Die Blockade vor der Meerenge im Iran hat weltweit Auswirkungen. Foto: IMAGO/Marc John

Mit der Blockade von Meerengen gibt es ein neues Erpressungspotenzial. Darauf ist die Welt kaum vorbereitet, kommentiert Christian Gottschalk. Es kann noch schlimmer kommen.

Der Iran und die USA haben die Welt in Geiselhaft genommen. Die Blockade der Straße von Hormus hat den Transport von Öl und Gas im Golf weitgehend zum Erliegen gebracht. Fast noch dramatischer ist, dass dabei offenbar geworden ist, wie vergleichsweise einfach das Erpressungsszenario funktioniert. Eine immense Gefahr für die Zukunft. Der Iran wird sich auch nach dem Ende der aktuellen Krise immer wieder an die Möglichkeiten erinnern, die er da in der Hand hat, und er wird nicht zögern, sie einzusetzen. Das Ganze ist eine Blaupause für diejenigen, die ebenfalls die technischen und militärischen Möglichkeiten haben, in diesem Bereich aktiv zu werden. Der Blick geht nach China.

 

China hat die Bedeutung der Meere erkannt

Peking hat die Bedeutung der Herrschaft über das Wasser erkannt. Kein Land baut mehr Schiffe als die Volksrepublik, zivil wie militärisch, Tendenz weiter steigend. Und das nicht ohne Grund. Ein Drittel des maritimen Welthandels führt durch die Straße von Malakka, einer Meerenge zwischen der malayischen Halbinsel und Sumatra. Etwa die Hälfte aller Containerschiffe im internationalen Transport nutzt die Taiwanstraße, die Meerenge zwischen dem chinesischen Festland und Taiwan. Über Wasser macht das chinesische Militär dort immer wieder klar, wer in den beiden wichtigen Meerengen das Sagen hat. Kein Land der Welt hat dort mehr an Kapazitäten aufzubieten als China. Beruhigend ist das nicht.

Meerengen wie bei Hormus gibt es viele. Foto: -/The Visible Earth/NASA/dpa

Noch richten sich die Augen auf das Geschehen über der Wasseroberfläche. Darunter aber bahnt sich die nächste Eskalationsstufe an, auf die die Welt kaum vorbereitet ist. Vor etwas mehr als einem halben Jahr ist SMW4 zerschnitten worden. Hierzulande hat das kaum jemand bemerkt, in Pakistan und Saudi-Arabien hingegen schon. SMW4 ist ein Datenkabel auf dem Grund des Roten Meeres, welches den Nahen Osten mit Südostasien verbindet. Wer sich daran zu schaffen gemacht hat, ist unklar. Aber der Verdacht fällt auf die Huthis, jene Kämpfer im Jemen, die fest an der Seite Irans stehen.

Datenkabel als Rückgrat der Globalisierung

Kabel liegen fast überall. 99 Prozent des weltweiten Datenverkehres laufen über Glasfaserkabel auf dem Meeresgrund. Ohne sie lassen sich nicht bequem vom deutschen Sofa aus günstige Sommerkleider von Temu ordern, ohne sie sind keine Überweisungen im weltweiten Geschäftsverkehr zwischen den Kontinenten denkbar.

Die Kabel sind so etwas wie das Rückgrat der Globalisierung, die Lebensader der modernen Menschheit. Man findet sie in der Ostsee, wo immer wieder der russischen Schattenflotte zugerechnete Schiffe vergessen, beim Überqueren entsprechender Stellen den Anker einzuziehen. Man findet sie auch in jener Straße die gerade in aller Munde ist. Oberirdisch werden durch die Straße von Hormus Gas und Öl verschifft, unter den Tankern flitzen die Daten. Noch. Die Furcht davor, dass der Iran auch am Meeresgrund aktiv werden könnte, wächst nahezu täglich. Die Abwehrszenarien sind begrenzt. Die Frage, wer auf der Wasseroberfläche und darunter das Sagen hat, sie gewinnt von Tag zu Tag an Bedeutung.

Neue Aufgaben für die Küstenwache Taiwans

Ähnlich wie die russische Schattenflotte in der Ostsee agieren Kapitäne aus aller Herren Länder mit freundlicher Genehmigung Pekings auch unter Wasser vor Taiwan. Die Aufgaben der taiwanesischen Küstenwache haben sich in den letzten Jahren radikal geändert. Mit ausgedehnten Patrouillen und mehr Personal werden die Kabel geschützt – so gut es eben geht. Dass Deutschland seine Marine in den nächsten fünf bis zehn Jahren massiv ausbauen möchte, ist vor diesem Szenario der richtige Weg. Die spannende Frage lautet, ob der auch schnell genug beschritten wird.