Kinder sind immer früher in sozialen Medien unterwegs. Auf politischer Ebene wurde deshalb eine Altersgrenze diskutiert. Darüber sprechen wir mit Medienexperte Sebastian Eisele.
Soziale Medien prägen den Alltag vieler Kinder längst so selbstverständlich wie die Schule und die Freunde. Der Suchtstoffbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) forderte deshalb Mitte des Jahres eine „streng gestaffelte Altersgrenze für soziale Medien“, um die Jüngsten zu schützen und auch in Dänemark ist aktuell ein Mindestalter für die Nutzung von sozialen Netzwerken im Gespräch. Hendrik Streeck erntete für seine Forderung auf politischer Ebene Kritik, aber auch Zuspruch.
Unsere Redaktion hat im Kreismedienzentrum nachgehakt. Ist diese Forderung sinnvoll? Und was ist grundsätzlich bei der Nutzung von sozialen Medien durch Kinder wichtig?
Wir sprechen mit Sebastian Eisele, Regio-Berater im Kreismedienzentrum Schwarzwald-Baar, über dieses Thema.
Finden Sie die Forderung von Hendrik Streeck berechtigt?
Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, woher diese Forderung kommt. Ich denke aber, dass es schwierig wäre, ein solches Verbot durchzusetzen. Viele Messenger und soziale Medien haben sowieso schon eine Altersbeschränkung. Ich kann mir diese Apps aber auch installieren, wenn ich das Alter noch nicht erreicht habe. Da gibt es also meines Wissens keine besonders wirksame Lösung, weil der Mechanismus fehlt, diese durchzusetzen.
„Wir sprechen von durchschnittlich vier Stunden in den sozialen Medien, zwei Stunden mit Computerspielen und zwei Stunden mit Streaming-Diensten“, sagte Hendrik Streeck Ende August in einem Interview mit der Rheinischen Post. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?
Meiner Erfahrung nach kann ich sagen, dass viele Jugendliche insgesamt zu viel konsumieren und das passiert meist unbegleitet. Man kann von den Kindern und Jugendlichen aber auch nicht erwarten, dass sie sich selber einschränken, wenn das viele Erwachsene nicht schaffen.
Ab welchem Alter halten Sie es für sinnvoll, dass Kinder Zugriff auf soziale Medien erhalten?
Das ist ein schwieriges Thema. Wir sind uns alle einig, dass ein Fünfjähriger keinen Zugriff auf soziale Medien braucht. Ab 18 darf man dann alles, aber wenn ich bisher keinen, zum Beispiel WhatsApp-Account hatte, habe ich auch nicht gelernt, wie ich damit umzugehen habe. Mir erscheint es bei dieser Thematik am wichtigsten, dass Kinder und Jugendliche mit Begleitung der Eltern in die Nutzung einsteigen. Wann diese Nutzung aber beginnt, ist schwer zu sagen. Üblicherweise wird mit Zahlen von 14 bis 16 gehandelt. Ich würde aber sagen, es ist kein Kind unglücklicher, wenn es mit 14 noch keine sozialen Medien nutzt, solange das für alle Kinder gilt. Wenn aber nur eines ausgeschlossen ist, weil die Eltern strenger sind, bringt das wiederum eigene Probleme. Am wichtigsten ist unterm Strich die Begleitung.
Wie gut sind Kinder und Jugendliche heutzutage darin, Medien kritisch zu hinterfragen?
Ganz schlecht. Weil sie es nicht beigebracht bekommen. Wenn man heute mit zehn oder elf ein Handy bekommt und dann YouTube und WhatsApp mit Gruppen und Freunden nutzt, setzt sofort sozialer Druck ein. Dann will man dazugehören und postet eben auch eher mal etwas, was man mit etwas mehr Erfahrung oder Nachdenken nicht getan hätte. Viele Kinder sind einfach beeinflussbar. Ich glaube nicht, dass sie Inhalte wirklich kritisch hinterfragen, weil man glaubt, was man sieht. Und mit der KI ist es jetzt noch extremer geworden. Man kann alles erstellen, was man will. Früher brauchte man dafür Spezialeffekte-Studios, heute reicht ein Textbefehl. Das Thema Fake News rückt dadurch stark in den Vordergrund.
Welche positiven Seiten können soziale Medien für Kinder haben?
Grundsätzlich ist es wie mit ein Hammer. Er kann eine Waffe sein oder auch ein Werkzeug. So ist es auch mit sozialen Medien. Ich kann sie wunderbar nutzen, um mit meiner Familie in Kontakt zu bleiben oder Menschen mit gleichen Interessen zu finden. Das war früher gar nicht so einfach. Es gibt positive Effekte, etwa beim Lernen oder in Gruppen, die sich über soziale Netzwerke finden, wie „BookTok“, wo Menschen wieder zum Lesen gebracht werden. Aber auch hier gilt: Begleitung ist das Entscheidende. Die wichtigsten Ansprechpartner für die Kinder sind zuerst immer die Eltern.
Wo sehen Sie die größten Gefahren für Kinder auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat?
Ganz klar, im Extremismus und in den Falschinformationen. Gerade bei TikTok scheint es so, dass extreme Parteien verstärkt in den Feeds junger Menschen auftauchen. Menschen glauben, was sie sehen, und wenn dann einfache Antworten auf komplexe Fragen gegeben werden, wie etwa beim Thema Klimawandel, ist das gefährlich. Wenn ich darauf mein Wahlverhalten aufbaue, ist das problematisch.
Wie kann man sich vor den Gefahren schützen?
Durch Begleitung. Kinder müssen lernen, mit Medien umzugehen. Alle Menschen sind heute einer Informationsflut ausgesetzt, weshalb die Quellenkritik so wichtig ist. Und klar, wer bringt es den Kindern bei? Die Eltern. Zusätzlich ist aber natürlich auch die Schule in der Pflicht. Unser Ziel muss sein, dass eine Elterngeneration heranwächst, die selbst medienkompetent ist.
Welche Verantwortung haben Schulen konkret?
Nicht die größte. Wer Kinder will, muss sich auch seriös kümmern. In Baden-Württemberg gibt es jetzt das Fach „Informatik und Medienbildung“ ab Klasse fünf. Anfangs liegt der Schwerpunkt auf Medienbildung, später stärker auf Informatik. Das ist sehr gut, auch wenn es nur eine Stunde pro Woche ist, denn davor gab es das nicht in dem Maße. Natürlich müssen Schulen ihren Teil leisten. Aber die größte Verantwortung bleibt bei den Eltern. Denn sie sind die ersten Bezugspersonen und tragen die Hauptverantwortung.
Welche Kompetenzen sollten Kinder lernen, um sich sicher in der digitalen Welt zu bewegen?
Wichtig ist, wie viel Zeit man dort verbringt. Wenn ich abends feststelle, dass ich acht Stunden Bildschirmzeit hatte, ist das nicht gesund, weder für den Kopf noch für den Körper. Außerdem sollten Kinder lernen, Quellen zu prüfen. Jeder kann heute eine Website erstellen, die professionell aussieht, aber Unsinn verbreitet.
Ich bin nicht dagegen, dass Kinder zocken, das gehört für viele dazu. Aber fünf Stunden täglich sind zu viel. Eine Faustregel ist etwa zehn Minuten Bildschirmzeit pro Lebensjahr. Das kann man natürlich nicht wörtlich nehmen, dient aber als Leitfaden. Wichtig ist außerdem, dass Kinder nicht nur konsumieren, sondern auch selbst gestalten: Ein Video schneiden, ein Projekt umsetzen, das ist aktive Mediennutzung. Wenn ich fünf Stunden etwas produziere, ist das etwas ganz anderes, als wenn ich fünf Stunden nur scrolle.
Inwiefern verändert Künstliche Intelligenz die Mediennutzung von Kindern?
Ganz einfach: Hausaufgaben. Ich kann Chatbots anweisen, einen Text zu schreiben, sogar mit ein paar Rechtschreibfehlern. Das ist Realität. Schulen machen sich da oft noch etwas vor. KI wird aber auch genutzt, um Inhalte massenhaft zu erstellen, sogenannten AI-Slop. Das sind automatisch generierte YouTube-Videos, die Geld abwerfen, während seriöse Inhalte untergehen. Jugendliche konsumieren diese Inhalte oft, ohne zu wissen, dass sie nicht real sind. Die einzige Lösung: kritisch hinterfragen.
Welchen Rat würden Sie Eltern, Kindern und Jugendlichen mitgeben?
Sprecht darüber. Eltern und Kinder sollten über ihre Mediennutzung sprechen und Dinge gemeinsam machen. Dann ist die Chance größer, dass man auch über Probleme reden kann, wenn etwas passiert. Wenn Eltern sagen: „Hier ist dein Handy, dann habe ich meine Ruhe“, ist das bequem, aber nicht gut. Unsere Kinder leben in einer anderen Medienwelt als wir, und nur wenn sie uns in ihre Welt mitnehmen, können wir ihnen wirklich beim Aufwachsen mit Medien helfen. Dafür haben wir am Kreismedienzentrum auch viele Angebote für Schulen, Eltern und Kinder.