf die Sprünge zu helfen.

Mit von der Partie ist zwischenzeitlich ein stattliches Unterstützer-Team, das trotz seiner neonfarbenen Warnjacken in der nachtschwarzen Dunkelheit nicht auszumachen wäre – hätten sich nicht alle mit Taschen- oder Stirnlampen ausgestattet.

"Das ist nicht nur für Amphibien gefährlich"

Es scheint, als würden emsige Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht am Hang schwirren. Doch weit gefehlt: Es ist ordentlich kalt, wenngleich die Atmosphäre am Hang eine ganz eigene ist. Bis ein kleiner Sportwagen mit viel zu hoher Geschwindigkeit an den sammelnden Helfern vorbeirast. Der Motor heult auf, Ellen Köhler macht sich Luft. "Das ist so gefährlich – und wirklich nicht nur für die Amphibien!"

Die Hartheimerin organisiert die Naturschutz-Aktionen seit einigen Jahren. In ihren Gruppen hat sie häufig Kinder. Warum diese grundsätzlich nur oben auf dem Waldweg am Hang sammeln dürfen, zeigt diese Szene deutlich. Die Arbeit mit dem Nachwuchs liegt Ellen Köhler besonders am Herzen. "Wir müssen Kinder und Jugendliche für den Naturschutz sensibilisieren", betont sie und lupft vorsichtig einen kleinen Frosch in ihren Eimer. Wer als junger Mensch lerne, die Natur zu achten, setze das als Erwachsener fort: "Denn nur was man kennt, kann man auch schützen."

Mehr als 1600 Tiere sind bisher gerettet worden

Und zu allem Überfluss scheint jetzt sporadisch der Winter wieder eingezogen zu sein – mit Schnee, Graupel, Eis, Kälte. Weit über 1600 Amphibien, hauptsächlich Erdkröten, etliche Grasfrösche und einige Molche, haben die verschiedenen Teams seit Anfang März mühevoll aus den Sammeleimern am Zaun über die Straße getragen. Was der Organisatorin großes Kopfzerbrechen bereitet: Es ist unklar, ob die "Hochphase" der Wanderung vor dem plötzlichen Kälteeinbruch schon stattgefunden hat.

Bei Kälte graben sie sich einfach wieder ein

Was passiert mit den wanderlustigen Amphibien, wenn es noch einmal kalt wird? Ellen Köhler kennt sich aus: "Viele Tiere graben sich einfach wieder ein." Diejenigen, die den See zwischenzeitlich schon erreicht hätten, ließen sich einfach auf den Boden absinken: "Gefährlich wird es allerdings, wenn das Wasser bei tagelangen Minusgraden noch einmal richtig durchfriert." Frischer Laich indes ist primär durch seine dicke Gallerthülle geschützt – bei anhaltender eisiger Kälte jedoch vor allem die untenliegenden Schichten.

Problematisch ist grundsätzlich, dass das Helferteam nicht nur die Strecke zwischen Hang und Stausee im Auge haben muss. Das Areal zwischen Oberdigisheim und Obernheim wartet mit einer Gemengelage aus dem See, den verschiedensten Rieden und Fischteichen auf. Die Amphibien haben damit einige potenzielle Ziele mehr. Wichtig dabei ist allerdings eines: Das Gewässer muss bewachsen sein. "Sonst wird es als Laichgewässer nicht angenommen", erklärt Ellen Köhler. Erdkröten, erklärt die Amphibienfachfrau, könnten durchaus einen Radius von fünf Kilometern bewältigen.

Jetzt hofft die Hartheimerin inständig auf mildes Frühlingswetter mit regelmäßigem Regen. In diesem Fall wäre das leidige "Stop and Go" vorbei und die Amphibien hätten ihre Wanderung innerhalb von wenigen Tagen endgültig geschafft.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: