Medienbildung in der Schule Weniger als „besser als nichts“

Sabina Paries
  Foto: KI/Midjourney/Montage: Maria Pichlmaier

Das neue Schulfach Medienbildung soll Kinder zu digitaler Mündigkeit erziehen. Doch in der aktuellen Form dürfte das kaum gelingen, sagen Leute aus der Praxis.

Wenn es so einfach wäre! Ein Verbot, ein Zauberspruch, und augenblicklich ist der Geist zurück in der Flasche. Australien erlaubt Social Media erst ab 16 Jahren. Baden-Württemberg wählt im Frühjahr einen neuen Landtag, auch hier fordert die Politik Verbote. Kein Satz dazu, wie ein solches Verbot umgesetzt werden könnte. Und Australien zeigt auch: Das Verbot wird mühelos umgangen.

 

Bevor also Verbote ausgesprochen werden: Wer erklärt schlüssig, warum Social Media vor dem 16. Lebensjahr nicht genutzt werden sollte? Und weil im Internet nicht, wie in den Achtziger-Jahren im Fernsehen, um Mitternacht die Nationalhymne erklingt und danach Sendeschluss ist, sollte auch die Frage geklärt werden: Was muss geschehen, damit fragwürdige, verstörende, strafbare Inhalte nicht länger gegen den Jugendschutz, gegen die Menschenwürde verstoßen? Auch 16-Jährige, auch Erwachsene ertragen Bilder von Kriegsgräueln und Enthauptungsvideos nicht.

Medienkompetenz ist heute eine Schlüsselqualifikation. Gut, dass es mit Beginn des neuen Schuljahrs hier ein flächendeckendes Bildungsangebot geben soll. Fünft- und Sechstklässler haben in Baden-Württemberg pro Woche eine Stunde Informatik und Medienbildung: Aufklärung über KI, Fake News, Echokammern, Hatespeech, Verschwörungstheorien, aber auch Demokratiebildung. Laut Kultusministerium sollen „digitale Kompetenzen und die digitale Mündigkeit“ erworben werden.

Viele Ziele in einem Satz, viel Stoff für eine Wochenstunde. Die Frage ist: Reicht dieser Ansatz? Reicht der zur Verfügung stehende Werkzeugkasten? Lassen sich damit Zehn- bis Zwölfjährige zur digitalen Mündigkeit erziehen? Und falls nein: Was braucht es noch?

Können Lehrer Digital Natives Medienbildung nahe bringen?

Sind die Lehrkräfte überhaupt dazu ausgebildet? Sind sie den Kindern gewachsen, die nach Schulschluss so spielerisch mit dem Smartphone umgehen, dass Erwachsene immer wieder staunen? Schauen umgekehrt die Kids, die Digital Natives nicht skeptisch auf Ältere, die so tun, als wollten die ihnen etwas beibringen?

Das Kultusministerium jedenfalls übt sich in Optimismus: Das Fach vermittele „anknüpfend an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, Kompetenzen der Medienbildung und der Informatik“.

Regine Walter, 59, ist eine Art Vorreiterin: Seit 2004 ist sie am evangelischen Firstwald-Gymnasium in Mössingen (Kreis Tübingen) für das Profilfach „Mensch und Medien“ zuständig. Sie hat selbstständig Ansätze zur Medienbildung entwickelt und ist skeptisch: „Es muss um grundsätzliches Verstehen gehen, wie das Internet funktioniert: Wie arbeiten Algorithmen in Suchmaschinen? Was ist der Unterschied von redaktionellen und werbebasierten Inhalten? Welche Schutzeinstellungen sind zum Beispiel notwendig? In einem einstündigen Fach lassen sich die Themenfelder Medienkompetenz, Informatik und KI nicht sinnvoll abdecken und bearbeiten.“

Es brauche Zeit, um die Felder didaktisch aufzuarbeiten und vor allem Fachkräfte, die dies leisten könnten, sagt Regine Walter. „Beides ist nicht gegeben. Viele Kollegen und Kolleginnen besuchen Medienkompetenz-Kurse in der Freizeit.“ Ähnlich sieht es auch der Sonderpädagoge Harald Nusser, der sich ähnlichen Themen an der benachbarten Jenaplanschule, einer Gemeinschaftsschule mit Inklusion gestellt hat. Nusser, 65, sagt: „Der Themenkomplex wurde bislang an die Polizei oder an das ‚Bündnis gegen Cybermobbing‘ outgesourct. Es ist gut, dass der Handlungsbedarf gesehen und darauf reagiert wurde.“ Allerdings so kurzfristig, dass sich die Lehrkräfte kaum darauf vorbereiten konnten.

Florian Nuxoll, 46, hat neue Lehrmaterialien zu Medienbildung erarbeitet. Neben seiner Arbeit als Gymnasiallehrer ist Nuxoll wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen und Herausgeber der Reihe „Medienwelten“. Er weiß um die Differenzen zwischen Informatik und Medienbildung. „Informatiker sind ganz anders als Medienpädagogen“, sagt Nuxoll. „Informatiker wollen am liebsten codieren, direkt ins Programmieren und in die Essenz der Informatik einsteigen. Computational Thinking, eben! Die Menschen mit Fokus Medienbildung haben ganz andere Aspekte, die ihnen wichtig sind. Dazu gehören Nachrichten- und Informationskompetenz. Ich sehe hier die Gefahr, dass die Informatiker ein bisschen die Medienpädagogik ignorieren und die Medienpädagogen die Informatik.“

Klug konzipierte Lehrpläne und gutes Lehrmaterial sind wichtig. Foto: Martin Stollberg (Archiv)

Für ein eigenständiges Fach, sagt der Wissenschaftler Nuxoll, sei das zu viel Stoff, Lehrer bräuchten „dringend mehr Unterstützung“. Entscheidend sei, dass eine Lehrkraft Ahnung vom Thema habe. „Bisher gibt es aber keine ausgebildeten Lehrer für Medienbildung oder für Medienkompetenz.“

Regine Walter vom Fachvorsitz „Mensch und Medien“ am Firstwald Gymnasium stimmt zu: „Ich halte eine langfristig angelegte Zusammenarbeit mit ausgebildeten Medienpädagogen für nötig.“ Sodass die Lehrkraft mit dem Experten ein Tandem bildet. Experten für ein Projekt „einfliegen“ zu lassen, sei gut, besser aber sei eine dauerhafte Kooperation, die wachsen könne. „Wo manche meinen, aktuellen Herausforderungen, wie der KI-Technik durch Verbote begegnen zu können, entsteht an anderer Stelle das Bedürfnis, als Schule flexibler auf die neuen Entwicklungen zu reagieren.“

Es ist wie beim Räuber-und-Gendarm-Spiel: Die Räuber sind den Gendarmen immer einen Schritt voraus. Die Schule hinkt der Technik hinterher. Die Clips auf Tiktok sind so schnell geschnitten, und im Unterricht holen wir erst einmal die Hefte raus. Was also tun?

Lehrmaterialien müssen schnell aktualisierbar sein

Wichtig sind klug konzipierte Lehrpläne und adäquates Lehrmaterial, das schnell aktualisiert werden kann. Das zumindest wünscht sich Sonderpädagoge Harald Nusser: „möglichst digital und veränderbar für die jeweilige Lernumgebung“. Trends bei Kindern und Jugendlichen und die damit verbundenen Gefahren müssen beschrieben und erklärt werden. Und das natürlich subtil, ohne erhobenen Zeigefinger.

Anders ausgedrückt: Es ist jede Anstrengung wert, die Medienbildung im Unterricht zu pushen. „Wer meint, das sei zu viel verlangt“, sagt Harald Nusser, „der soll sich bitte eine gut gemachte Medienproduktion anschauen, egal, ob sie mit herkömmlichen Werkzeugen oder mIt KI gebaut ist. Es braucht vielfältige und profunde Kenntnisse um sie zu verstehen und zu durchschauen.“

Das Fach Medienbildung ermöglicht keine umfassende Medienkompetenz

Einigen wir uns darauf: Es ist immerhin ein Anfang. Fünft- und Sechstklässler werden von nun an im Umgang mit Medien begleitet. Ob sie dadurch bereits zu mündigen Mediennutzern heranreifen? „Das Fach ist besser als nichts“, sagt Regine Walter mit der Erfahrung von 21 Jahren als Pädagogin mit Medienfokus. Um dann aber doch deutlich zu werden, auch, wenn sie sie ihre Kritik so diplomatisch wie möglich formuliert: „Es ermöglicht aber aus meiner Sicht keine umfassende Medienkompetenz. Es wirft – wenn überhaupt – einzelne Schlaglichter auf bestimmte Aspekte. Und es ist abhängig davon, was die einzelnen Kolleginnen und Kollegen unter den technischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Schule überhaupt ermöglichen können.“

So oder so geht das Lernen weiter. Für Lehrkräfte, für Schüler, auch für Eltern. Im Unterricht und erst recht danach. Dies- und jenseits des Screens. Und idealerweise künftig dann auch in Klasse 7 und für all jene Schüler, die jetzt bereits in höheren Klassenstufen sind. Der Geist ist längst aus der Flasche, es gibt viel zu tun.