Der Pianist Bruce Liù Foto: Bartek Barczyk

Die „Meisterkonzert“-Reihe präsentiert zwei Shootingstars der Klassik: den finnischen Dirigenten Santtu-Matias Rouvali und den chinesisch-kanadischen Pianisten Bruce Liù.

Natürlich kann er das: Bruce Liù, der heute 26-jährige Preisträger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs von 2021, hat keine spieltechnischen Begrenzungen. Das unter Pianisten gefürchtete „Rach 2“ ist für ihn weniger Hürde als Ansporn. Schon die ersten acht Akkorde des Stücks, das Sergej Rachmaninow 1901 schrieb, klingen wie aus Stein gemeißelt.

 

Dass der Kanadier mit chinesischen Wurzeln mit der linken seiner eher kleinen Hände die notierten Dezimen nicht ganz greifen kann, also das tiefe F meist als Vorschlag voranstellt, mindert die Wirkung nicht (und Rachmaninow selbst hat das als Uraufführungs-Solist ja auch getan).

Das ist ein starkes Statement. Und ein Einstieg, dem beim „Meisterkonzert“ am Sonntagabend im Stuttgarter Beethovensaal noch viel dynamisch Ebenbürtiges folgen wird. Das Londoner Philharmonia Orchestra spielt sehr laut, der Solist muss mithalten. Oder ist es andersherum? Gleichwie, das Ergebnis ist gut. Rachmaninows zweites Klavierkonzert wird präzise gespielt, die Balance stimmt, der Rhythmus ist klar, und wo sich Liù Freiheiten im Tempo nimmt, werden diese stimmig eingebettet.

Welch subtile Gestaltungskunst!

Im Orchester sitzen exzellente Musiker – was schon deshalb wichtig ist, weil Flöte und Klarinette im langsamen Satz dem hier zum Begleiter degradierten Solisten ja das schöne Thema wegnehmen. Im Eingangs- und im Schlusssatz spürt man die ganz besondere Präsenz des Pianisten. Aber zu welcher subtilen Gestaltungskunst er auch inmitten hochvirtuoser Notenkaskaden fähig ist, zeigt er vor allem bei seiner zweiten Solo-Zugabe, Nikolai Kapustins Variationen op. 41. Immerhin bietet Rachmaninows Mittelsatz Liù Raum, weitere Qualitäten aufscheinen zu lassen: hohe Anschlagskultur, hochsensibel geformte Töne, kammermusikalisches Verständnis und – bei Rachmaninow ebenso wichtig wie bei Chopin – ausgeprägten Geschmack.

Der Funke will erst nicht überspringen

Dass diese Darbietung null Komma null Prozent Sentimentalität enthält, kann einen allerdings schon ein bisschen sentimental stimmen, denn ein kleines Tränchen weint man bei diesem viel gerittenen symphonischen Schlachtross dann doch ganz gern. Womöglich ist Rachmaninows interpretatorische Ausnüchterung aber auch dem folgenden Werk geschuldet – oder zumindest der Art, wie sich der finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali diesem nähert. Der bringt mit seinem zweiten Orchester, den Göteborger Symphonikern, gerade einen sensationellen Sibelius-Zyklus auf CD heraus, fokussiert hier aber auf die Analyse. Wo Schostakowitsch im ersten Satz Klänge aus den tiefen Streichern aufsteigen lässt wie aus einer Gruft und dann mit seinen Klängen an Einzelzellen gefolterter Inhaftierter entlang zu streifen scheint, dirigiert Rouvali Musik als Addition. Alles klar, aber es fügt sich nicht zum Bogen – und nach dem wilden Auffahren des zweiten Satzes (Stalins Fratze?) geht das so weiter.

Viel Durchsicht, grelle Farben, geschärfte Kontraste, alles laut und alles gut, aber der Funke will nicht recht überspringen. Das tut er erst bei der Zugabe, dem Galopp aus Schostakowitschs Operette (!) „Moskau, Tscherjomuschki“. Auf der Bühne steppt da der Bär. Na also.