Wo man auch hinschaut: Max Rieger ist immer schon da. Foto: Glitterhouse/Max Zerrahn

Max Rieger ist Sänger und Gitarrist der großartigen Band Die Nerven und hat Caspers letztes Hitalbum produziert. „Alles ist nur Übergang“, die neue Platte seines Soloprojekts All diese Gewalt, füllt er mit fahl schimmernden Hymnen auf die Transzendenz.

Ist das nicht der Mann, der eben noch im ausverkauften Festsaal Kreuzberg mit der Band Die Nerven an der Gitarre und am Mikro grandios-präzise Lärmkaskaden aufs Publikum losgelassen hat? Ist das nicht der Mann, der sich gerade dezent aufs Cover des neuen Albums der grandiosen Dark-Wave-Combo Die Selektion geschmuggelt hat? Ist das nicht der Mann, der Caspers Nummer-eins-Platte „alles war schön und nichts tat weh“ produziert hat?

 

Rick Rubin des deutschen Indiepop-Underground

Egal, wo man hinschaut in Indiepop-Deutschland: Max Rieger ist schon da. Der 30-Jährige, der aus Esslingen bei Stuttgart stammt, lebt schon einige Jahre in Berlin und ist so etwas wie der Rick Rubin des deutschen Indiepop-Undergrounds. Er hat nicht nur Casper, sondern zum Beispiel auch Stella Sommer, Ilgen-Nur, Mia Morgan oder Drangsal produziert, als Fanboy beim letzten Swans-Album als Assistent ausgeholfen, Musik für die Filme „Je suis Karl“ und „Berlin Alexanderplatz“ gemacht, unter dem Namen Obstler Black Metal herausgebracht. Und außerdem und vor allem ist er Sänger und Gitarrist der Band Die Nerven, der – wir legen uns da mal fest – derzeit besten Liveband Deutschlands.

Eine Welt, die gar nicht merkt, dass es mit ihr zu Ende geht

Mit den Nerven hat Rieger zuletzt eine tiefschwarz-krawallige Platte namens „Die Nerven“ veröffentlicht. „Alles ist nur Übergang“, das Album seines Soloprojekts All diese Gewalt, das an diesem Freitag erschienen ist, beginnt dagegen mit dem Lied „Ich bin das Licht“. Wer jetzt aber glaubt, es mit heiter-sonnigen Songs zu tun zu bekommen, hat sich getäuscht. Die Stücke auf der Platte leuchten nicht freundlich hell, sondern fahl, zwischen Samples, Synthesizer-Harmonien und Gitarrentexturen lauern Transzendenz und Tod. „Auch das schwarze Album der Nerven handelt vom Sterben, aber eher als eine Art gesellschaftliches Phänomen: Da geht es um eine Welt, die vielleicht gar nicht merkt, dass sie stirbt, dass es mit ihr zu Ende geht“, sagt Rieger. „Hier geht es mehr um die persönliche Ebene: Irgendwie gibt es mir eine seltsame Ruhe, dass ich weiß, dass alles vorbeigeht. Ich finde das einen sehr tröstlichen Gedanken, und dieses Gefühl wollte ich einfangen.“

Introspektion und Selbstdekonstruktion

Es geht hier aber nicht nur um eine Neuauflage der romantischen Todessehnsucht, sondern um auch um Introspektion und Selbstdekonstruktion. Etwa wenn Rieger in dem Song „21 gramm“ die Schwere des Bewusstseins misst, wenn er in „etwas fehlt“ singt: „Ich war nie wirklich der, der ich sein wollte“, oder wenn er in „so leicht“ zum Analog-Synthesizer bekennt, dass es noch nie so leicht war, sich selbst aufzugeben. Max Rieger ist einer, der sich selbst infrage stellt und ruhelos immer auf der Durchreise ist. Dass er in „Beleuchtete Höhle“ mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ spielt, passt zu einem wie Rieger, der erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Ich habe den ,Faust‘ tatsächlich erst dieses Jahr zum allerersten Mal gelesen“, sagt er, „aber, was soll ich sagen? Mich beschäftigt schon sehr, aus der Zeit, die wir auf diesem Planeten haben, das Beste machen.“

Ein Song ist eigentlich nur eine Idee

Zum Beispiel, indem er einen mit Melancholie aufgeladenen Song wie „Alles ist nur Übergang“ aufnimmt, der verdammt nah dran am perfekten Popsong ist – gerade, weil er mit ganz wenig auskommt. „Mir war es wichtig, keine unnötigen Dekorationen oder irgendwelche Schnörkel hinzuzufügen, sondern so einfach wie möglich zu sein – nur dieses Gefühl zu konservieren, mehr nicht.“ Nicht nur die Fähigkeit zur Selbstkritik („Von meinem letzten Album habe ich mich irgendwie entfremdet“), sondern auch das Beherrschen der Kunst des Weglassens dürfen sich andere Produzenten gerne von Max Rieger abschauen: „Ich selbst bin immer schnell zufrieden. Mir würde auch ein Demo reichen. Mir genügt die Vorstellung, die Idee des Songs“, sagt er. „Das Problem ist bloß, dass ich die Sachen am Ende nicht nur für mich allein mache.“

Verkürzte, verzerrte, verfremdete Samples

Auch sonst liebt es Max Rieger lieber ungewöhnlich. Viele der Songs von All diese Gewalt haben ihren Anfang auf Trödelmärkten und bei Haushaltsauflösungen genommen, verdanken ihre Existenz den Vinylplatten, die Max Rieger willkürlich aus Ein-Euro-Wühlkisten geklaubt hat. „Wenn man dann die ganzen James-Last-Sachen, die vielen Hit-Compilations und all die Sammlungen mit Weihnachtsliedern aussortiert, bleibt da gar nicht so viel übrig“, sagt Rieger, der alles gekauft hat, was irgendwie interessant aussah – vor allem Platten mit Chor- und Orgelmusik.

Überall auf „Alles ist nur Übergang“ haben diese nun in Form von Samples Spuren hinterlassen, die so verkürzt, verzerrt, verfremdet, zerschnitten sind, dass sich Rieger wegen der Rechte wohl keine Sorgen machen muss. Und während man noch staunend zuhört, wie sich in „zu Staub werden“ erst zwei Gitarren von rechts und links zu einem betörenden Groove verknoten, der dann im Refrain von einem gesampelten Chor ins Jenseits befördert wird, ist Max Rieger schon längst woanders – und nimmt mit Julian Knoth und Kevin Kuhn das nächste Nerven-Album auf.

Best of Max Rieger

Die Nerven: fluidum
 (2013, This Charming Man Records)

Friends of Gas: Fatal schwach
 (2016, Staatsakt/Universal)

Ilgen-Nur: Power Nap
 (2019, Northern Dancer Records)

Casper: alles war schön und nichts tat weh
  (2022, Eklat Tonträger)

Das Cover des Albums „Alles ist nur Übergang“ Foto: Glitterhouse

All diese Gewalt: Alles ist nur Übergang
 (2023, Glitterhouse)