Nach dem Bau im Jahre 1954 war die Halle noch unverputzt. Dort diente sie einer landwirtschaftlichen Ausstellung als Schauplatz. Über die Jahre sollten die Kippenheimer die Halle noch zu einigen Zwecken gebrauchen. (Archivfoto) Foto: Schillinger-Teschner

Nach fast 70 Jahren steht die Kippenheimer Festhalle vor ihrem Abriss. Die schlichte Halle war in den vergangenen Jahrzehnten Schauplatz zahlreicher Veranstaltungen – von Wahlen und Blutspenden über Konzerte bis hin zu Fasnachtsfeiern und Discos.

Die Gemeinde Kippenheim lädt am morgigen Freitag ab 17 Uhr offiziell zur Abschiedsfeier von der Festhalle ein. Es dürfen Erinnerungsstücke mitgenommen werden. Doch was sind das für Erinnerungen, die ein Kippenheimer Bürger an seine Festhalle hat?

 

Gefriertruhen und Lehrerwohnung: Die Festhalle mit Festsaal, Empore – mit integriertem Barbereich, Festhallenkeller mit Kellerbar und voll ausgestatteter Küche, die 1954 gebaut wurde, war nicht nur Veranstaltungsort. In ihr befand sich ehemals eine Gemeinschaftsgefrieranlage mit öffentlichen Gefriertruhen, die von der Bürgerschaft genutzt werden konnten. Auch Lehrerwohnungen waren im Festhallengebäude untergebracht. Das Lehrerehepaar Knüppel war dort viele Jahre wohnhaft.

Kein Architekturpreis für die Halle: Herbert Grönemeyer beschreibt seine Heimatstadt Bochum mit: „Du bist keine Schönheit, Du liebst dich ohne Schminke, Aber g’rade das macht dich aus. (...) Hier wird getanzt, gelacht, das Morgen ausgedacht.“ In diesen Textzeilen findet sich die Kippenheimer Festhalle, ein schlichter Zweckbau aus den Fünfzigerjahren wieder. Einen Architekturpreis wie das Bürgerhaus hat sie nie errungen, in der Liste der am häufigsten fotografierten Gebäude Kippenheims ist sie weit hinter Rathaus, Kapelle, Kirche und Schloss. Dieses Manko macht die Festhalle jedoch mit den vielfältigen Erinnerungen und Emotionen wett, die der Abschied von ihr zwangsläufig wachrufen wird.

Wahllokal und Wahlkampfbühne: Ganz neutral und „ohne Schminke“ diente die Festhalle Jahrzehnte lang als Wahllokal für zwei Wahlbezirke und als Wahlkampfbühne für zwei Bürgermeister. Willi Mathis behauptete sich vier Mal und Matthias Gutbrod strebt diesen November seine dritte Amtsperiode an. Vor der Festhalle wurde bei den Feiern zur den gewonnenen Wahlen jeweils eine riesige Bürgermeistertanne aufgestellt.

Gut gefüllt war die Halle zu vielen Veranstaltungen. Hier bei einem Konzert in der Weihnachtszeit. Foto: Bastian/Silvia Schillinger-Teschner

Hasenausstellung und -essen: Im Festhallenkeller hatte sich die Hasenausstellung als Höhepunkt etabliert. „Drei Mal Hase sauer, zwei Mal Hase normal“ hallte es alljährlich dort über den Küchentresen, wenn der Kleintierzuchtverein seine Zuchtschau mit Hasenessen veranstaltete. Oftmals war der von Köchinnen aus den eigenen Reihen zubereitete Hasenbraten schon nach kurzer Zeit ausverkauft.

Schauplatz beim Weinfest: Besonders aufgehübscht wurde die Festhalle bei Gewerbeschauen, Kochshows und Modeschauen, die Programmpunkte des Weinfestes waren. Krönungsabende für die jeweiligen Weinhoheiten Kippenheims fanden dort ebenso einen würdigen Rahmen wie die Krönungsfeier für die aus Kippenheim kommende deutsche Weinprinzessin Isabell Kindle.

Die Fasent: Als Hochburg des närrischen Treibens war die Festhalle Dreh- und Angelpunkt für den „großen bunten Abend“ am „Fasentsundig“, Preismaskenbälle am Rosenmontag, die Nachtumzüge der Schelmewinkler, Kinderfasching, Seniorenfasent und die Moorebätscherbälle.

Treffpunkt für die Jugend: Für die Kind der Sechziger war die Halle sowohl Schulzimmer, Kino, Disco als auch Begegnungsstätte. Welcher Teenager hat in den Siebziger-, Achtzigerjahren nicht auf der Treppe vor der Festhalle gesessen und sich mit Gleichaltrigen getroffen? Wie viele Telefonanrufe aus der gelben Telefonzelle vor der Halle wurden mit dem Liebsten geführt, um sich noch kurz nach Gruppenstunde oder Fußballtraining bei der Festhalle zu treffen? Wie viele erste Kennenlernen fanden bei Disco- und Tanzveranstaltungen in der Festhalle statt? Diese Zahlen werden von keiner Statistik erfasst, Fakt ist jedoch, dass sich die Jugend in Zeiten vor Internet und Handy in der Festhalle zum Tanzen eingefunden hat.

Partys und Musik: Roland Schillinger, der DJ der „Rollenden Diskothek Romulus“, legte von ABBA bis Jethro Tull die aktuellen Songs der Disco- und Partyszene auf und sorgte 2010 mit einer Revivalparty nochmals für eine brechend volle Festhalle. Progressiver war die Songauswah,l die Roland Himmelsbach bei seiner „Disco Scorpions“ auflegte. In reiferen Jahren wurde dann zu Klängen der Live-Bands „Santa Maria“, „Music Express“ oder „Adler Boys“ das Tanzbein geschwungen.

Festhalle als Kinosaal: Regelmäßig gab es auch Kinovorführungen in der Festhalle, die vom Märchenfilm über Actionmovie bis hin zur Komödie ein breites Repertoire abdeckten. Für allgemeine moralische Entrüstung sorgte die Aufführung von Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ in den späten Sechzigerjahren, da im Film eine weibliche Brust unverhüllt gezeigt wurde. Es wurden unangekündigte Kontrollen in Kinosälen durchgeführt, ob alle volljährig waren (damals mit 21). Auch in der Kippenheimer Festhalle soll es einen „Wachposten der Sittlichkeit“ gegeben haben, der eine Liste der Besucher führte, die „mit unauswaschbar sündhaften Augen“ das „verlotterte Lichtspiel“ des Schweden angeschaut hatten.

Der Anfang vom Ende: Schlussendlich war die Festhalle 2017 Gastgeber für die Einleitung ihrer eigenen Beerdigungsfeier. Unter Leitung der Moderatorin Judith Nägeli fanden mehrere Bürgerworkshops statt, die Stilllegung und Abriss der Festhalle zum Thema hatten. Im März 2023 wurde das Bürgerhaus offiziell eingeweiht und setzte somit den Schlusspunkt unter die siebzigjährige Geschichte der Festhalle.

So unscheinbar sie wirkt: Jugendliche, Erwachsene, Ortsansässige und Fremde kamen immer wieder in der Halle zusammen. Foto: Schillinger-Teschner

Otmar Traber denkt an an die vergebliche Suche nach der großen Liebe: Unsere Redaktion hat zwei ehemaligen Festhallennutzern, die zwischenzeitlich überregional bekannt sind, Statements zu ihren Erinnerungen entlockt. Otmar Traber steht seit 33 Jahren auf der Bühne. Seine kabarettistischen Wurzeln entstammen aus der badischen Fasent. Als gebürtiger Kippenheimer war er regelmäßig als Straßenfeger „Hämme“ einer der Höhepunkte auf der Bühne der Kippenheimer Festhalle. „Ihr Anfrage hatte Erinnerungen hochgeworfen. In der dritten Klasse haben wir ein Jahr Unterricht gehabt im Vorraum der Festhalle. Mein erster Filmbesuch war 1963 ‚Ben Hur‘ und in der Pubertät ‚Schulmädchen Report 1 – 8‘. Samstags bei den Tanzveranstaltungen war icha auf der vergeblichen Suche nach der großen Liebe.“

Wolfgang Roese erinnert sich an durchgemachte Nächte: Wolfgang Roese ist künstlerischer Leiter und Gründer des „Ortenauer Rock-Symphony-Ochestra“ (ORSO), Dirigent, Chorleiter und Komponist. Er leitete in der Festhalle Kippenheim erste Proben. Am 12. März 1994 fand in der Festhalle das erste Konzert des Ensembles statt, das mittlerweile seinen 30. Geburtstag feierte. 2012 debütierte Roese mit seinem Werk „Die Schneekönigin“ im Saal der Berliner Philharmonie, was seinen bisherigen Karriere-Höhepunkt darstellte: „Wir alte ORSO-Hasen vermissen diesen wunderbaren Ort. In der Kippenheimer Festhalle hat das ORSO nicht nur sein erstes Konzert gegeben, dort wurde an den langen Probenwochenenden auch viel gefeiert, getanzt – die nächtlichen Rollschuh-Parties nach der Probe waren legendär – , gelacht und geweint. Geschlafen wurde nur wenig. Wir waren fast alle um die 17 bis 25 Jahre jung und brauchten kaum Schlaf. Dafür wurde bis zu zehn Stunden täglich geprobt. Wir mochten die Akustik und das ‚olle Ambiente‘ einfach auch sehr und haben uns dort immer unheimlich wohlgefühlt. Ich hoffe sehr, es vor dem Abriss noch mal in das Gebäude zu schaffen – für ein paar Erinnerungsfotos. Ich habe immer noch einen Generalschlüssel – seit fast 30 Jahren. Hat wohl niemand vermisst. ‚Goodbye Festhalle‘ and ‚Hello, neuer Wohnraum‘.“

Info – Weitere Veranstaltung

Zur Nutzung zählten auch Gemeinderatssitzungen während der Coronazeit, das gemeindliche Impfzentrum und unzählige Blutspende-Termine. Die Festhalle diente dem Musikverein als Probelokal und dem Turnverein als Übungsort. Der Brettlemarkt der Skizunft und die Gründungsveranstaltung von LQN fanden in der Festhalle statt. Schulentlassfeiern, Sportler- und Blutspendeehrungen, Konzerten des Männergesangsvereins und des Musikvereins, Theaterabendne der Laienspielgruppe, Ausstellungen der Künstlergruppe „Eidos“, dem Thailändischen Food-Festival sowie privaten Familienfeiern bot die Festhalle Räumlichkeiten. Individuell geschmückt bot sie für jeden der Anlässe ein ansprechendes Ambiente.