Robert Neumann hat in der Meisterpianisten-Reihe von Russ Klassik im Beethovensaal Schubert, Skrjabin und Chopin gespielt.
Wenn, nach Immanuel Kant, Genie das Talent ist, welches der Kunst die Regel gibt, so kann wenig Zweifel daran bestehen, dass Robert Neumann dies für sich in Anspruch nimmt. Denn schon beim ersten Programmpunkt seines Recitals in der Meisterpianistenreihe von Russ Klassik am vergangen Freitag im Beethovensaal nimmt er eine Tradition wieder auf, die im heutigen Konzertleben fast ausgestorben ist: das Weiterspinnen klassischer Werke und Improvisieren von Übergängen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war diese Praxis, gerade in Händen unzweifelhafter Genies wie Beethoven und Mozart, durchaus geläufig. Auch Franz Liszt pflegte Kompositionen bei Konzerten al gusto zu erweitern.
Sind Schuberts Drei Klavierstücke für derlei Eingriffe geeignet?
Die Frage ist allerdings, ob Franz Schuberts Drei Klavierstücke D 946, die Neumann – ohne Ankündigung im Programmheft – mit mehrminütigen Improvisationen zwischen den Sätzen versah, für derlei Eingriffe wirklich geeignet sind: denn die in Schuberts Todesjahr geschriebenen Werke bieten in ihrer formalen Geschlossenheit und existenziellen Dringlichkeit wenig Ansätze, irgendetwas weiterzuführen oder daran anzudocken.
Hier ist sich jeder Ton genug, benötigt keinen Kommentar, und soweit bekannt ist, hat nicht einmal der sonst wenig zimperliche Franz Liszt diese Stücke angefasst. Tatsächlich nehmen Neumanns – handwerklich durchaus eloquente – Übergänge den Werken einiges von ihrer Wirkung, zumal der 24-Jährige auch (noch) wenig Gespür beweist für das Resignative, latent Bedrohte, das in Schuberts Klaviermusik selbst in vordergründig heiteren Themen beständig mitschwingt.
Tiefes Verständnis für Skrjabin
Das ist insofern schade, als der für die erkrankte Beatrice Rana eingesprungene Neumann künstlerisch viel zu bieten hat. In Skrjabins Sonate fis-Moll op. 23 etwa beweist er ein tiefes Verständnis für die transzendierenden Klangwelten des russischen Mystikers, und auch die immensen Herausforderungen von Chopins Etüdenzyklus op. 10 bewältigt er großenteils mit Bravour, wenngleich man sich manchmal etwas weniger ehrgeizige Tempi und Pedaleinsatz und dafür mehr Klarheit gewünscht hätte.
Viel Beifall, drei Zugaben: Rachmaninovs op.33/6, Chopins op.25/12 und eine knappe – improvisierte? – Skizze zum Schluss.