Real oder KI-Reel? Wirklichkeit oder eine von KI gefälschte Video-Realität? Ein Wegweiser im Deepfake-Dschungel und die eine oder andere Warnung – besonders für Familien.
Das Smartphone fest im Griff, so hält man am verlängerten Arm die Welt in Händen. Eine unendliche Fülle an erdumspannenden Einblicken. Unentwegter Bilderfluss, Feed an Feed, Beitrag an Beitrag, Information und Traumwelt, Pixel für Pixel. Nur wenige Klicks liegen zwischen Papst in Soutane und Papst in Prada. Das eine ein fotografisches Abbild der Wirklichkeit, das andere ein Hirngespinst, via KI-Technik in ein handfestes, fotorealistisches Motiv übertragen.
Die Zeiten, in denen Oma und Opa der Enkelin in ein paar Sätzen die Welt erklären können, sind vorbei. Die komplexe Welt wird heute simpel und permanent reproduziert, in echten und gefälschten Bildern. Komprimiert wird der Wirrwarr auf einem Display. Eine umsichtige Einordnung der Zusammenhänge ist kaum möglich und die Desinformation hat leichtes Spiel. Die Sache ist klar: Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe. Aber kann das eine vornehmlich analog aufgewachsene Elterngeneration leisten?
Falsch, echt oder täuschend echt?
Deepfakes ist das umgangssprachliche Schlagwort für die Welle aus täuschend echt wirkenden Inhalten. Häufig genügt es, Bruchstücke eines Bildes zu verfälschen, um die Aussage ins Gegenteil zu drehen. Face-Swap und Puppet-Master – Gesichter-Tausch und Puppenspieler – sind nur zwei Spielarten, die erahnen lassen, wie kinderleicht inzwischen perfekt anmutende Fälschungen gelingen. In Echtzeit während einer Videokonferenz könnte man einem Teilnehmer wie in der 1964 erdachten bis heute populären französischen „Fantomas“-Science-Fiction-Serie, ein anderes Gesicht überstülpen.
Seit der technischen Wegbereitung im Jahr 2017, fluten diese gezielt manipulierten Inhalte als Audio-Datei, Bild oder Video die Social-Media Kanäle. Eine besonders perfide Variante sind Deepnudes. Im Netz, frei zugänglich für alle, lauert der fiese Deep Nude AI Generator und zieht den Protagonisten jedes einst noch so unverfänglichen Schnappschusses nicht bloß die Schuhe aus: Nackt im Netz ausgestellt, zum Objekt degradiert. Einerlei, dass das Bild niemals „in echt“ so fotografiert wurde.
Real oder KI-Reel? Wer weiß das so genau, wer traut schon noch seinen Augen? Das verunsichert. Und es wächst eine Generation heran, für die das Transformieren eigener Gedanken und Wunschvorstellungen per KI-Technik in ein bestimmtes Bild- oder Video-Produkt alltäglich sind. Ein Bild steht nicht mehr für sich und immer weniger als verlässliches Dokument eines tatsächlichen Geschehens.
Es braucht Restriktion
Kinder, die mit KI konfrontiert werden, sollten parallel Ansätze philosophischen Denkens vermittelt bekommen. Essenziellen Grundbegriff von Wahrheit, spielerisch heruntergebrochen auf Grundschulniveau – das muss heute Unterrichtsstoff sein. Falls das nicht geht, es dafür kein ausgebildetes Personal gibt, braucht es Restriktion: kein Social Media unter 16.
Realität war immer schon relativ, subjektiv gefärbt – ebenso wie das Medium der Fotografie. In Zeiten von massentauglichen KI-Apps wächst aber Verwirrung und damit die visuelle Verirrung ins Haltlose. Großeltern schauen ganz anders auf Bilder als die Enkelgeneration.
In Kursen mit Kindern vergeht keine Stunde, bis die Echtheit der gezeigten Motive, wenn sie etwa sichtbar mit einem Filter bearbeitet wurden, lautstark in Frage gestellt wird. Während die Großeltern ungerührt bleiben – Retusche gab es schließlich auch bei Schwarz-Weiß-Bildern – wandeln Kinder und Jugendliche ihre Verunsicherung um in eine Form von triumphalem Hab-ich-doch-gleich- gewusst! Ist ja KI!
Einfache Anleitungen gibt es nicht
Misstrauen ist gut, aber ein pseudokritischer Ansatz allein reicht aber nicht. Alte wie Junge brauchen heute generell mehr Sicherheit im Umgang mit fotografischen und künstlich generierten Bildern. Einfache Anleitungen gibt es nicht. Was es braucht, ist einen kontinuierlicher Lernprozess zu mehr Bildkompetenz. Und ein Gerüst, wenn es darum geht, behauptete und vorgeblich für sich selbst stehende Bilder mit der Wirklichkeit abzugleichen.
Höchste Zeit also für ein paar Spielregeln. Durchgesetzt werden muss als erstes eine klare Kennzeichnung, die manipulierte Bilder benennt, egal, ob sie komplett generiert oder „nur“ verfälscht sind. Klingt selbstverständlich, gibt es aber bislang, beispielsweise auf Social Media, nur selten. Dabei sind Standards essenziell, um auch das Vertrauen in Abbildungen im journalistischen und wissenschaftlichen Kontext zu bewahren. Es braucht Quellen, denen man trauen kann.
Selbst Profis kommen ins Schwitzen
Einfache Parameter, an denen man Deepfakes erkennen könnte, gibt es nur noch selten. Bilderrätsel, bei denen auf den ersten Blick zu entschlüsseln versucht wird, ob ein Motiv nun fotografiert ist oder KI-generiert, mögen zunächst noch amüsant sein. Das Rätseln ist aber mittlerweile schlicht irrelevant. Selbst Profis aus Bildtechnik, Journalistik und Forensik schaffen das Dechiffrieren generierter Bilder mit dem bloßen Auge kaum mehr.
Mit den eigenen Kindern über gezielte Bildkonstruktionen zu sprechen, heißt tiefere Ein- und Ausblicke zu vermitteln: für das Spektrum an technischen Möglichkeiten und die weitreichenden gesellschaftlichen Folgen von Deepfakes und deren Ausläufer in Journalismus, Schule, Wirtschaft, Politik. Was macht ein Bild mit seinem Betrachter? Was kann ein (falsches) Bild auslösen? Und welche Folgen hat es generell, wenn man ein generiertes nicht von einem fotografierten Bild unterscheiden kann? Darüber muss offen diskutiert werden.
Der Wahrheitsverfall droht
Deepfakes sind mehr als lustiger Zeitvertreib. Medienexperten sprechen auch von der „Dividende der Lügner“, wenn etwa autokratische Systeme und demokratiefeindliche Akteure versuchen, die Menschen zu verunsichern, indem sie tatsächliche Geschehnisse verfremden oder ins Gegenteil verkehren.
Die stetige Unterhöhlung visueller Inhalte kann zu Wahrheitsverfall, Schwächung der klassischen Medien führen; zu einer extremen Polarisierung von Menschengruppen und einem kaum umkehrbaren Kreislauf des Misstrauens nach dem Motto: Dein Bild ist nicht mein Bild und deine Wirklichkeit nicht die meine!
Das Sehen spielt sich nicht im Auge ab, sondern im Gehirn. Der im Internet, in den Sozialen Medien täglich verwurstete und durchgenudelte Alltag schwappt hin und her zwischen Realität und Fiktion.
Und sollte es eines Tages passieren, dass im Internet doch ein Deepfake oder ein Deepnude von dir selbst auftaucht, bleib so cool es irgendwie geht, sag Bescheid und mach dir bewusst: Du bist viel mehr als nur das Bild von dir. Für solche Erkenntnisse braucht es in der Regel aber mehr als eine Armlänge Abstand zum Display.