Zu Gast im Beethovensaal: Der Pianist Jan Lisiecki Foto: Christoph Koestlin/Deutsche Grammophon

Das zweite Meisterkonzert der SKS Russ mit dem London Philharmonic Orchestra und dem Pianisten Jan Lisiecki sorgt im Beethovensaal für seltene Glücksmomente.

Stuttgart - Man wird, wenn man häufig Konzerte besucht, einerseits kritischer gegenüber dem Durchschnittlichen, bloß routiniert Gelungenen. Andererseits ist man umso dankbarer für jene seltenen Glücksmomente, die sich ereignen können, wenn Inspiration und Können an einem besonderen Abend zusammentreffen. So geschehen beim zweiten Meisterkonzert der SKS Russ mit dem London Philharmonic Orchestra und dem Pianisten Jan Lisiecki im Beethovensaal.

 

Beethovens Egmont-Ouvertüre bot eine erste Kostprobe der Spielkultur dieses Orchesters, die nach der Pause mit Sibelius’ zweiter Sinfonie einen nachgerade überwältigenden Ausdruck fand. Edward Gardner, der neue Chefdirigent der Londoner, verortete Sibelius dabei nicht als spätromantischen Tschaikowsky-Epigonen, sondern als Erlösungsmystiker im Geiste Gustav Mahlers. Sibelius’ folkloristisch geprägte Motive erschienen in diesem Kontext nurmehr als Zitat, als Reminiszenz an einen (verlorenen?) Naturzustand, während der existenzielle Grundton der Musik schon die Zerwürfnisse der Moderne artikulierte.

Lisiecki bringt Melodien zum Sprechen

Mag Schumanns a-Moll-Klavierkonzert auch ein vergleichsweise versöhnliches Werk sein, so hatten sich ihm Gardner und sein Orchester zuvor mit derselben Akribie in puncto klanglicher Gestaltung und Ausdrucksdifferenzierung gewidmet. Ein hellwaches Musizieren voller Esprit, das in Jan Lisiecki einen idealen Partner hatte.

Der 26-jährige Kanadier bewies dabei, warum er als einer der herausragenden jungen Pianisten gilt. Vorbildlich, mit welcher Klarheit und Transparenz er die Texturen des schumannschen Klaviersatzes auffächerte: mal fast rezitativisch Melodien zum Sprechen bringend, mal, wie in der Kadenz, expressiv die Grenzen des pianistisch Möglichen auslotend, immer in perfekter Abstimmung mit dem Orchester. Hat man die dialogisierenden Passagen von Klavier und Holzbläsern jemals so wunderbar ausgespielt gehört? Am Ende jeder Hälfte Ovationen und je eine Zugabe von Pianist und Orchester: Chopins Nocturne No. 21 c-Moll und Sibelius’ „Valse triste“.

Gäste des nächsten Meisterkonzerts am 9. Dezember: die Bamberger Symphoniker mit dem Geiger Frank Peter Zimmermann