Tatort Rottenburg, verhandelt wird am Tübinger Landgericht: Die Staatsanwaltschaft strebt die weitere Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Foto: Becker

Ein Mann mit Messer versetzte im September 2021 die Rottenburger Altstadt in einen Ausnahmezustand. Auf zahlreiche Passanten soll er versucht haben, einzustechen. Bleibt der Beschuldigte in der Geschlossenen? Darüber wird nun am Tübinger Landgericht verhandelt.

Rottenburg/Tübingen - "Ich muss mich bei Ihnen bedanken, dass Sie den Mut gehabt haben, mich zu stoppen und damit davor bewahrt haben, jemanden zu erstechen", sagte der 35-jährige Beschuldigte vor dem Schwurgericht zu einem Zeugen nach dessen Vernehmung. Jener hatte am 7. September des vergangenen Jahres durch couragiertes Eingreifen den 35-Jährigen von hinten umklammert und anschließend zu Boden geworfen. Damit war der Streifzug des Beschuldigten, der mit einem Messer bewaffnet, die Rottenburger Innenstadt in einen Ausnahmezustand versetzt haben soll, zu Ende.

Worte der Entschuldigung ergingen allerdings nicht nur an diesen Zeugen, bei dem sich zwischenzeitlich übrigens auch die Stadt Rottenburg persönlich bedankt hatte. Nach jeder Vernehmung der zahlreichen Geschädigten, auf die der Mann an besagtem Septembertag losgegangen sein soll, formulierte der Beschuldigte in etwa Folgendes: "Es tut mir Leid. Ich bin psychisch krank und habe mich in einem psychotischen Zustand befunden."

Darauf reagierten die Vernommenen mit Schweigen, gar nicht, sagten, dass sie die Entschuldigung nicht annähmen oder aber sie nahmen sie an. "Ich hoffe, dass Du gesund wirst", sagte etwa ein 31-Jähriger, der am Tag der Tat dem Täter hinterherlief und parallel die Polizei bis zu deren Eintreffen mit Informationen versorgte. Und: Er solle sich helfen lassen und froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert sei.

Ein Leben, das man keinem wünscht

Solch eine Reaktion blieb allerdings die Ausnahme. Immer wieder griff der Verteidiger erklärend ein, sagte, dass sein Mandant zum Tatzeitpunkt, nicht er selbst gewesen sei, nicht wusste, was er tat, und somit keine Schuld habe.

Und auch der Richter erläuterte den Geschädigten zur Einordnung, dass derjenige, der sich hier entschuldige, ein anderer sei und sich eben nicht in jenem Ausnahmezustand von damals befinde. Auch gehe es heute nicht darum, die Höhe des Strafmaßes zu ermitteln, sonder darum, zu entscheiden, ob der Beschuldigte weiter in einer psychiatrischen Anstalt bleiben solle oder nicht. Und in welchem Maße er schuldfähig sei. Ein Sicherungsverfahren also, kein Strafverfahren. Ein psychiatrischer Gutachter ist ebenfalls involviert.

Zu diesem Zwecke wurde eingangs zunächst die Biografie des 35-Jährigen aufgerollt. Ein Schicksal, dass man keinem wünscht. Zwei Suizidversuche, der letzte wenige Monate vor der Tat. Alkoholabhängigkeit. Phasen der Depression und Manie wechseln mit Phasen, wo es wieder bergauf zu gehen scheint. Mehrere Klinikaufenthalte. Tabletten, die ihm helfen sollten, hat er schlecht vertragen. Eine Frau, ein Kind. In mehreren Branchen hat er gearbeitet. Zuletzt hatte er eine Stelle, wo es ihm gefiel. Aufgrund der psychischen Erkrankung hat er einen Grad der Behinderung von 60 bis 70 Prozent.

Flasche Wodka innerhalb kürzester Zeit ausgetrunken

Dann der Tag der Tat. An das Geschehen selbst habe er keine Erinnerung mehr, erklärte der Beschuldigte. Das letzte, an das er sich erinnere sei, als die Wohnungstür ins Schloss gefallen sei. Zuvor, so stellte sich heraus, konsumierte der 35-Jährige innerhalb kürzester Zeit eine Flasche Wodka. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt außer Haus. Im sei es sehr schlecht gegangen, er sei depressiv gewesen. Auch weil sein Vater gestorben sei, mit dem er lange Jahre keinen Kontakt mehr gehabt habe, und mit dem er sich unbedingt noch habe aussprechen wollen, wozu es allerdings nicht mehr reichte.

Über die weiteren Geschehnisse in der Rottenburger Innenstadt klärte dann die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer auf. Der 35-Jährige soll mit einem Messer bewaffnet, gegen 18 Uhr, zunächst auf einen Rollerfahrer getroffen sein. Der Beschuldigte forderte jenen zur Herausgabe von Bargeld auf und führte in Folge eine Stichbewegung in Richtung des Oberkörpers aus, der der Geschädigte allerdings ausweichen konnte. Der Rollerfahrer flüchtete.

Der Mann setzte seinen Streifzug durch die Innenstadt fort, traf auf weitere Passanten, auf die er ebenfalls versuchte, einzustechen, jedoch ohne Erfolg. Der 35-Jährige soll die Geschädigten als Dämonen wahrgenommen haben und bestrebt gewesen sein, diese zu töten.

Mutter und Ehefrau des Beschuldigten werden noch vernommen

Die Bandbreite der Verarbeitung der Ereignisse bei den zahlreichen Beteiligten zeigte sich indes groß. Für die einen hatte sich die Sache mit einem Weizenbier im Kreis der Kollegen erledigt. Andere konnten in der Zeit danach erstmal kein Messer mehr sehen und litten an Schlaflosigkeit. Ein weiterer dachte an therapeutische Hilfe, woraus wegen langer Wartezeiten jedoch nichts wurde. Die Familie ist da, das Leben geht weiter.

Spannend war zudem noch folgendes: Aussagen, die bei der polizeilichen Vernehmung getätigt wurden, wichen bei den Rekonstruktionen der Vorgänge vor Gericht teils erheblich voneinander ab. Klar, bis zur Verhandlung vergingen Monate. Und so wurden Geladene immer wieder mit ihren eigenen Aussagen konfrontiert, die sie damals getätigt hatten. Es galt zu eruieren: Was kommt dem tatsächlichen Geschehenen näher? Wirkte der Beschuldigte nun betrunken oder kam er auf sicheren Füßen daher? Versuchte der 35-Jährige bereits bei dem ersten Aufeinandertreffen an einer Gaststätte am Ehinger Platz die Anwesenden abzustechen oder erst beim zweiten Mal? Es blieb nicht vollends geklärt.

Das Verfahren wird mit zwei Terminen fortgesetzt. Unter anderem wird noch die Mutter sowie die Ehefrau des Beschuldigten vernommen.