Gisela Schneider ist eine Frau, die lieber im Hintergrund wirkt. Hier ist die Ärztin (rechts) zu Gast bei einer Anhörung von Überlebenden der Ebola-Krise in Sierra Leone. Foto: /Regine Warth

Gisela Schneider möchte die Gesundheitsversorgung in Afrika verbessern. Dafür nimmt sich die Ärztin aus Tübingen bewusst zurück und holt stattdessen die Dorfgemeinschaft mit ins Boot.

Das Zeichen ihrer Liebe glänzt am Hals: der afrikanische Kontinent als goldener Anhänger. Gisela Schneider trägt die Kette täglich. Es ist schon die zweite Version; die erste wurde ihr entrissen. Das war eines Vormittags in Kampala, der Hauptstadt von Uganda. „Ich spürte, wie sich blitzschnell eine Hand um meinen Hals legte und kräftig an der Kette zog.“ Dann war der Anhänger weg. Ihre Liebe zu dem Kontinent ist geblieben. „Die kann mir keiner nehmen.“

 

Gisela Schneider ist Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) mit Sitz in Tübingen. Die Einrichtung, einst gegründet vom Tropenarzt Paul Lechner, engagiert sich vor allem in den afrikanischen Ländern Liberia, Sierra Leone, Guinea, Malawi, Kenia, im Tschad und in der Demokratischen Republik Kongo. Für ihre Gesundheitsprojekte geht sie vor Ort: Sie liefert Medikamente, Material, sie vernetzt und bildet aus.

Bauerntochter aus Tübingen will Gesundheitsversorgung in Afrika verbessern

Seit mehr als hundert Jahren macht die schwäbische Einrichtung das schon so, seit 16 Jahren mit der Ärztin Gisela Schneider an der Spitze. Diese Form der Entwicklungshilfe sei kein Beruf, sagt sie. „Das ist Berufung.“

Vor mehr als 40 Jahren musste sich Gisela Schneider von Freunden anhören, sie sei verrückt. Sie hielten es für vollkommen unrealistisch, dass eine Bauerntochter aus Weilheim bei Tübingen ihren Traum von einer besseren Gesundheitsversorgung in Afrika verwirklichen würde. Doch Gisela Schneider ließ sich nicht beirren. Sie begann Medizin zu studieren und bewarb sich Anfang der 1980er Jahre für ein Praxissemester in Afrika. „Ich schrieb mehr als ein Dutzend Briefe an sämtliche Missionskrankenhäuser.“ Wochenlang hörte sie nichts. Dann erreichte sie ein Brief aus Gambia: Die Stationsleiterin eines kleinen Missionskrankenhauses bat, sie solle kommen. Also packte Schneider ihren Koffer.

Sie war schon als Jugendliche in Tübingen „christlich engagiert“, wie sie sagt. Doch dass da oben irgendwo jemand die Hand über sie hielt, verspürte sie erst auf jener Reise nach Afrika. Sie sollte vom Senegal aus mit einer Propellermaschine nach Gambia anreisen. Schon auf dem kleinen Flugfeld habe sie gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war. Die Maschine war noch nicht zum Starten bereit, ein Mechaniker werkelte am Motor. Als das Flugzeug Stunden später dann abhob, war die Reise nach kurzer Zeit wieder zu Ende: „Wir dürfen in Gambia nicht landen“, tat der Pilot kund. Als sie wieder in Burkina Faso in ihrer Unterkunft saß, hörte sie im Radio von dem blutigen Putsch des Militärs an jenem Julitag 1981. Da wurde ihr klar: Im Falle eines pünktlichen Starts wäre der Zielflughafen noch offen gewesen. „Ich wäre mitten in den Unruhen gelandet.“

Andere Denkweise als Generationen von Entwicklungshelfern vor ihr

Viele andere wären aufgrund der unruhigen politischen Lage vermutlich zurück ins sichere Europa geflogen. Gisela Schneider blieb und reiste über den Landweg nach Gambia ein. „Es war eine Lebensentscheidung.“ In dieser Zeit als Aushilfskraft in dem kleinen Missionskrankenhaus, als sie es vor allem mit unterernährten Kindern zu tun hatte, habe sie etwas Wichtiges gelernt. Sie habe erkannt, dass sie anders denken müsse als Generationen von europäischen Entwicklungshelfern und Tropenärzte vor ihr. „Mir wurde klar, dass ich den Kindern nur helfen kann, wenn ich nicht nur die Mütter, sondern die gesamte Dorfgemeinschaft mit ins Boot hole.“ Also lernte die junge Ärztin in den Abendstunden die Landessprache. „Sprache transportiert die Denke und die Kultur der Menschen viel besser“, sagt sie.

Die 64-Jährige regt sich nicht mehr auf über die chronisch unterfinanzierte Entwicklungshilfe der Industriestaaten. „Natürlich mache ich öffentlich auf diese Missstände aufmerksam“, sagt sie. Aber Reden allein sei nicht genug. „Ich möchte Menschen helfen, sich im Gesundheitssektor selbst zu organisieren.“ Das funktioniert in Afrika am besten über Kirchenvertreter und religiöse Gemeinschaften. „Sie haben den größten Einfluss und sind bestens mit der Bevölkerung vernetzt.“ Gelingt es, diese von einem Ziel zu überzeugen, kann es losgehen.

Als man in den 90er Jahren auf dem afrikanischen Kontinent der Infektionswelle durch das HI-Virus fast hilflos zusah, stieß sie Aufklärungskampagnen an und begleitete den Aufbau medizinischer Zentren – zunächst in Gambia, wohin sie nach dem Studium in Tübingen und London als Leiterin des kleinen Missionskrankenhauses zurückkehrte. Sie verhalf so vielen Aidskranken zu einer besseren Versorgung. Dazu gehörte, die Familie des Erkrankten mit einzubeziehen und die Nachbarn über die Diagnose aufzuklären. Unter ihrer Leitung wurden Pflegekräfte ausgebildet, bald im ganzen Land, weil die Regierung ihr die Verantwortung des nationalen HIV-Behandlungsprogramms übertrug.

Wie eine zweite Mutter

Ihre Erfahrungen führten sie im Jahr 2005 nach Uganda, wo sie an der Universität von Kampala die Trainingsabteilung eines Instituts aufbaute. Dort wurde auch der Umgang mit Malaria, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten gelehrt. „Ich kann mit meiner Arbeit Spuren legen und nun sehen, wie sie sich entwickeln“, sagt Schneider.

Aus der Liebe zu dem Kontinent ist eine große vielköpfige Familie geworden. Zu ihren Schützlingen, die sie einst zu mehr Verantwortung angeleitet hat, hält sie regen Kontakt per Whatsapp und Zoom. Für fünf Kinder einer Frau aus Uganda, die vor 20 Jahren an den Folgen von Aids starb, ist sie so etwas wie eine Mutter geworden. „Auch jetzt, da sie fast alle auf eigenen Beinen stehen, bin ich mit ihnen verbunden – mit allen emotionalen Höhen und Tiefen.“ Mit gewissem Mutterstolz erzählt sie, dass eine ihrer Schutzbefohlenen gerade in Tübingen ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, während eine andere in Uganda Soziale Arbeit studiert.

Die Entscheidung, die Direktorinnenstelle in Tübingen anzutreten und Afrika als Lebensmittelpunkt den Rücken zu kehren, ist Gisela Schneider nicht leichtgefallen. Die Herzlichkeit der Menschen in Uganda, das Klima und die Natur hatten es ihr angetan. Dreimal war sie von verschiedenen Stellen aufgefordert worden, bei Difäm vorzusprechen. So traf sie wieder eine Lebensentscheidung: „Ich war damals 48 Jahre alt und dachte: Wenn ich noch etwas Neues beginnen will, dann jetzt.“

Auch diesseits von Afrika gibt es viel zu tun. Den Aufbau des ersten Hospizes in Tübingen etwa, ein architektonisch wie gesellschaftlich ambitioniertes Projekt, das Gisela Schneider „ziemlich durchboxen musste“. Doch mehrmals im Jahr kehrt sie zurück nach Afrika – schon allein wegen der Vielzahl an Projekten, die ihr Haus auf dem Kontinent begleitet. Seit Jahren ist sie vor allem im Kongo aktiv, wo sie sich für die Rechte der Frauen einsetzt.

Krisenmanagement während der Pandemie nach afrikanischer Art

Und die Krisen nehmen ja auch kein Ende: Bei der Ebola-Epidemie, die in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika rund 11 000 Todesopfer forderte, leistete das Difäm über ein internationales Netzwerk medizinische Hilfe. Aktuell kämpft das Institut gegen die Cholera-Epidemie in Malawi, die nach den Verwüstungen durch den Tropensturm Freddy ausgebrochen ist.

Wenn Lisa Federle sagt, „Gisela, du kannst doch Krise“, dann hat das Lob besonderes Gewicht. Federle ist Pandemiebeauftragte des Landkreises Tübingen und selbst eine erprobte Krisenmanagerin. Gleich nachdem die ersten Coronafälle im Land bekannt wurden, erhielt die Direktorin des Difäm einen Anruf vom Landratsamt. Man bat sie um Unterstützung im Gesundheitsmanagement. Schneiders Antwort: „Ja, ich kann helfen – allerdings nur auf die afrikanische Art.“ Und das war kein Hindernis.

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Hilfe im Ausland: Quereinsteiger sind gefragt

Beruf
Als Entwicklungshelfer arbeitet man auf Grundlage des Entwicklungshelfer-Gesetzes. Staatliche und nicht staatliche Entwicklungszusammenarbeit ergänzen einander. Bei Letzterem sind vor allem private, kirchliche und politisch orientierte Träger gemeint, die programm- und projektorientierte Entwicklungszusammenarbeit leisten. Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) etwa fördert die Gesundheitsversorgung in wirtschaftlich armen Ländern und Regionen.

Ausbildung
Entwicklungshelfer sind in der Regel Quereinsteiger und kommen aus unterschiedlichen Berufsrichtungen – etwa Landwirtschaft, Medizin, Ingenieurwesen oder Handwerk. Beim Difäm ist es von Vorteil, eine ärztliche Ausbildung oder eine zur Krankenpflege zu haben. Aber auch Fachkräfte mit einem gesundheitsökonomischen Hintergrund werden gesucht.

Verdienst
 Das Gehalt variiert je nach Organisation und Berufsabschluss. Bei staatlichen Einrichtungen wie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist das Gehalt an den hauseigenen Tarifvertrag gebunden. Bei Auslandseinsätzen gibt es zum Basis-Unterhaltsgeld eine Auslandszulage.