„Liebe Patienten, der Standort in Bad Teinach wird weitergeführt“, steht auf einem unscheinbaren Zettel, der zwischen Bürgermeister Markus Wendel und Mednos-Geschäfsführerin Viola Behrens an der Trennwand klebt. Foto: Terkowsky

Viele waren geschockt, als das Aus für die Hausarztpraxis von Ärztin Ulrike Günther in Bad Teinach bekanntgegeben wurde. Jetzt melden der Betreiber Mednos und Bürgermeister Markus Wendel plötzlich: Halt! Kommando zurück! Das ist noch nicht alles.

In den Räumen der Praxis in der Bad Teinacher Badstraße herrscht Ruhe. Keine Patienten, keine Mitarbeiter. Nur Viola Behrens, Geschäftsführerin des Praxisbetreibers Mednos, und Bürgermeister Markus Wendel sitzen im ansonsten leeren Wartezimmer gelassen lächelnd auf den Stühlen. Irgendwie will die Stimmung nicht zu der Information, dass die Praxis zum 31. Dezember schließt, passen. „Macht sie auch nicht, wir haben zum Mai einen Nachfolger gefunden. Und bis dahin bleibt die Praxis normal geöffnet“, löst Behrens schließlich das Rätsel freudestrahlend auf.

 

„Ich kann mir vorstellen, das ist für den einen oder anderen wie ein kleines Weihnachtsgeschenk“, ergänzt Wendel glücklich. Wohl auch für ihn, denn schließlich stand die Frage nach der Rente von Allgemeinmedizinerin Ulrike Günther, die mittlerweile immerhin bereits 83 Jahre alt ist, schon bei seinem Amtseintritt 2007 im Raum.

Versorgungssituation im Südwesten hat sich verschlechtert

Seitdem habe es viele teils vielversprechende Gespräche mit Interessenten gegeben. Doch eine tragfähige und dauerhafte Lösung habe sich daraus leider nie ergeben. Er vermutet, dass für viele junge Mediziner ein selbstständiger Kassensitz auf dem Land – inklusive der Bürokratie – einfach an Reiz verloren habe. „Immer wieder war in Gesprächen die Work-Life-Balance ein großes Thema“, so Wendel.

Dies bestätigte auch ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) im jüngsten BaWüCheck. So gebe es im Südwesten derzeit fast 1000 offene Hausarztsitze. Und auch wenn insgesamt die Zahl der Ärzte zwar zugenommen habe, „ist die Zahl der Arbeitsstunden pro Kopf zurückgegangen“, sagt der KVBW-Sprecher. Zum einen sei die Teilzeitquote gestiegen, zum anderen gebe es mehr angestellte Ärzte, die oft weniger Stunden arbeiteten als niedergelassene Kollegen. Unter dem Strich habe sich deshalb die Versorgungssituation verschlechtert.

Umso glücklicher dürfen sich demnach die Patienten in Bad Teinach schätzen. Denn ihre Versorgungssituation wird bis zum 30. April kommenden Jahres erst einmal gleich bleiben. Solange verschiebt Günther ihren Rentenantritt noch und alles läuft in der Praxis wie bisher. Und dann?

„Dann verbessert sich die Versorgung sogar, wenn am 1. Mai 2025 Andreas Herbster die Praxis übernimmt“, erklärt Behrens. Denn anders als Günther, die nur Teilzeit gearbeitet hat, werde dieser Vollzeit arbeiten. Dadurch entstehe reichlich Kapazität. „Da draußen laufen viele Menschen rum, die verzweifelt einen Hausarztplatz suchen. Und wir reden hier von Platz für ein paar Hundert Neupatienten, um das mal in Zahlen zu fassen“, fügt Wendel hinzu.

Patienten sollen Akten zurückbringen

Noch dazu sei Herbster mit Anfang 40 ein junger Arzt, der eine langjährige Perspektive biete, so Wendel. Doch man wolle nicht zu viel vorwegnehmen. „Herr Herbster wird sich rechtzeitig persönlich vorstellen“, sagt Behrens freudig. Zudem werde es einen Tag der offenen Tür geben.

Und was gibt es für die Patienten nun zu beachten? „Erstmal sollen bitte alle aufhören ihre Patientenakten abzuholen. Und die, die sie schon abgeholt haben, sie nach Möglichkeit bitte zurückbringen“, erklärt Behrens.

Die Praxisräume sind hell und modern. Foto: Terkowsky

Diese Verwirrung lasse sich aufgrund der kurzfristigen Entwicklung leider nicht vermeiden. „Bis vor wenigen Tagen waren wir noch damit beschäftigt die Praxis abzuwickeln, nun müssen wir die Abwicklung rückabwickeln“, sagt sie schnaufend. Doch das mache man umso lieber.

Besonders hebt sie dabei die Rückendeckung hervor, die man seitens der Stadt erhalten habe. „Sobald wir wussten, dass wir eine Möglichkeit sehen, stand ich unangemeldet bei Herrn Wendel im Büro, habe geklopft und gefragt, ob er fünf Minuten für mich hat. Und die hatte er“, sagt sie freudestrahlend.