Die Tübinger Archäologin Natascha Mehler ist die Leiterin des ersten deutschen Burgenforschungszentrums. Foto: Andreas Reiner

Woanders eröffnen KI-Zentren – und in Tübingen ein Zentrum für Burgenforschung. Die Leiterin weiß seit Kindheitstagen, was die Faszination der alten Mauern ausmacht.

Für gewöhnlich sind die Reaktionen ziemlich verhalten, wenn der Tübinger Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters eine Pressemitteilung rausgibt. Anfang des Jahres aber lief das Postfach voll. „Das ist mir noch nie passiert“, sagt die Professorin und Lehrstuhlinhaberin Natascha Mehler. Grund des Tumults war eine Ankündigung, die nicht in unser KI-Zeitalter zu passen scheint: „Die Universität Tübingen richtet mit Landesmitteln im Herbst ein Burgenforschungszentrum ein.“ Ungefähr 100 Personen wandten sich daraufhin per E-Mail an die designierte Leiterin, das Zentrum möge doch bitte die Burg in ihrem Ort näher erforschen. „Da wurde ein Nerv getroffen“, sagt Mehler. Seit Donnerstagabend ist das Zentrum offiziell eröffnet.

 

Burgen sind Sehnsuchtsorte, scheinbar unverrückbare Zeitzeugen in einer flüchtigen Welt. Sie spenden Identität, verschaffen Schutz und Überblick, verbinden Himmel und Erde und bieten reichlich Projektionsfläche für die Fantasie. Allein in Baden-Württemberg gibt es circa 3000 Burganlagen. Über die meisten weiß man nicht einmal, seit wann es sie gibt und wer sie errichtet hat.

Die Burg Hohenneuffen oberhalb von Neuffen gehört zu den Anlagen, zu denen bereits viel geforscht wurde. Foto: dpa

Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Fast jeder Ort hatte einen Ortsadeligen für Verwaltungsaufgaben. Wohnte er in einer Burg im Ort, so ist heute von dieser meist nichts mehr zu sehen. So war es bis vor einem Jahr in Jettenburg im Kreis Tübingen. Die Bewohner hatten allen Grund zur Annahme, dass ihr Ort nach einer Burg benannt wurde. Aber erst vor einem Jahr, als im Zentrum neue Häuser gebaut werden sollten, wurden die Reste der Jettenburg entdeckt.

Die Kürnburg entfachte ihre Neugier

Schätzungen zufolge engagieren sich in Deutschland 200 bis 300 Burgen- oder Schlossvereine. Allein die Deutsche Burgenvereinigung zählt rund 3000 Mitglieder. „Diese Menschen wollen wissen, woher sie kommen. Vielleicht haben dort auch schon die Eltern und Großeltern gelebt“, sagt Mehler. „Die Burgen sind unmittelbare Ankerpunkte in unsere Vergangenheit. Sie führen uns zurück zu uns selbst.“

Die 54-jährige Tübinger Professorin weiß aus der eigenen Kindheit von der Anziehungskraft der alten Gemäuer. Sie entfachten in ihrem Fall einen Forscherdrang, der sie in die akademische Welt katapultierte. Natascha Mehler stammt aus Stamsried, einem Dorf im bayrischen Landkreis Cham. Der Vater war Lkw-Fahrer, die Mutter Näherin. In der Nähe ihrer Wohnung liegt auf einer bewaldeten Anhöhe die imposante Kürnburg. „In meiner Erinnerung war ich als Kind ständig droben“, erzählt Mehler. „Ich musste immer zuerst durch den dunklen Wald laufen und fand dann oben tolle Aussichtspunkte, aber auch Keller, in die ich hineinsteigen konnte. Das hat mich gegruselt – und fasziniert.“

Mehlers erste Burgenliebe: die Kürnburg bei Stamsried Foto: Friedrich Schuhbauer

Eine weitere Burg, die sie seit ihrer Jugend nicht loslässt, ist die kaum bekannte Reichsburg Cham, von der nur noch Wallreste zu sehen sind, die aber politisch bedeutsam ist: Zwei Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ließen dort ihre Truppen zusammenziehen: Heinrich III. vor seinem Feldzug gegen Böhmen und Otto II. nach dem Einfall in Böhmen. Doch vor Ort gibt es nicht einmal eine Schautafel. „Ein Jammer“, sagt Mehler.

Das Burgenforschungszentrum soll Kooperationen erleichtern

Die Burg ist seit Kurzem eine von mindestens zehn Forschungsprojekten, die sie derzeit beackert. „Lustigerweise bin ich jetzt in der Position, das zu tun.“ Seit 2020 leitet sie den Tübinger Lehrstuhl. Im März finden wieder Grabungen statt. Studenten, aber auch Mitglieder von einem historischen Verein in Cham werden mit ins Gelände gehen.

Das Burgenforschungszentrum soll Kooperationen dieser Art künftig erleichtern. Seine Adresse: das Schloss Hohentübingen, ebenfalls eine teils noch unerforschte Burganlage. „Wir verstehen uns als Anlaufstelle für alle Burgenfreunde, die sich wissenschaftliche Unterstützung wünschen“, sagt Mehler. „Umgekehrt brauchen wir das Wissen der Menschen vor Ort. Sie können uns helfen, die richtigen Ansprechpartner in der Verwaltung zu finden oder unsere Studenten unterzubringen.“ Die Wissenschaftler wollen den Austausch mit Ehrenamtlichen auch nutzen, sie für den richtigen Umgang mit Fundstücken zu sensibilisieren. „Wir wollen ihnen zeigen, wie sie die exakte Lage des Fundes dokumentieren und an wen sie sich damit wenden können.“

Gleichzeitig dämpft Mehler allzu hohe Erwartungen. „Das tut mir in der Seele weh, aber wir können natürlich nicht allen Burgennöten beikommen.“ Das Zentrum besteht im Grunde nur aus einem Büro und einer halben Stelle, befristet auf zwei Jahre. „In dieser Zeit müssen wir versuchen, die Relevanz des Zentrums so in die Breite zu tragen, dass die Politik den Nutzen für die Gesellschaft sieht.“ Etwa indem mehrere Fächer – sie denkt an die Landesgeschichte, die Kunstgeschichte oder die mediävistische Literaturwissenschaft – gemeinsam Forschungsgelder beantragen, um die Geschichte einer Burg ganzheitlich zu erforschen. Idealerweise könnten die Ergebnisse den Tourismus ankurbeln. „Burgen sind schließlich beliebte Ausflugsziele.“

Ein Paradebeispiel beschreibt der Archäologe Michael Kienzle, der neben Mehler im Rahmen der halben Stelle das Burgenforschungszentrum leiten wird. „Unser Greifensteinprojekt könnte vor allem Familien begeistern“, erzählt er. Die Adelsfamilie Greifenstein besaß am Nordrand der Schwäbischen Alb schätzungsweise zehn Burgen. Sie galten als grausame Raubritter, immer bereit, die Bauern der nahen Dörfer zu schikanieren – das geht zumindest aus Sagen hervor. Doch was ist dran an den Überlieferungen? Wer waren diese Ritter wirklich, die die Geschicke der Echaztalorte zwei Jahrhunderte lang maßgeblich prägten? Die Vorarbeiten dazu haben bereits begonnen und sollen eines Tages in einen Themenwanderweg münden, „mit einheitlicher Beschilderung, Rekonstruktionszeichnungen, Führungen“, zählt Kienzle auf.

Welches Potenzial die Burgenforschung birgt, begeistert offensichtlich auch die Landespolitiker. Beantragt wurde die Anschubfinanzierung für das Zentrum von den Grünen und der CDU auf Initiative der Abgeordneten Cindy Holmberg und Manuel Hailfinger. Beide vertreten den Wahlkreis Hechingen-Münsingen, wo zuletzt über ein weiteres Forschungsprojekt, den Hohengenkingen, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ausgiebig berichtet wurde. Es sei nicht schwer gewesen, die Parteikolleginnen und -kollegen von der Sinnhaftigkeit des Zentrums zu überzeugen, erzählen die Abgeordneten.

Bundesweit ist noch keine andere Hochschule auf die Idee gekommen, ein Burgenforschungszentrum einzurichten. Das liegt auch daran, dass die Mittelalterarchäologie in der akademischen Welt noch längst nicht so etabliert ist wie die Klassische oder die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. „Als ich Anfang der neunziger Jahre zu studieren begann, gab es das Fach noch gar nicht“, erzählt die Professorin. Die Archäologen hatten damals nur Augen für die Hinterlassenschaften der Römer und Kelten. Für Mehler, die sich auf Grabungsstätten ihr Studium finanzierte, war das schwer auszuhalten. „Wir mussten uns ja immer erst durchs Mittelalter buddeln, um zu den Römern zu gelangen.“ Bei Funden, die darüber lagen, hieß es dann: „Kann weg!“ So landeten selbst vollständige Gefäße im Abfall.

Mehler hielt es deshalb nicht lange in Deutschland. Mithilfe eines Stipendiums setzte sie ihr Studium an einer Uni in Norwegen fort, wo das Fach Mittelalterarchäologie angeboten wurde. Ihre erste feste Stelle trat sie 1996 bei einem archäologischen Institut in Island an. „Die haben nur Mittelalter, da gibt es keine Urgeschichte.“ In diese Zeit fällt auch der „vielleicht schönste Fund“ in ihrer Karriere: „Wir legten ein Langhaus aus der Wikingerzeit frei, in dem wohl der Häuptling gewohnt hat.“ Weil die Häuser damals aus gestapelten Rasenstücken errichtet wurden, konnte sie mit der Kelle Erdschicht für Erdschicht „wie Butter“ abziehen, wie sie sagt, bis der Fußboden in Erscheinung trat. „Dass diesen 1000 Jahre zuvor ein Wikinger betreten hat, hat mich tief berührt.“

Archäologen sind heute gefragt

Schon als Studentin machte sich Mehler bei jeder Gelegenheit, die sich bot, für die Mittelalterarchäologie stark. In Studien legte sie dar, wie gering das Lehrangebot sei, verglichen mit der Klassischen oder der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Sie vereinigen in Deutschland jeweils mehr als 40 Professuren auf sich, während die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit mit nur vier bis fünf Professuren vertreten ist.

Die Folge: In den Depots von Denkmalämtern und Museen stauen sich die Funde. „Es gibt zu wenig Wissenschaftler und Studenten, die diese auswerten können“, so Mehler. Gleichzeitig machten die Denkmalschutzgesetze ständig neue Grabungen erforderlich. „Weil das Land nicht mehr hinterherkommt, ist die Privatwirtschaft in die Lücke gesprungen.“ Allein im Kreis Tübingen seien fünf Grabungsfirmen im Einsatz. „Archäologiestudenten finden heute problemlos eine feste Stelle.“

Ein Geheimnis, das sie täglich vor Augen hat

Ressourcennot macht erfinderisch: Der Lehrstuhl kooperiert mit einer Berufsschule in Schorndorf, die Maurer ausbildet. Auf der Burg finden sie Übungsobjekte zuhauf – und restaurieren umsonst die Gemäuer. Die Burg Hohengenkingen wurde von Studenten der Geodäsie vermessen. „Kooperationen dieser Art würden wir gern ausbauen“, so Mehler.

Eines Tages, wenn das Burgenforschungszentrum floriert, möchte die passionierte Archäologin ein Geheimnis lüften, das sie täglich vor Augen hat: die Historie der Ödenburg auf dem Spitzberg – diesen sieht Natascha Mehler von ihrem Schreibtisch aus. „Von der Burg ist zwar nur noch eine Erhebung zu sehen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie die Vorgängerin der Burg Hohentübingen ist.“