Trotz zahlreicher Aktionen von Bürgern, Politikern und Pflegekräften hat die Kassenärztliche Vereinigung die Wolfacher Einrichtung dicht gemacht.
Die Notfallpraxis in Wolfach ist nun geschlossen. Am vergangenen Wochenende wurden die letzten Schichten gearbeitet, ab kommendem Wochenende bleibt die Praxis zu. Unsere Redaktion gibt einen Überblick über die Ereignisse seit Bekanntwerden der Schließung, die Gegenmaßnahmen und den aktuellen Stand.
Oktober 2024: Vor einem Jahr wurde erstmals öffentlich, dass die Notfallpraxis in Wolfach geschlossen werden soll. Eine durchgesickerte Streichliste der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) sah 18 Notfallpraxen im Land vor. Offiziell bestätigte die KV die Pläne zunächst nicht, verwies aber auf eine Pressekonferenz. Hintergrund war ein Gerichtsurteil, das den Einsatz von „Poolärzten“ untersagt – Ärzte ohne Kassenzulassung, die zuvor rund 40 Prozent der Dienste abdeckten. Kritik kam vom Ortenau-Klinikum, das befürchtete, dass durch die Schließung mehr Patienten mit Bagatellerkrankungen die ohnehin ausgelasteten Notaufnahmen aufsuchen würden.
Nach Bekanntwerden regte sich sofort Protest: Wolfachs Bürgermeister Thomas Geppert und Madeleine Renyi von „Gesundes Kinzigtal“ äußerten deutliche Kritik. Renyi warnte vor einer Verschärfung der ohnehin angespannten medizinischen Versorgung, längere Wege nach Lahr, Offenburg oder Freudenstadt – teils mehr als 50 Minuten – könnten dazu führen, dass Patienten Arztbesuche aufschieben. Auch Hausärzte würden zusätzlich belastet. Geppert nannte die geplante Schließung eine „massive Fehlentscheidung“ und kündigte Widerstand an. Zwölf Bürgermeister trafen sich, um gemeinsames Vorgehen zu planen und Druck auf KV und Landespolitik zu erhöhen.
November 2024: Der Widerstand blieb lebendig. In Wolfach kündigte der Gemeinderat an, weiter „kommunal unbequem“ zu bleiben. Eine Unterschriftensammlung der SPD fand großen Zuspruch. Hans-Joachim Haller (SPD) verwies auf eine kleine Anfrage an Sozialminister Manfred Lucha, dessen Antworten wenig Hoffnung machten: Die KV begründete die Neustrukturierung mit akutem Ärztemangel. Lucha betonte, 95 Prozent der Bevölkerung könnten weiterhin in 30 Minuten eine Notfallpraxis erreichen; nur in wenigen Ausnahmefällen seien 45 Minuten nötig. Geppert widersprach und kündigte weitere politische Schritte an. Zahlen der KV zeigten, dass die Praxis regelmäßig genutzt wurde: 2023 kamen rund 2800 Patienten, im ersten Halbjahr 2024 bereits 1353.
Dezember 2024: Der Protest erhielt Unterstützung aus der Pflege. Vertreter regionaler Pflegedienste berichteten Geppert von gravierenden Problemen, die sich durch den Wegfall der Praxis verschärfen würden. Vor allem die zentrale Notdienstnummer 116117 sei unzuverlässig, Wartezeiten von mehreren Stunden seien keine Seltenheit. Pflegedienstleiter Michael Thau und Frank Urbat („Pflege mobil“) kritisierten, dass der Bereitschaftsdienst Verantwortung abgibt und der Druck auf Pflegepersonal steigt. Trotz Kritik zeigte sich Geppert optimistisch: Die Petition zum Erhalt der Praxis hatte mehr als 9000 Unterschriften gesammelt. Kurz vor Jahresende bestätigte die KVBW offiziell die Schließung Ende Oktober 2025. Die erweiterten Öffnungszeiten der Praxen in Lahr und Offenburg sollen die Versorgung auffangen. Geppert kritisierte die späte Kommunikation und forderte mehr Zeit für Übergangslösungen. Gespräche mit Verantwortlichen und Politikern würden auch weiterhin immer wieder stattfinden, so der Bürgermeister.
September 2025: Rund sechs Wochen vor dem geplanten Aus reichte Kordula Kovac, frühere Bundestagsabgeordnete und Gemeinderätin, beim Landtag eine Petition ein und stellte einen Eilantrag, um die Schließung zu stoppen. Kovac bemängelte, dass Orte wie St. Roman außerhalb der versprochenen 30- bis 45-Minuten-Erreichbarkeit liegen und die Topografie des oberen Kinzigtals nicht berücksichtigt worden sei. Geppert sieht darin die „letzte Chance“ für die Region. Beim Gespräch der KV mit Vertretern aus Wolfach und Achern blieben die Sorgen des Klinikpersonals im Vordergrund, Lösungen wurden nicht geliefert.
Oktober 2025: Bei der letzten Infoveranstaltung vor der Schließung reagierten Bürger und Kommunen erneut kritisch. Geppert zeigte sich resigniert, aber auch wütend. Kovac kritisierte den Zeitpunkt der Maßnahme und den fehlenden Bezug zum neuen Notfallversorgungsgesetz (siehe Info). Medizinisches Personal äußerte erneut Sorgen über die Versorgungslage.
Die Vorlage der Petition beim Landtag stehe derweil noch aus, so Kovac im Gespräch mit unserer Redaktion. In dieser Woche habe sie die Information erhalten, dass der Antrag nun vom Petitionsausschuss und dann der Vollversammlung des Landtags bearbeitet werden könne – wie ihr erklärt wurde noch in diesem Jahr. Den Antrag auf Eilentscheidung habe sie mittlerweile zurückgezogen. Diesen hatte sie beim Verwaltungsgericht Freiburg eingereicht, von dort wurde er an das Sozialgericht in Stuttgart weitergeleitet. „Das Gericht hat bereits bei anderen Kommunen, die geklagt hatten, für die KV entschieden. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber nach einer Abwägung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mich auf die Petition konzentriere“, so Kovac. Die Hoffnung hat sie noch nicht aufgegeben, denn: „Nun ist auch bekannt, dass Ärzte aus dem Kinzigtal für ihre Notdienste nach Offenburg und Lahr fahren müssen. Eine Information, die vorher nicht kommuniziert wurde. Das werde ich nun ebenfalls dem Petitionsausschuss mitteilen“, erklärt Kovac. Auf die Frage, was passiere wenn der Petition stattgegeben würde, erhielt sie von der KV bei der Informationsveranstaltung keine Antwort. Momentan bleibt es dabei: Die Notfallpraxis in Wolfach ist geschlossen.
Notfallversorgungsgesetz
Das Bundesministerium für Gesundheit und der Bundestag beschäftigen sich momentan mit dem „Gesetz zur Reform der Notfallversorgung“. Ziel ist es, die Vernetzung von vertragsärztlichem Notdienst, Krankenhäusern und Rettungsdiensten zu verbessern, wie es aus den Ämtern heißt. Aufgrund der vorgezogenen Bundestagswahl verzögerte sich der Prozess. Laut Kovac hätte die KV darauf Rücksicht nehmen sollen.