Bei den „Meisterkonzerten“ waren das London Philharmonic Orchestra und die Cellistin Julia Hagen in Stuttgart zu Gast.
Drei Werke, drei Stile, eine Epoche: Die Ära der musikalischen Romantik, die am Donnerstagabend das London Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Edward Gardner durchschreitet, hat nur auf den ersten Blick etwas Gleichförmiges. Auf den zweiten entfalten sich im Stuttgarter Beethovensaal drei Kompositionen, deren klangliche, strukturelle und emotionale Vielfalt von den glänzend aufgelegten Musikern bis in Details ausgeleuchtet wird.
Zwischen Romantik und Moderne
Ganz besonders gilt dies für Sergej Rachmaninows (von einer einsätzigen „Jugendsinfonie“ einmal abgesehen) dritten Versuch, sich auf dem Gebiet der Sinfonie zu behaupten. Er ist dem im Schweizer Exil komponierenden Russen 1936 zunächst nicht geglückt: Sowohl bei der Premiere in Philadelphia (unter Stokowski) als auch bei der folgenden europäischen Erstaufführung in (unter Beecham, übrigens mit dem London Philharmonic Orchestra!) vermisste man vor allem die „schmelzende Melodien“ des Komponisten.
Fast neun Jahrzehnte später ist der Blick ein anderer geworden und der dirigentische Zugriff ebenfalls. Rachmaninows eigenwillige Scharnierfunktion zwischen Romantik und Moderne macht die Aufführung überdeutlich, ganz besonders in der mit Prokofjew-Schärfen gewürzten Scherzo-Enklave des Adagios.
Vom Licht Italiens inspiriert
Die feine strukturelle Vernetzung des Stücks, die klangfarbliche Raffinesse seiner Instrumentierung, die Solopassagen von Horn, Harfe und Violine zu Beginn des Mittelsatzes: All dies darf sich hier in Ruhe und Schönheit entfalten. Und ebenso wie in Edward Elgars wirkungsvoller Konzert-Ouvertüre (oder eher Tondichtung) „In the South“, die vom Licht Italiens ebenso inspiriert ist wie von dunklen, wuchtigen (Kriegs-) Erinnerungen, gelingt dem Londoner Orchester eine exzellente Balance zwischen Pathos und Kontrolle.
Dass die Londoner Philharmoniker auch bei Camille Saint-Saëns’ hochvirtuosem erstem Cellokonzert keineswegs nur Stichwortgeber sind, hat auch mit der Solistin zu tun: Julia Hagen, Tochter des Cellisten Clemens Hagen vom Salzburger Hagen-Quartett, ist für den von einer Handverletzung ausgebremsten Sheku Kanneh-Mason eingesprungen, und die Österreicherin nimmt Dirigent und Orchester in die Pflicht.
Tatsächlich geht es hier zuallererst um Kammermusik, um ein ausgefeiltes dialogisches Geben und Nehmen. Julia Hagen, gerade noch als Nachwuchstalent preisgekrönt und gleichzeitig schon Professorin in Wien, ist keine Diva. Sondern eine musikalische Gestalterin mit der Begabung zu unterschiedlichsten Sprachen und Tonfällen. Das verhilft dem pausenlosen Stück zu Durchsichtigkeit und zu großer rhetorischer Schlüssigkeit.
Im Menuett-Teil nähert die Solistin ihren Ton den gedämpften Streichern an, und auch der Klang der Solo-Oboe zu Beginn des Allegro-Schlussabschnitts fließt in ihr Spiel ein. Begeisterter Beifall, als Zugabe gibt’s das Prélude aus Bachs erster Solosuite.