Welche Fehler hat Joshua Kimmich gemacht und wie hätten sich diese in der emotionalen Debatte um den Impfstatus des Bayern-Profis verhindern lassen? Unsere Redaktion hat bei Professor Oliver Zöllner, Experte für Medienforschung und digitale Ethik, nachgefragt.
Die mediale Berichterstattung rund um den Nationalspieler aus Bösingen ebbt nicht ab. Während ihm einige Persönlichkeiten aus der Welt des Sports zur Seite springen - so Carsten Ramelow, Vizepräsident der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, der meint, man müsse "die Bedenken vor Nebenwirkungen akzeptieren" - herrscht anderenorts großes Unverständnis über Joshua Kimmichs persönliche Impfentscheidung. Professor Oliver Zöllner von der Hochschule der Medien Stuttgart nimmt eine mediale Einordnung vor.
Herr Dr. Zöllner, seit der Bekanntgabe des Impfstatus von Joshua Kimmich am Samstag durch die Bild-Zeitung ist der Bayern-Star im Fokus der medialen Wahrnehmung. Joshua Kimmich hat die Initiative ergriffen und sich den Reporterfragen gestellt. War das ein richtiger Schachzug des 26-Jährigen?
Die Geschichte wurde von den Medien skandalisiert, das ist grundsätzlich ein Problem von Boulevardjournalismus und ganz konkret der Bild-Zeitung, die da natürlich eine sehr lange Tradition dafür hat. Da wird sich um Persönlichkeitsrechte - freundlich formuliert - nicht so gekümmert. Das ist der Bild-Zeitung relativ egal. Es ist öffentlicher Druck entstanden und das führt dann allerdings zu sehr unguten und auch zu kritisierendem Druck auf der Seite von Individuen, die plötzlich ihre privaten Dinge in der Öffentlichkeit teilen oder sich gedrängt fühlen sie teilen zu müssen.
Herr Kimmich hat natürlich das Recht nichts über sein Privatleben zu erzählen und natürlich hat er auch das Recht sich erstens nicht impfen zu lassen und zweitens nichts dazu zu sagen, aber bei Prominenten ist der Druck natürlich viel größer als bei Privatmenschen.
In solchen Debatten wird gerne polarisiert. Joshua Kimmich wird so vom "Samariter" zum "gefallenen Engel". Ist das nicht übertrieben?
Es kommt seine Rolle hinzu, dass er ja auch Botschafter für 'WeKickCorona' und PR-Person ist und in diesem Kontext auch ziemlich viele Charity-Auftritte hatte. Das betrifft natürlich seine Glaubwürdigkeit und ich glaube, das ist jetzt für Herrn Kimmich das größte Problem. Er war sozusagen der 'Posterboy' einer Kampagne und jetzt steht er beschädigt da.
Als Ethiker würde ich sagen, er hat seine Rolle als Vorbild für viele Menschen nicht richtig eingeschätzt. Er hat sich nicht hundertprozentig im Sinne der gesellschaftlichen Kampagne verhalten. Wäre er geimpft, wäre das natürlich völlig passend zu den Aussagen der Kampagne gewesen. Aber, da er jetzt natürlich mit seinen persönlichen Vorbehalten kommt, wird die ganz Kampagne unglaubwürdig und befeuert einen sehr polarisierenden öffentlichen Diskurs bis hin zu Verschwörungserzählungen, die wir ja auch seit geraumer Zeit im Umlauf haben.
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Prominente im Kreuzfeuer. Kann ein Prominenter in vergleichbarer Situation sich da überhaupt noch wehren, oder muss er das über sich ergehen lassen?
Das ist jetzt der klassische Shitstorm. Es ist ein gehypter Skandal. Die Botschaft ist: Das muss Herr Kimmich leider jetzt über sich ergehen lassen. Es ist auch ein wenig eigenes Ungeschick mit dabei. Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf. Herr Kimmich hat nichts Illegales gemacht. Es ist ein Sturm im Wasserglas, wie das ja so häufig ist. Und man kann jetzt prophezeien, dass in wenigen Tagen die größte Bugwelle des Shitstorms vorüber ist und dann wird dieses Thema wieder in den Hintergrund treten. Wir reden hier ja von Idolen und wir mögen es natürlich nicht, wenn Idole auch Fehler haben, also ganz menschliche Unzulänglichkeiten.
Ich glaube, in diese Rolle passt Herr Kimmich sehr gut rein, weil wir von ihm beinahe Übermenschliches verlangen. Wir wollen immer nur den Star sehen, der glänzt und sich perfekt verhält und in allen Belangen der Gute ist. Und jetzt sehen wir eben, er hat auch seine Schwächen und ist da vielleicht mit sich selbst nicht im Reinen und das wird jetzt sehr stark nach vorne gekehrt durch die mediale Berichterstattung. Das ist im Social Media-Zeitalter leider eine Normalität geworden. Das ist nicht gut für gesellschaftliche Debatten und Diskurse, aber es ist eben die Realität und das muss man als Prominenter berücksichtigen.
Einige Tage zurück liegt Joshua Kimmichs Klinikbesuch in München bei schwer kranken Kindern. Jetzt sieht er sich mit dem Vorwurf der Unverantwortlichkeit konfrontiert.
Ja, Herr Kimmich lernt das gerade auf die harte Tour. Die Debatte ist sehr stark aufgeladen durch den Bezug zu Kindern. Das wird natürlich immer auch in den Boulevardmedien emotional so dargestellt. Wir haben, ethisch gesprochen, immer die Pflicht Kinder zu beschützen, vor möglichen Gefahren zu bewahren. Insofern müsste Herr Kimmich, auch wenn er durch Testung und Masketragen alles korrekt gemacht hat, sich schon fragen, warum gehe ich dann trotzdem in die Klinik.
Da wäre die Eigenverantwortung bei Herrn Kimmich angesprochen, um dieses Risiko zu vermeiden. Das ist eine Stelle, wo er aus ethischen Gründen falsch abgebogen ist. Ich tue mir jedoch schwer mit dem Wort 'unverantwortlich', ich denke er hat sich nicht hundertprozentig verantwortlich verhalten. Er hätte diese Entscheidung so nicht treffen sollen, einfach um jedes Risiko auszuschließen.
Wie verändert sich jetzt die öffentliche Wahrnehmung von Joshua Kimmich beziehungsweise wie groß ist jetzt der Schaden für den Nationalspieler?
Im Moment in dieser aufgeheizten Debatte ist der Schaden für ihn immens, aber ich bin sicher, in wenigen Monaten werden wir den Fußballer Kimmich wieder ganz anders im Blick haben und wieder seine sportlichen Talente beurteilen. Davon gehe ich jedenfalls aus. Um im sportlichen Jargon zu bleiben, war es ein klassisches Eigentor. Ethisch gesprochen gehen wir davon aus, dass jeder das Recht hat, sich impfen zu lassen oder eben nicht. Das gilt auch für Herrn Kimmich.
Wenn er für sich diese Entscheidung getroffen hat, dann ist das auch zu respektieren, aber er muss sich eben im Klaren sein, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung als Prominenter, als Idol, damit zumindest der Idee, dass das Impfen ja gut ist und nach allem was man weiß auch nicht schaden würde, keinen Gefallen tut. Diesen Konflikt muss er jetzt auch aushalten.