Sich sich um Indien zu bemühen ist richtig, und zwar ohne erhobenen Zeigefinger. Pragmatismus braucht es auch an anderer Stelle, kommentiert Christian Gottschalk.
Natürlich sind Kanzlerreisen auch ein Symbol. Dass Friedrich Merz seine erste Asien-Visite in Indien absolviert hat, Peking aber erst im nächsten Monat auf der To-go-Liste steht, das sendet ein Signal. Überschätzen muss man das nicht. Merz ist nicht Merkel. Von der inzwischen als zu chinafreundlich empfundenen Politik der Altkanzlerin möchte sich der Amtsinhaber abgrenzen, nicht nur in diesem Bereich.
Angespanntes Verhältnis zu China
Allerdings hat sich die Welt seit Merkels Kanzlerschaft auch radikal verändert. Es ist fraglich, ob Merz bei der Zurückhaltung gegenüber China bleiben kann, die er sich bei Amtsantritt vorgenommen hat. Unklar ist auch, ob Indien für Deutschland auch nur ansatzweise die Rolle übernehmen kann, die China bisher hatte. In einem Punkt kann Indien allerdings tatsächlich als Inspiration dienen: Das Land geht seinen Weg, ohne sich von anderen vereinnahmen zu lassen.
Die wohl größte Konstante der indischen Außenpolitik ist ein angespanntes Verhältnis zu China. Unlängst hat Indien den Nachbarn als bevölkerungsreichstes Land überholt. Wirtschaftlich ist der Abstand noch gewaltig, auch wenn Indien beachtliche Fortschritte macht. Zu den USA galten die Beziehungen jahrelang als eng und freundschaftlich, nicht zuletzt, weil sich die USA auch gegen China positionieren. Trumps Zollpolitik stellt dies auf eine harte Probe. Dafür läuft es für Delhi bestens mit Moskau – dem großen Freund Chinas, dem großem Aggressor in Europa. Dass sich Indien von Russland abwenden könnte, um Europa zu gefallen, das ist illusorisch.
Von eigenen Ansprüchen abrücken
Vielleicht ist ja gerade das die wichtigste Botschaft, die von der Merz-Reise ausgeht. In Zeiten, in denen weltpolitisch kein Stein auf dem anderen bleibt, muss man selbst beweglich bleiben, flexibel, und auch von eigenen Ansprüchen abrücken. Indien macht das vor. Es ist vor allem das aktuell angespannte Verhältnis zu den USA, das das Land dazu bringt, nach Europa und Deutschland zu schielen. Wie intensiv und dauerhaft, das wird sich zeigen müssen. Das nun avisierte Handelsabkommen mit der EU hatte schon der Vorgänger von Friedrich Merz bei seiner Reise auf den Subkontinent in Aussicht gestellt, das ist drei Jahre her. Geschehen ist seither nicht viel.
Für Deutschland heißt das: Sich um Indien zu bemühen ist richtig, und zwar pragmatisch, ohne erhobenen Zeigefinger, weil Indien Waffen und Öl aus Russland bezieht. Pragmatismus braucht es aber nicht nur hier, sondern gleichermaßen auch bei anderen Partnern. Das Verhältnis zu China ist schwierig geworden, verzichtbar ist eine Zusammenarbeit nicht. Eher sind an dieser Stelle mehr Bemühungen und Engagement gefragt. Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten, wo nichts von dem mehr selbstverständlich ist, was einstmals selbstverständlich war.
Deutsche Stimme verliert an Bedeutung
Die Zukunft der Welt wird maßgeblich durch die Rivalität zwischen den USA und China geprägt werden, wirtschaftlich, technologisch, geopolitisch. Die deutsche Stimme wird an Bedeutung verlieren. Das ist schon jetzt spürbar. Deutschland wird eher informiert denn konsultiert, als strategische Taktgeber treten Paris und Warschau immer stärker in Erscheinung denn Berlin.
Für den Kanzler wird die Herausforderung darin bestehen, sich zwischen den Blöcken zu bewegen, ohne zerquetscht zu werden. Möglichst nicht als Alleinunterhalter, sondern in einem europäischen Verbund. Der ist oftmals eher Wunsch denn Wirklichkeit. Auf jeden Fall bedeutet es mehr Aufmerksamkeit für Gegenden und Staaten, deren Situation mit der deutschen in Teilen vergleichbar ist. Für Japan und Südamerika, für Zentralasien, die arabische Welt oder Indonesien – und für Indien.