Sven Schimmel war Fußballprofi. Nun coacht er Athleten, die im mentalen Bereich besser werden wollen. Ein immer noch unterentwickeltes Segment im Spitzensport.
Irgendwann wurde es Sven Schimmel zu viel. Der ständige Druck, die nahezu tägliche Bewertung und Trainer, die es als Coaching verstanden, Spieler vor versammelter Truppe bloßzustellen. Er stieg aus. Beendete mit 23 Jahren aus freien Stücken seine Karriere. Beerdigte seinen großen Traum, den er verfolgte, seit er ein kleiner Junge war. Die mentale Last wurde einfach zu groß.
Bereits mit 12 kam er ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des VfB Stuttgart. Durchlief alle Jugendteams, schaffte immer den Cut. War zwar nie der Beste, aber immer einer der Fleißigsten. Bei der U 21 sammelte er erste Drittligaerfahrung, bei Wehen Wiesbaden stand er vor dem Sprung nach weiter oben, hatte Angebote aus der 2. Bundesliga. Doch nach insgesamt 108 Spielen in der 3. Liga kam der Cut.
„Ich habe mir immer sehr viel Druck gemacht“, erinnert sich Schimmel. Eine schwierige Situation für den Jungprofi. „Als Spieler habe ich gar nicht hinterfragt, ob ich etwas ändern oder daran arbeiten könnte. Es war eine aufstrebende Karriere, aber ich habe es mental in der Situation damals einfach nicht geschafft.“ Hilfe von außen gab es keine. Sportpsychologie hat damals in der Branche noch kaum eine Rolle gespielt.
Das war vor 13 Jahren. Um seine Erlebnisse zu verarbeiten, begann er, ein Buch zu schreiben. Und landete über einen Zufall so in der Coaching-Ausbildung. Heute ist er ein gefragter Mentaltrainer. Bundesliga-Profis und -Schiedsrichter gehören unter anderem zu seinen Klienten. Gemeinsam mit seiner Frau Laura hat er ein gut laufendes Geschäft hochgezogen, bildet mittlerweile auch Mentaltrainer aus – darunter die VfB-Stürmerin Jana Beuschlein. So wurde über die Jahre aus der „Sven Schimmel Coaching & Consulting Gbr“ die „Idol Mind GmbH“ und zum Kundenstamm gehören mittlerweile auch Vereine, Eltern von Talenten, Partner und Wegbegleiter der Athleten.
Schimmel widmet seine ganze Energie dem wohl einzigen Segment im Spitzensport, das als noch nicht ausentwickelt gelten darf: dem Mentalen. Athletik, Ernährung, Schlaf, Daten, Analyse – überall gilt der Fußball als hochentwickelt und möglicherweise bereits am Ende des Machbaren angekommen. Doch „mentale Arbeit ist noch lange nicht ausentwickelt. Vieles ist sogar immer noch recht neu, ja sogar unberührt“, sagt Schimmel. „Seit Jahren reden wir darüber, dass der Kopf vieles entscheidet. Aber keiner arbeitet daran“, legt er den Finger in die Wunde. Immerhin, es scheint ein Licht am Ende des Tunnels.
Mentales Training darf kein Tabuthema mehr sein
„Die Akzeptanz in der Spieler-Bubble bessert sich. Da wandelt sich vieles zum Positiven“, sagt der 36-Jährige, der das zum Teil auch am Generationswechsel festmacht. Die nachkommenden Generationen von Jungprofis widmen sich dem Sport und ihrem Tun ganzheitlicher als noch vor einigen Jahren. Aus der Sicht Schimmels kann das aber nur der Anfang sein. Das Thema müsse „raus aus der jetzigen Rolle, darf kein Tabuthema mehr sein“. Oder als Schwäche ausgelegt werden.
Zumal im Spitzensport noch reichlich unausgeschöpftes Potenzial schlummert. „Leistungssport hat viel mit Anerkennung zu tun. Das ist wie eine Droge. Die meisten Leistungssportler haben aber ein brüchiges Selbstbild, das ohne Bestätigung von außen schnell Schaden nimmt“, so Schimmel. Gerade bei solchen Fällen könne man mit mentalem Training großes Potenzial freilegen.
Podcast zum Thema: Unsere Redaktion hat Schimmel getroffen. Flankierend zu diesem Text ist ein 90-minütiger PodCannstatt-Spezial entstanden. Der Mentaltrainer spricht dort ausführlich über seine Zeit beim VfB Stuttgart, das abrupte Karriereende und den Weg, den er seitdem beschreitet. Die Folge gibt es überall, wo es Podcasts gibt.