Das City of Birmingham Symphony Orchestra und Kirill Gerstein haben unter der Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla im Beethovensaal in Stuttgart gespielt.
Fein, dieser Schumann: voller Dämmertöne, Schattenwürfe, aber auch scherzohafter Leichtigkeit. Gerade im Finale. Alles jedenfalls wird poetisch durchdrungen in dieser Interpretation seines Klavierkonzerts, die jetzt in der Meisterkonzert-Reihe im Beethovensaal zu hören war. Das Ergebnis einer innigen Teamarbeit: auf der einen Seite das hoch konzentriert agierende City of Birmingham Symphony Orchestra mit seiner Noch-Musikdirektorin Mirga Gražinytė-Tyla. Und am Flügel Kirill Gerstein, ein souveräner Gestalter, der mit luzider Technik ans Werk geht. Nein, kein Prankendonnerüberwältigungsversuch nervt in der finalen Stretta, alles schlank im Klang und quirlig und zurückhaltend pedalisiert.
Großartige Dirigentin
Alle Stimmen im groß besetzten Orchester genau herauszuarbeiten, das Ineinandergreifen des Gestischen und Sprachlichen in der Musik auf diese Weise plastisch hörbar zu machen: Darin offenbart sich die Größe von Mirga Gražinytė-Tyla, die, seit 2016 an der Seite des Birminghamer Orchesters, zum Weltstar avancierte und zukünftig frei arbeiten möchte. Ihr Dirigierstil ist genau und ausdifferenziert – mit ballettös-pointierten Armschwüngen, elegant aus dem Handgelenk gerührten Taktstockwirbeln, energiebündelnder Fingerakrobatik. Man sieht und hört selten den Zusammenhang zwischen Dirigiertechnik und Klangergebnis so deutlich wie bei ihr. Auch der eingangs gespielten, neoklassizistischen ersten Sinfonietta von Mieczysław Weinberg kommt ihr sensibler Umgang mit dynamischen Verhältnissen und rhythmisch-metrischer Pointierung natürlich zugute: mitreißende Musik, mal delikat und seufzend, mal tänzerisch und kichernd, oft sehr intim.
Mal wieder Prokofjew
Weinberg, 1939 als Jugendlicher aus Polen vor dem nationalsozialistischen Horror nach Moskau geflohen, gehörte später zu den wichtigsten russischen Komponisten. In den Westen allerdings drang sein Name nicht. Erst in den letzten Jahren geriet er ins Bewusstsein der hiesigen Klassikszene. Auch dank Gražinytė-Tyla.
Schade, dass nicht eine seiner Kompositionen zum Hauptwerk dieses Abends auserwählt wurde. Stattdessen erklang nach der Pause wieder einmal die „Romeo und Julia“-Suite von Prokofjew. Das umfangreiche Werk ist in fast jeder Saison in einer der Russ-Reihen zu hören. Wenn man schon über sinkende Abonnentenzahlen klagt, sollte man vielleicht zuerst einmal die Wiederholungsstruktur seiner Programme durchbrechen. Es gibt eben auch ein Publikum, das solches anödet.