Mit zwei Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht will die Schweiz am Gotthard eine zweite Röhre bauen, 2030 soll sie fertig sein. Doch seit Juni steckt „Paulina“ im Gotthardmassiv fest.
Fast jeder Autofahrer, der im Sommer gen Süden durch die Schweiz in den Urlaub fährt, kennt es: Stau im Gotthardtunnel. Die 16,9 Kilometern lange Röhre durch das Alpenmassiv ist ein Nadelöhr – und muss noch dazu saniert werden. Um den Tunnel für diesen Zeitraum nicht komplett sperren zu müssen, baut das Schweizer Bundesamt für Straße (Astra) eine zweite Röhre.
Dabei im Einsatz: Zwei Tunnelbohrmaschinen vom Weltmarktführer Herrenknecht mit Hauptsitz in Schwanau. Im Februar 2025 wurden „Alessandra“ und „Paulina“ – so die beiden Namen der Mega-Maschinen – gestartet, von beiden Seiten sollen sie sich Stück für Stück durch das Gotthardmassiv fräsen.
Während „Alessandra“ am nördlichen Ende nach Plan voran kommt, gibt es auf der Südseite bereits seit Monaten Probleme. Denn nach nur knapp 190 Metern Strecke ist die Maschine „Paulina“, die auf der Südseite gestartet ist, am 23. Juni gestoppt worden. Zuerst berichtete darüber das TV-Magazin „Rundschau“ vom SRF.
Maschine sei „kontrolliert angehalten“ worden
Seitdem bewegt sich die 7600 PS starke Maschine des Schwanauer Unternehmens nicht mehr. Während zahlreiche Medien in den vergangenen Monaten von einem Steckenbleiben sprachen, hieß es am Montag in einer Pressemitteilung von Astra, dass die Maschine „kontrolliert angehalten“ wurde.
Und weiter: „’Paulina’ wurde bewusst funktionsfähig angehalten, um ein Festfahren im Gestein und mögliche Schäden an der Maschine zu vermeiden“, heißt es vom Bundesamt für Straßen. Die Maschine sei „nicht im Gestein blockiert oder beschädigt“.
Auf Anfrage unserer Redaktion an Herrenknecht äußert sich das Unternehmen nicht und verweist aus „vertraglichen Gründen an den Bauherren, das Astra“. Denn der Tunnelbauer ist in diesem Fall nur Lieferant der Maschinen – und damit mutmaßlich völlig schuldlos am Stillstand auf der Südseite des Tunnels. Stattdessen steht derzeit das Bundesamt für Straße in der Schweiz in der Kritik, in den Medien ist von einem „Debakel“ die Rede.
Schon vor Jahren wurde der Bauherr gewarnt
Denn: Recherchen der „Rundschau“ zeigen, dass neben Experten auch die Baufirma davor warnte, die Tunnelbohrmaschine am Anfang des Massivs zu nutzen. Der Grund sind die schwierigen geologischen Verhältnisse auf den ersten paar hundert Metern. Bereits vor Jahren habe laut SRF ein Gutachten eine Sprengung am Anfang empfohlen – und erst danach den Einsatz der Tunnelbohrmaschine.
Dennoch entschied sich das Astra für die direkte Bohrung mit der Maschine „Paulina“, die laut SRF bereits nach fünf Metern das erste Mal stecken blieb. Nach 192 Metern war dann endgültig Schluss. Die Maschine sei auf „stark geklüftetes, teilweise loses Gestein und Hohlräume“ gestoßen, hieß es bereits im Juli vom Astra. Per Pressemitteilung hatte man damals bekanntgegeben, dass rund 500 Meter „statt mit der Tunnelbohrmaschine konventionell im Sprengvortrieb ausgebrochen“ werden. Heißt: Erst danach soll „Paulina“ von Herrenknecht weitermachen.
Mehrkosten von bis zu 20 Millionen Franken drohen
Das hat Konsequenzen für das Gesamtprojekt: Die Änderung in der Vorgehensweise sorgt für Mehrkosten von bis zu 20 Millionen Franken (21,6 Millionen Euro), sechs bis acht Monate dauern die Zusatzarbeiten laut Astra. „Am geplanten Eröffnungstermin und den veranschlagten Gesamtkosten“ halte man jedoch fest, hieß es im Juli. Insider haben an dieser Schätzung laut SRF Zweifel und befürchten eine Verzögerung von bis zu zwei Jahren.
Was Firmenchef Martin Herrenknecht von dem Schlamassel im Gotthardmassiv hält, lässt sich nur vermuten. „Man darf annehmen, dass es den Unternehmer gewaltig ärgert, ruhig bleiben zu müssen“, mutmaßte in der vergangenen Woche die „Zeit“ unter der viel Raum für Interpretationen lassenden Überschrift „Die Tunnelbohrer von Herrenknecht gelten als die besten der Welt. Doch einer steckt seit Monaten im Gotthardtunnel fest. Wie kann das sein?“
Immerhin: Herrenknecht und sein Bohrer „Paulina“ kann wohl weder für das Malheur, noch für die Mehrkosten und die mögliche Verzögerung in dem Milliardenprojekt etwas.
Die Gesamtkosten
Die Gesamtkosten für den Bau der zweiten Tunnelröhre durch das Gotthardmassiv belaufen sich laut Astra auf 2,14 Milliarden Franken (2,31 Milliarden Euro). Der geplante Eröffnungstermin für die zweite Röhre ist im Jahr 2030. An diesem Zeitplan hält das Astra trotz Mehraufwand und Verzögerung weiter fest.