Jährlich werden in Deutschland rund 200 000 geschädigte Hüftgelenke durch Endoprothesen (links) ersetzt. Foto:  

Immer mehr Menschen werden von Arthrose geplagt. Was kann man dagegen tun? Und wann ist es Zeit für ein neues Gelenk? Antworten auf diese Fragen gab es auf dem 11. Stuttgarter Arthrosetag in Bad Cannstatt.

Stuttgart - Zunächst ist es nur lästig, dann wird es immer schmerzhafter: Wenn eine Arthrose ein Gelenk plagt, schränkt dies die Lebensqualität zunehmend ein. Es droht ein Teufelskreis, weil die schmerzenden Gelenke dazu führen, sie zu schonen – fehlende Bewegung aber die Arthrose nur noch verstärkt. Zudem bauen sich die Muskeln ab, wenn sie immer weniger beansprucht werden. Zu allem Überfluss werden durch die Schonhaltung oft andere Teile des Körpers übermäßig beansprucht – allen voran der Rücken, was ebenfalls nicht ohne Folgen bleibt. Aber was kann man dagegen tun?

„Beweglich bleiben trotz Arthrose“ lautete das Motto des 11. Stuttgarter Arthrosetages, zu dem die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie jetzt ins Krankenhaus Bad Cannstatt geladen hatte. Dabei ließ Patrik Reize, der Ärztliche Direktor der Klinik und Leiter des dortigen Endoprothetikzentrums, keinen Zweifel daran, dass es sich bei der Arthrose um eine chronische Erkrankung der Gelenke handelt, die sich im Laufe der Zeit verschlechtert. Rund fünf Millionen Menschen leiden hierzulande unter Arthrosebeschwerden. Und es werden immer mehr, ganz einfach deshalb, weil die Menschen immer älter werden.

Ab dem 60. Lebensjahr seien gut die Hälfte der Frauen und ein Drittel der Männer betroffen, vor dem 30. Lebensjahr nur 1,6 Prozent, berichtet die Deutsche Arthrose-Hilfe. Während die Hüfte bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig betroffen ist, leiden ältere Frauen etwa doppelt so oft wie Männer an einer Arthrose im Knie oder in den Fingergelenken. Dabei wird zunächst der Knorpel des betroffenen Gelenks nach und nach abgebaut – eine typische Alterserscheinung. Aber auch wenn bei einem Unfall ein Gelenk verletzt wird, kann dies den Knorpel schwer schädigen. In der Folge wird der Spalt zwischen den Knochen immer kleiner und verschwindet schließlich ganz. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf: Die verschiedenen Teile des Gelenks entzünden sich, Knochen reibt auf Knochen – das Gelenk wird zunehmend zerstört.

Schleichender Verlauf

Klar ist, dass dieser Prozess mit immer stärker werdenden Schmerzen verbunden ist. Und dass Arthrose schleichend verläuft – während bei Rheuma die Probleme urplötzlich, also praktisch über Nacht auf­tauchen können und dann häufig gleich mehrere Gelenke betroffen sind. Die Unterscheidung zwischen Arthrose und Rheuma ist wichtig, weil die beiden Krankheits­bilder völlig unterschiedlich behandelt werden müssen. Typisch für Arthrose sind die Anlaufschmerzen nach längerer Ruhe, zu der sich mit der Zeit immer mehr Bewegungs- und Belastungsschmerzen gesellen.

„Es gibt Hunderte verschiedener Behandlungsmöglichkeiten bei Arthrose – wesentlich ist letztlich das, was hilft“, berichtet Patrik Reize aus seiner langjährigen ­Erfahrung. Tiefenbestrahlung, Magnetfeldtherapie, Stoßwellentherapie, Akupunktur, Schmerztherapie – man sollte seiner Meinung nach aus der Vielzahl der Möglich­keiten schon einiges ausprobieren.

Viel hält der Orthopäde von konservativen Maßnahmen, um die Beweglichkeit so lange wie möglich zu erhalten. Dazu zählen vor allem Bewegung – auch in speziellen Sport- und Bewegungsgruppen –, aber auch Krankengymnastik und physikalische Therapie, also Massagen sowie Wärme- und Kältebehandlungen. Hilfreich seien auch Einlagen in den Schuhen oder orthopädische Schuhe sowie Bandagen und andere Hilfsmittel, um die Gelenke zu stabilisieren. Und natürlich helfe „schmieren und salben allenthalben“, wobei eine Creme nicht nur reine Schmerzmittel, sondern auch entzündungshemmende Wirkstoffe wie beispielsweise Diclofenac enthalten sollte.

Umstrittene Wundermittel

Andererseits machte Reize deutlich, dass er von den vielen Heilsversprechen und Wundermitteln wie Rheumadecken, Katzenfellen, Korallenkalk, Eigenbluttherapie und manchen chemischen Verbindungen wie etwa Dimethylsulfoxid (DMSO) wenig hält. „Wenn man an den Placeboeffekt glaubt, kann es helfen – ansonsten würde ich davon abraten.“ Einen eigenen Vortrag widmet der Orthopäde intensiv beworbenen Knorpelpräparaten und Arthrosemitteln. Dazu zählen Glucosamine, Chondroitinsulfat und Hyaluronsäuren, die als Turbospritzen angepriesen werden – für teures Geld, versteht sich. Das Fazit: Es gibt zwar Studien, die darauf hin­weisen, dass diese Stoffe wirken könnten, aber wissenschaftlich anerkannte und gesicherte Nachweise für durchschlagende Effekte sind bisher nicht bekannt. „Eine Heilung gibt es durch diese Mittel nicht, vielleicht helfen sie kurzfristig über die Schmerzen hinweg“, fasst Reize zusammen.

All diesen Behandlungsmöglichkeiten zum Trotz kommt bei vielen ­Arthrose-Geplagten irgendwann einmal der Zeitpunkt, an dem sie von ihrem schmerzenden Gelenk genug haben und sich sagen: „So geht es nicht mehr weiter.“ Dann bleibt als Alternative nur ein ope­rativer Eingriff. Bei jüngeren Patienten und in speziellen Fällen kann auch noch die Transplantation von Knorpelzellen oder von Stammzellen helfen. Auch die Entfernung beispielsweise von Knochenteilchen aus dem Gelenk im Zuge einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie) kann vorübergehend die Probleme lindern. Und manchmal zeigen die Röntgenbilder ein weitgehend zerstörtes Gelenk an – und trotzdem kommt der Patient noch ganz gut damit zurecht.

In vielen Fällen bleibt letztlich aber nur   noch   der   Ersatz   durch ein ­ künst­liches Gelenk, eine Endo­prothese. Nach Angaben der ­Deutschen Arthrose-Hilfe haben hier­zulande   mehr als drei Millionen Menschen bereits ein künst­liches Gelenk. Demnach werden jährlich rund 200 000 Hüft­gelenke, 150 000 Knie­gelenke und 12 000 Schultergelenke durch Im­p­lantate ersetzt. Erfreulich für Arthrosepatienten ist, dass die künstlichen Gelenke wie auch die Ope­rations­techniken und die Nach­behandlung in den letzten Jahren immer ­besser geworden sind. Bei neuen Knie- und Hüft­gelenken habe heute ein Patient ab dem 60. Lebensjahr nur noch ein Risiko von fünf bis zehn ­Prozent, dass er noch einmal an diesem Gelenk operiert werden müsse, hieß es in Bad Cannstatt.

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