Grenzgänge zwischen Cosplay und Krise: eine Begegnung mit Putin als Donut, digitalen Trugbildern und Geschichten, die uns zeigen, wer wir sind.
Irgendwie schießen einem verfremdete Trümmer eines berühmten deutschen Frühlingsgedichts durch den Kopf: ein buntes Gewimmel geputzter Menschen unter dem holden belebenden Blick einer strahlenden Frühjahrssonne, vielleicht kein zufriedenes Jauchzen, aber durchaus heitere Stimmung. Und quetschende Enge gehört auch dazu. Vor dem Tor, über dem sich der gläserne Himmel der Messehalle wölbt, stauen sich hunderte Meter lange Schlangen eines Völkchens, von dessen Altersschnitt andere Kulturinstitutionen jenseits von Popkonzerten nur träumen können. Sie tragen Perücken in allen Farben, manche haben Flügel, andere ziehen buschige Tierschwänze hinter sich her. Hier bin ich Manga, hier darf ich’s sein.
„Wo Geschichten uns verbinden“ ist in diesem Jahr das Motto der Leipziger Buchmesse. Und ob einem nun Verse aus Goethes Osterspaziergang im Kopf verwirbeln oder die Charaktere, die es den Cosplayern der Comic-Con angetan haben – beides sind Übergriffe des Imaginären auf die Wirklichkeit. Und diese können die verschiedenste Gestalt annehmen. Auch eine solche, in die man sich auf keinen Fall hinein-, sondern unter allen Umständen hinaussehnen würde.
Auf dem Podium des Forums offene Gesellschaft sitzt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew und erzählt, wie Russland zum Schauermärchen wurde. Die Geschichte des Landes gleiche einem Karussell, die Akteure wechselten, aber nicht ihre Rollen. So eiere es dahin, von einem langen Winter zum anderen, unterbrochen von kürzesten Tauwetterperioden. In seinem letzten satirischen Roman ist Putin als „Der große Gopnik“ aufgetreten, ein gewaltbereiter Kleinkrimineller im Trainingsanzug, der es aus prekären Verhältnissen nach oben geschafft hat. Nun begegnet man ihm in seinem aktuellen Buch „Die neue Barbarei“ als Pontschik, eine Art russischer Donut, vollgestopft mit giftigem Zuckerzeug und ohne Mitte. Cosplay des Grauens. Die allegorische Hauptfigur eines grell-satirischen Kreislaufs von Gewalt, Selbsttäuschung und imperialen Mythen trägt den Namen „russische Schuld“.
Gedächtnispolitische Hypnose
Im Rauschen der Überforderung beim Wandel durch den Kosmos der Buchstände und Lesebühnen schafft das Stimmengewirr seine eigenen Assoziationen. Das Wort von der russischen Schuld mischt sich einige Meter weiter mit der Stimme der Autorin Ines Geipel, die von ihrer familiären Mehrfachbelastung erzählt: ein Stasivater und zwei SS-Großväter. In ihrem für den Leipziger Buchpreis nominierten Sachbuch „Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss“ untersucht sie, wie die DDR im Selbstverständnis das bessere Deutschland zu sein, ihren Anteil an deutscher Schuld in den Westen abgeschoben habe. Und wie diese „gedächtnispolitische Hypnose“ mit den heutigen, nicht nur von rechts kommenden Affekten gegen Gedenkstätten wie Buchenwald zusammenhängt.
Wieder einige Gänge weiter ist die KI dabei, in einer Welt ohne Zeugen zu übernehmen. Das Projekt „Frag nach“ der Deutschen Nationalbibliothek will mittels künstlicher Intelligenz die Begegnung mit Überlebenden der Shoa ermöglichen. Und so sitzen nun die Zeitzeugen Kurt S. Maier und Inge Auerbacher auf großen Bildschirmen in ihren Sesseln und antworten auf Fragen aus dem Publikum. Oder auch nicht. Ein Zuschauer will wissen, wie sich ihr Blick auf Europa nach den Erfahrungen des Exils verändert habe. „Ich kann Ihre Frage nicht verstehen“, lautet die Antwort.
Irgendwo in einer Halle steht eine alte Druckerpresse. Während die einen noch in seligem Schlummer von knisterndem Papier, dem Duft der Druckerschwärze und haptischen Glücksgefühlen träumen, hat sich die Messe längst zur elektronischen Leistungsschau gewandelt. Alles Mögliche kann mittels entsprechender Software vom einen in das andere verwandelt werden: Buchstaben in Daten, Daten in Bücher, Müll in Texte, Autoren in Verleger, Hundebesitzer in Publizisten, bei Bedarf alles on demand.
Auch hier hat die KI längst das Heft des Handelns übernommen. Die Angst, der Buchmarkt könnte zu einer Plattform für algorithmisch generierte Massenware verkommen, geht um. Und die langen Schlangen vor den New-Adult-Adult-Angeboten, so sehr sie Tiktok-befeuert manche Verlegerherzen höher schlagen lassen, können sie nicht bannen. Eher im Gegenteil. Wo Chartplatzierungen und Goodreads-Bewertungen den Maßstab setzen, haben Sprachmodelle leichtes Spiel.
Sinkende Umsätze
Und damit zu den eigentlichen Problemen, die der Wirbel um die Fehltritte des auf der Messe abwesenden Kulturstaatsministers überdeckt hat. Wer schützt schöpferische Leistung vor KI-Anbietern? Auf dem Forum Mensch und KI werden Fragen wie diese gestellt – und Antworten vermisst, die eigentlich aus der Behörde für Kultur und Medien kommen müssten. Es bedürfe stärkerer, durchsetzbarer Leitplanken durch die Bundespolitik und die EU, sagt der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Peter Kraus vom Cleff: „Nur so kann Big-Tech-Unternehmen Einhalt geboten werden und haben europäische Alternativen eine Chance.“
2025 sank der Buchhandelsumsatz um 2,9 Prozent. Und auch 2026 wird das Vorjahresniveau nicht erreicht. Das bedeutet geschlossene Buchläden, abgespeckte Verlagsprogramme. Am Stand des Stuttgarter Verlags Klett-Cotta steht dessen Geschäftsführer Tom Kraushaar, leicht genervt davon, wie sehr sich die Berichterstattung auf die Querelen um den Buchhandelspreis fixiert hat. „Der Preis wird es alleine nicht schaffen, die Kulturpolitik müsste sich einmal Gedanken machen, wie man Buchhandlungen wirklich strukturell stützen könnte“, sagt der Verleger. „Wenn wir zum Beispiel ernsthafte Diskussionen über die Mehrwertsteuer führen würden, wenn man überlegen würde, wie kriegen wir privates Geld in den Literaturbetrieb, warum können Buchhandlungen keine Spenden entgegennehmen? Das wären die Themen, über die man reden sollte.“
Und schon schnürt wieder ein gehörntes Wesen im Plüschröckchen der ursprünglich aus Japan stammenden, grenzüberschreitenden Verkleidungskunst der Cosplay-Sphäre vorbei. Auch wenn in der Halle, wo sie ihren Mittelpunkt hat, wenig an Leseförderung erinnert, umso mehr dagegen an ein Plüsch-, Perücken- und Daddel-Universum, finden sich viele Kostümierte auch dort, wo eher klassische Buchkost serviert wird.
Eines der akutesten Messeleiden angesichts des überbordenden Angebots ist das Gefühl, immer gerade am falschen Ort zu sein. Irgendwann kommt noch der Hunger dazu. An einem der überteuerten Angebote für diesen Bedarf liegt das, was man in Russland wohl Pontschik nennt, doch den Appetit hat Viktor Jerofejew schon verdorben.
Zu den Problemen der Branche gehören auch die Zahlen, die kurz vor der Messe der Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller veröffentlichte. Mit einem inflationsbereinigten durchschnittlichen Nettojahreseinkommen von 19 700 Euro müssen die auskommen, von deren Arbeit hier alles lebt. Und deshalb haben Preise eben doch eine zentrale Bedeutung. Am Abend, bevor der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen wurde, schlug die dafür nominierte, aber nicht wirklich mit einer Auszeichnung rechnende Katerina Poladjan spaßeshalber vor, man könnte ja mal eine Veranstaltung mit ungehaltenen Dankesreden bestreiten.
Die Jury machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Für ihren Roman „Goldstrand“ wurde sie in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, und bedankte sich mit einer Rede, die es verdient hatte, gehört zu werden.
Von einem kleinen zerknitterten Zettel, zitiert sie die große Gereiztheit aus Thomas Manns „Zauberberg“ herbei, jene ungeduldige Neigung zu Wutausbrüchen, erbittertem Streit, zügellosem Hin- und Hergeschrei. Es bedürfe der Umwege in die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu werden. Die tiefenpoetische Verdichtung, in der ihr Roman die Ideologie- und Unheilshistorie Europas erzählt, könnte die Chance eines solchen Erkennens sein. Wie sich überhaupt in diesen Messetagen der Umweg über Leipzig lohnt.