Ola Källenius ist seit knapp sieben Jahren CEO des Stuttgarter Autoherstellers Mercedes-Benz. Foto: Marijan Murat/dpa

Bei der Hauptversammlung müssen sich die Mercedes-Vorstände und Aufsichtsräte den Aktionären stellen. Analystin Tanja Bauer von Deka Invest sieht bei Mercedes nur wenig Lichtblicke.

Die Zukunft des einst strahlenden Sterns von Mercedes-Benz scheint „eher vernebelt“, und Konzernchef Ola Källenius stehe vor seiner „finalen Chance“, langfristig ein profitables Wachstum zu sichern. Diese deutliche Botschaft sendet die Deka Investment, einer der größten deutschen Vermögensverwalter, im Vorfeld der Hauptversammlung am 16. April an die Führung des Stuttgarter Autobauers. Trotz der scharfen Kritik erkennt der Investor auch einige Lichtblicke an.

 

Tanja Bauer, Spezialistin für Nachhaltigkeit und Corporate Governance (gute Unternehmensführung) bei der Deka, richtet sich in ihrer Rede zur Hauptversammlung, die unserer Redaktion vorliegt, direkt an den Mercedes-Chef: „Ihre Luxusstrategie war eine glänzende Vision, wurde aber leider zur trüben Realität.“ Obwohl Mercedes global noch zu den Top-3-Premiumanbietern zählt, verliert der Konzern laut Bauer „vor allem in China und in den USA an Dynamik gegenüber BMW und Audi“. Besonders drastisch zeigt sich dies im wichtigen chinesischen Markt im Jahr 2025: Während auch BMW (einschließlich Mini: minus 8,4 Prozent) und Audi (minus 5 Prozent) Rückgänge verzeichneten, brach der Absatz von Mercedes um ganze 19 Prozent ein.

Tanja Bauer vertritt bei der Mercedes-Hauptversammlung die Fondsgesellschaft Deka. Foto: Deka

Mercedes CLA in China bisher nicht stark gefragt

„In China – wo jeder dritte Mercedes verkauft werden sollte – reichen Luxusmodelle längst nicht mehr aus. Lokale Wettbewerber besetzen den Markt aggressiv in allen Segmenten“, führt Bauer aus. Källenius sagt: „China ist für die Autoindustrie so etwas wie das härteste Rennen der Welt.“ Der neue, vollelektrische CLA galt als Hoffnungsträger, auch für den chinesischen Markt. Während das bisherige Einstiegsmodell in Europa gut bei den Kunden ankommt, wird er in China bisher nicht stark nachgefragt.

Zwar begrüßt Bauer, dass Mercedes weitere Preissegmente bedienen will – wohl eine Anspielung auf das jüngst angekündigte neue Einstiegsmodell. Doch die entscheidende Frage bleibe: „Wo ist die China-spezifische Produktoffensive, die tatsächlich mit BYD, Nio und Li Auto mithalten kann?“, fragt die Analystin. Mercedes-Chef Källenius scheint den Vorwurf, der nicht neu ist, in seiner eigenen Rede vorwegzunehmen und betont: „Aufgrund der großen Nachfrage unserer Kunden und Händler, insbesondere in Europa, wird es ein weiteres Einstiegsmodell geben. Unterhalb des CLA.“ Mercedes-Produktionschef Jörg Burzer sagte vor einigen Wochen gegenüber der „Automobilwoche“, dass sich das geplante Modell noch stärker an jüngere Zielgruppen in Europa wende – das dürfte das China-Problem somit nicht lösen. Källenius verspricht, das Geschäft noch stärker lokal auszubauen. Das betreffe die Produkte, die Technologien, die Produktion und die Lieferketten.

Deka: Mercedes bei CO2-Zielen im Rückstand

Die Deka befürchtet des Weiteren, dass Mercedes beim Erreichen der CO₂-Flottengrenzwerte seinen Wettbewerbern hinterherhinkt. Laut dem Dachverband Transport & Environment ist Mercedes der einzige große EU-Hersteller, bei dem die Erfüllung der CO₂-Vorgaben bis 2027 aktuell nicht sicher scheint. Daraus könnten hohe Kosten durch Strafzahlungen oder den Kauf von Zertifikaten resultieren. Tanja Bauer wendet sich in ihrer Rede daher direkt an den Aufsichtsratsvorsitzenden Martin Brudermüller und fragt: „Wie überwachen Sie als Aufsichtsratsvorsitzender die Vereinbarkeit der konzerninternen CO₂-Planungen mit den EU-Zielpfaden?“

Brudermüller geht in seiner Rede ebenfalls auf diese Ziele ein, verknüpft sie jedoch mit dem Vergütungssystem der Mercedes-Vorstände. Er betont: „Langfristige ESG-Ziele – insbesondere CO₂-Zielgrößen sowie der Anteil von Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeugen am Absatz – bleiben ein zentraler Bestandteil.“ Ob der Aufsichtsrat konkret auf Maßnahmen zur Zielerreichung pochen wird, zeigt sich dann bei der Hauptversammlung. Mercedes-Chef Källenius hält in seiner Rede fest, dass die CO₂-Neutralität das langfristige Ziel seiner Strategie bleibe.

Ein Lichtblick ist aus Sicht der Deka der Free Cash Flow – die Kennzahl für den operativen Geldfluss eines Unternehmens – sowie die erfolgte Restrukturierung des Konzerns. „Finanzvorstand Harald Wilhelm hat geliefert“, lobt die Analystin und verweist auf das Effizienzprogramm „Next Level Performance“. Dieses Programm sieht vor, dass Mercedes bis 2027 dauerhaft jährlich fünf Milliarden Euro einsparen will, unter anderem durch geringere Produktionskosten, das Nicht-Nachbesetzen von Stellen und das bereits abgeschlossene Abfindungsprogramm.

„Letzte Chance für Mercedes-Chef, Wachstum zu sichern“

Dennoch fasst Bauer ihre Kritik zusammen: „Sie haben die technologische Kompetenz. Sie haben die Marke. Sie haben die Bilanz. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung.“ Aus ihrer Sicht sind nun vier Dinge essenziell: eine konsequentere Ausrichtung auf wachstumsstarke Segmente, eine klare Behebung der China-Schwächen sowie ein höheres Tempo bei profitabler Elektrifizierung und beim Ausbau softwarebasierter Geschäftsmodelle. Tanja Bauer schließt mit einem Appell an den Konzernchef: „Herr Källenius, es ist Ihre finale Chance, langfristiges profitables Wachstum für Mercedes zu sichern.“