Baqer Nazari (rechts) mit seinem Chef Ralf Albert in der Redaktion des Schwarzwälder Boten. (Archivfoto) Foto: Cornelia Spitz

Während sich die Ereignisse in Afghanistan seit der Machtergreifung der Taliban überschlagen, bleibt Angehörigen in Deutschland nur eines: Bangen und Hoffen. Einer von ihnen ist Baqer Nazari. "Mein Herz tut weh und ich weiß, ich kann nichts machen", berichtet der Geflüchtete, der im Schwarzwald-Baar-Kreis lebt. 

Schwarzwald-Baar-Kreis - "Die Taliban sind schlimm", meint Nazari. Er macht derzeit eine Lehre in einem Stuckateur-Betrieb in Hüfingen. Als knapp 20-jähriger Mann floh er 2015 aus dem Land und vor der islamistischen Terrorgruppe. Wegen seines asiatischen Aussehens habe er es in seiner Heimat schon damals nicht leicht gehabt, berichtet Nazari. Welche Gefahren für Menschen wie ihn da jetzt - nach der Machtergreifung der Extremisten - erst drohen? Darauf hat der junge Mann keine Antwort. Er ist ratlos und in Sorge um seine Mutter und weitere Familienangehörige, die noch immer im Mittleren Osten leben.

 

Die Situation sei gefährlich. "Die Leute haben Angst", weiß Nazari. Der 25-Jährige steht in regelmäßigem Kontakt mit Landsleuten vor Ort. Außerdem verfolgt er das Geschehen in den sozialen Netzwerken. Derzeit würden die Taliban noch nichts "Schlimmes" machen, so sein Eindruck aus der Ferne. Frauen beispielsweise sollen weiter zur Schule gehen dürfen - aber ob die Terrormiliz diese und andere Versprechen halten wird? Die Zukunft seines Heimatlandes und der Menschen dort ist ungewiss. Das treibt Nazari um. 

Gefühl der Hilflosigkeit

Der junge Afghane kann nicht fassen, dass die Taliban das Land so schnell eingenommen haben. "Das hätte niemand gedacht", sagt er. Das Verhalten von Präsident Ashraf Ghani, der geflohen ist, findet Nazari "peinlich". Das Staatsoberhaupt habe nicht für sein Land gekämpft. "Er ist einfach gegangen."

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Für Nazari - Tausende Kilometer weg von der Heimat - bleibt nur ein Gefühl der Hilflosigkeit. "Es tut weh, dass man nichts machen kann", sagt er mehrmals. Vielleicht werden die Amerikaner doch noch einmal einschreiten? Vielleicht bleiben die Taliban so harmlos, wie sie sich aktuell geben? Diese Fragen stellt er sich. Nazari: "Ich weiß nicht, was passiert."

Wie Baqer Nazari geht es vielen Afghanen in Deutschland. Sie alle leiden unter dem Gefühl der Hilflosigkeit. Das berichtet Veronika Herz vom psychosozialen Zentrum für traumatisierte Geflüchtete Refugio Villingen-Schwenningen. 36 Afghanen werden dort betreut. Durch die aktuelle Situation ist der Gesprächsbedarf groß. Viele der Refugio-Klienten "sitzen hier und wissen, sie können nichts tun", sagt auch die Sozial- und Traumapädagogin Herz. "Das ist gerade eine ganz, ganz schwierige Situation."

Unverständnis für die deutsche Asylpolitik

Einige der Refugio-Klienten bangen zudem um Familienmitglieder, die in den vergangenen Jahren als Ortskräfte der ausländischen Truppen tätig waren. Refugio bemüht sich derzeit, einen dieser - von Racheakten besonders bedrohten - Männer außer Landes zu bekommen. Man erhalte jedoch wenig Informationen vom Auswärtigen Amt und von anderen Organisationen, klagt Herz. Die von den Taliban eingerichteten Checkpoints machten zudem alles noch schwieriger. "Es wird nicht leicht sein, Wege zu finden aus dem Land", so die Refugio-Mitarbeiterin. Und mit "Rauskommen" sei es dann ja auch nicht getan. Wer das Land verlasse, sei zum einen nicht sofort in Sicherheit. Zum anderen bräuchten Geflüchtete dann an irgendeinem Ort eine neue Bleibe- und Zukunftsperspektive.

Die Situation ruft bei der Sozial- und Traumapädagogin einmal mehr Unverständnis für die deutsche Asylpolitik hervor. Das Ganze zeige, "wie absurd" viele Einzelfall-Entscheidungen der Behörden in den vergangenen zwei Jahre gewesen seien. Sie verstehe einfach nicht, wie man davon ausgehen konnte, dass Afghanistan ein Land sei, in das Menschen zurückgeschickt werden könnten.

Momentan hat die Bundesregierung alle Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt. Ob es bei diesem Abschiebestopp bleibt? "Das verfolgen wir mit Spannung", kommentiert Herz.