Meisterpianist Luis Fernando Pérez faszinierte das Publikum im Franziskaner Konzerhaus mit seiner konzentrierten, mitempfindenden Interpretation am Flügel. Foto: Joachim Westendorrf Foto:  

Ein wahrlich gigantisches Klavierrezital unter dem Motto „Spanische Nächte“ erlebten die Besucher im Franziskaner Konzerthaus in Villingen mit Luis Fernando Pérez aus Madrid.

Der Auftakt der diesjährigen Saison des Kleinen Zyklus der Meisterkonzerte im Franziskaner Konzerthaus in Villingen darf ohne weiteres mit „mehr als außergewöhnlich“ beschrieben werden.

 

Bei heißen Julitemperaturen des vergangenen Sommers war Luis Fernando Pérez bereits mit Rachmaninows solistisch höchst anspruchsvollem drittem Klavierkonzert gemeinsam mit dem Sinfonieorchester VS zu hören. Beglückend nun die Wiederbegegnung mit diesem Klavierkunstexperten ganz eigener Güte, der sich besonders auch zur Darbietung von Werken spanischer Komponisten entschlossen hat und als ein exzellenter Interpret auftritt.

Das Programm umfasste ausschließlich spanische Musik, die so in Villingen noch nie zu hören war. Ganz neu also, ohne bekannte Werke aus der Mitte Europas. Pérez wählte eine Werkfolge, die sich steigernd von Beginn an fesselte.

Im Einführungsvortrag vorweg von Felizitas Friedrich erfuhr man Hintergrundwissen zum Verständnis des in allen Werken gründenden neuen nationalen spanischen Bewusstseins seiner Zeit. Frederico Mompou perfektionierte seine Technik der Umschreibung und Fortführung in der Komposition. In den „Scènes d’enfants“ hört man daher kleine Formen, dynamisch, kräftig, leise, impulsiv, schnelle Wechsel: so wie sich Kinder hüpfend auf dem Spielplatz bewegen. Schon da verwächst Pérez schier mit seinem Instrument in voller Konzentration, lehnt über den Tasten, ist wieder auf Abstand, kommt zur Ruhe, erneut in Bewegung, oft mit Mimik und Ernsthaftigkeit im Gesicht.

Elemente des Flirtens

Er spielt alles, wirklich alles, an diesem Abend aus dem Gedächtnis – eine unfassbare Begabung und Leistung. Pérez widmet zwei Programmpunkte Enrique Granados, bekannt für dessen Bewunderung des Malers Franzisco Goya und daraus folgender Inspiration. In den drei spanischen Tänzen kommen daher auch volkstümliche Elemente des Flirtens zum Ausdruck, Annäherung und Abweisung, zurückgehend auf altes Liedgut. „Galante“ steckt voller Intensität, „Oriental“ wirkt leichtfüßig mit perlenden Läufen. Pérez große feingliedrige Hände formen die Musik einfühlsam berührend.

„Andaluza“ ist eine auch bei uns bekannte Melodie, wie in der Bearbeitung für Violine und Klavier, kräftig und klar, hier strahlt das junge Solistengesicht. So folgen zwei Stücke aus „Goyescas“, der letzten Schaffensphase Granados´, mit den Inhalten vom Leben und Leiden jung Verliebter und der Balade von Liebe und Tod.

Cascade aus Leidenschaft, Leben, Liebe und Laster

Schwingend lange Melodien bei „Quejas…“, Dramatik und großer Klang auf dem prächtigen Flügel, eine klangliche Bewegungsperformance verzaubert die Hörerschaft bei dieser Cascade aus Leidenschaft, Leben, Liebe und Laster. Atemlose Stille im Publikum.

Die Kompositionen von Isaak Albéniz stellen hohe Anforderungen beim Spiel. Aus seiner Iberia-Suite vermittelt „Evocation“ Gefühle von Erweckung und Intensität, „El Puerto“ klingt wie improvisiert und ist doch komponiert mit fast jazzigen Elementen eines fröhlichen Lebens, „El Albaicin“ wird lebendig, energiereich, nachdenklich, mit tosenden Läufen oder stillen Bächen geprägt und gewaltigen Tastensprüngen beendet.

Manuel de Falla, zurück aus dem Exil nach Bürgerkriegsende, grenzt sich vom Hispanismus ab, besinnt sich dennoch auf volksmusikalische Elemente. Als mächtiges Werk zum Finale erklingt die Suite „El Amor Brujo“. Große Klänge in tragender Habanera, perfekte Triller und lockere Läufe im Danza del terror bis zwölf Glockenschläge um Mitternacht (a medianoche) einen furiosen Feuertanz entfachen. Meister Luis Fernando Pèrez ist gefordert, bleibt überlegen bei Impulsivität, Emotion, überraschenden Wendungen und rasenden Tönen.

Ein unvergesslicher Abend

Auf Deutsch spricht Pérez kurz Dank ans atemlose Publikum, die erste Zugabe ein argentinischer Tango, dann – extra für die anwesenden vielen jungen Klavierschüler – nochmals ein Tastenzauberfeuer mit „Asturias“ von Albéniz. Da fehlen selbst dem Rezensenten die Worte. Was für ein unvergesslicher Abend!