Äußerlich macht die „Hitler-Linde“ keinen rechtslastigen Eindruck. Foto: red/privat

90 Jahre, nachdem der „Führer“ durch Nellingen fuhr, vermarkten Gemeinde und Schwäbischer Albverein den Besuch auf einem Rundwanderweg und in einer Broschüre. Wie kann das sein?

Der Kabarettist Werner Finck hat es in der für ihn typischen Doppeldeutigkeit so ausgedrückt: Seine neue Adolf-Hitler-Eiche sei gerade noch ganz klein gewesen. Nur bis zu den Knöcheln sei sie ihm gegangen. „Dann reichte sie mir bis an die Knie, und jetzt steht sie mir schon bis zum Hals.“ Über die Hitler-Linde in Nellingen auf der Alb (Alb-Donau-Kreis) konnte man das wohl noch nie sagen. Sie war schon groß und mächtig – und den Nellingern über den Kopf gewachsen –, als sie 1933 auf den Namen des Diktators getauft wurde.

 

Heute steht sie immer noch dort. Und obwohl man dem stattlichen Baum seine braune Vergangenheit nicht ansieht und er in den Flurkarten längst wieder als „Große Linde“ verzeichnet ist, vermarkten Gemeinde und Schwäbischer Albverein jetzt wieder den alten Namen. Die „Hitler-Linde“ ist eine Attraktion auf dem neu ausgewiesenen historischen Rundweg „Bärenpfad“. Sie habe „zwischenzeitlich diesen Namen getragen“, erfährt man ganz unverstellt auf einer Hinweistafel, „weil im September 1933 der Reichskanzler Adolf Hitler, Hermann Göring und Erwin Rommel von hier aus ein Herbstmanöver der Deutschen Wehrmachtsverbände beobachtet“ hätten. Das Ereignis habe „viele Zuschauer auf diesen Feldherrnhügel“ angelockt.

Radtouristen sind irritiert

Tatsächlich war wohl nicht Rommel, der „Wüstenfuchs“, sondern der spätere Reichskriegsminister Werner von Blomberg bei dem Manöver anwesend. Doch diese kleine Ungenauigkeit sollte man Werner Staudenmaier, der die Bärenpfade im Auftrag von Albverein und Gemeinde mit den Schildern bestückt hat, nachsehen. „Ich finde, man sollte dieses Kapitel der Geschichte nicht aussparen“, sagt der Hobbyhistoriker. Bei manchem Radtouristen, der den nahe gelegenen neuen Bahnhof in Merklingen als Startpunkt für eine Ausfahrt auf der Alb nutzt, verursacht die Hitler-Linde hingegen Irritationen. Der Text lese sich gerade so, als ob die Nellinger immer noch stolz auf den Hitlerbesuch von 1933 seien, schreibt ein Ausflügler an unsere Zeitung. „Welche Gräueltaten im Namen des Führers in den folgenden zwölf Jahren erfolgten, wird nirgends erwähnt.“

Hätte man das tun sollen oder weiß das sowieso jeder? Er habe doch nur sachlich auf die Episode hinwiesen wollen, verteidigt sich Staudenmaier. Doch ist die Vorstellung Hitlers als „Reichskanzler“ sachlich genug? Ihm seien bisher noch keine Beschwerden zu Ohren gekommen, meint der Bürgermeister Christoph Jung. Von dem Thema ist er hörbar überrascht. Man habe doch lediglich historische Orte einbinden wollen. Deshalb werde auch auf das Kaiserplätzle und das Kuhloch hingewiesen. Am einen soll der württembergische König Wilhelm II. einmal gesessen haben, am anderen wurde bis 1950 totes Vieh entsorgt.

Lässt sich da noch nacharbeiten?

Doch was sagt eine professionelle Historikerin zu der Posse um die Hitler-Linde? Sabrina Schmitz-Zerres vom Institut für Geschichtsdidaktik in Tübingen findet es auf jeden Fall einmal löblich, dass überhaupt auf die historischen Orte hingewiesen werde. In einem zweiten Schritt ließe sich aber vielleicht noch etwas nacharbeiten. Da gebe es spannende Fragen, die zum Beispiel mit Schülern für eine weitere Hinweistafel bearbeitet werden könnten: „Was wurde politisch mit diesem Baum gemacht? Welche Formen von Inszenierung, Personalisierung und Personenkult gab es damals? Und warum ist das heute noch so präsent?“ Denn das stimmt ja auch: Vielen, vor allem älteren Nellingern, ist der Baum auch ohne Hinweisschild noch als Hitler-Linde bekannt.

Bäume, ob Linden oder Eichen, wurden übrigens sehr häufig im Nationalsozialismus zur Heroisierung verwendet. Das Naturmaterial bot sich an. Für Hitler-Statuen war den Nazis der Stahl zu schade. Den brauchten sie für ihren Krieg. Auf ihn arbeiteten sie bei jenem Herbstmanöver, zu dem „am 6. September der Führer das Dorf durchfuhr“, wie die örtliche NSDAP in einem damaligen Rundschreiben stolz vermeldete, schon hin. Am Kriegerdenkmal des Ortes lässt sich nachlesen, wie viele Nellinger später dabei ihr Leben verloren.