Risse in der Wand in einem Wohnhaus in Leonberg Foto: dapd

Voraussichtlich im März – Hohlraum in 30 bis 40 Meter Tiefe soll mit Feinstzement verpresst werden.

Leonberg - Um die 40 Menschen sind am Mittwochabend ins Leonberger Rathaus gekommen. Sie wollen sich über den aktuellen Stand eines Geschehens informieren, das für sie wie ein Albtraum begonnen hatte. Innerhalb weniger Tage hatten sich Ende Juli 2011 nach einer Geothermiebohrung in der Thomas-Mann-Straße ihre Eigenheime in Bruchbuden verwandelt. Die Gebäude sind teils um mehrere Zentimeter abgesackt. Tiefe Mauerrisse sind entstanden, Fliesen von Wänden gefallen und Bodenbeläge gerissen. Und der Albtraum ist noch nicht zu Ende.

Malte Günther, der Rechtsanwalt der Gungl Bohrgesellschaft mbH aus Renningen, sitzt an diesem Abend unter den Zuhörern. Doch der Vertreter des Unternehmens, das am 22. Juli in Leonberg-Eltingen den 80 Meter tiefen Angriff für Erdwärmesonden gestartet hatte, wird schnell zum vielgefragten Mann. Und er widerspricht Vertretern des Böblinger Landratsamts, die eine Reparatur der Häuser erst nach der Sanierung des Bohrlochs und einer etwa viermonatigen Wartezeit für sinnvoll halten. Er sehe kein Risiko, wenn schon vorher Handwerker loslegen.

Solche Fragen bewegen die Betroffenen: Wann können sie ihre Häuser herrichten lassen? Bleibt es nach der Sanierung des Bohrlochs im Untergrund ruhig? Und wer bezahlt, wenn es später wieder zu Schäden kommt?

Gefahrenstelle scheint erkannt

Jochen Weinbrecht, Geologe im Böblinger Landratsamt, empfiehlt die Sanierung des Bohrlochs abzuwarten. Vizelandrat Wolf Eisenmann sagt, „eine Garantie gibt es bei keiner Bohrlochsanierung“. Anwalt Günther meint, dass für spätere Schäden die Firma aufkommen müsse, die künftig am Bohrloch arbeitet. Doch die Beweisführung sei in diesem Fall sicher schwierig.

Viele Fragen, keine eindeutigen Antworten. Das ist kein Wunder, „denn so ganz riesig ist der Erfahrungsschatz bei Bohrlochsanierungen nicht“, weiß Eisenmann. Sicher ist: „Wir dürfen auf keinen Fall etwas machen, das die Stockwerke miteinander verbindet.“ Der Vizelandrat spricht von den beiden Grundwasserschichten, die durch die Geothermiebohrung verknüpft wurden. Dadurch ist Wasser nach unten geflossen und Erde in den entstandenen Hohlraum gerutscht. Umliegende Häuser sackten ab.

Nach umfangreichen Untersuchungen – unter anderem wurden Grundwassermessstellen eingerichtet und die Dichte im Erdreich gemessen – scheint die Gefahrenstelle erkannt zu sein. Laut Weinbrecht ist es ein Hohlraum in 30 bis 40 Meter Tiefe. Darüber liege eine drei Meter dicke und dichte Gesteinsschicht. „Die rettet uns zurzeit“, so der Geologe. Bewegungen im Untergrund könnten die Lage aber schnell ändern.

„Wir haben eine labile Stabilität“

Der Hohlraum, das steht fest, muss gefüllt werden. Doch noch ist nicht klar, wie es gemacht wird und wer es tut. Eine Tendenz gibt es aber schon. „Wir haben Vorversuche in der Halle der Bohrfirma gemacht, aber nicht in 40 Meter Tiefe getestet“, so Weinbrecht. Bis Ende Februar soll feststehen, ob die geplante Methode angewendet wird und ob die Firma Gungl die Arbeiten durchführt. Letzteres würde wohl die Regulierung möglicher weiterer Schäden an Häusern erleichtern.

Vorgesehen ist, über das vorhandene Bohrloch in die Tiefe zu kommen. Eisenmann spricht von einem „minimalinvasiven Eingriff“ wie in der Chirurgie. Der bei der Bohrung eingeführte Sondenschlauch würde von innen aufgeschlitzt – voraussichtlich mit feinen Messerchen. Dann soll der Hohlraum um das Bohrloch mit Zementsuspension verpresst werden. Der Füllstoff besteht aus Feinstzement und Wasser – und Zusatzstoffen, um ihn einspritzen zu können.

Auf diese Art der Sanierung läuft es Stand heute hinaus. Sie soll im März beginnen und würde voraussichtlich vier bis sechs Wochen dauern. Messstellen und sogenannte Beobachtungspunkte sollen erhalten bleiben, um das Geschehen weiter zu beobachten. Laut Weinbrecht hat sich in den vergangenen Monaten der Boden um maximal einen Millimeter bewegt. Und das Grundwasser steige, möglicherweise witterungsbedingt, in „Richtung natürliches Niveau“ an. Sein Fazit: „Wir haben eine labile Stabilität.“ Zwei Hausbesitzer berichten aber, dass sich Risse an Wänden noch etwas ausgedehnt haben.

Seit einigen Tagen ist der Schadensregulierer der Allianz-Versicherung in Leonberg-Eltingen unterwegs. Ein Diplomingenieur, der früher in der Baubranche gewesen war, so der Ulmer Anwalt Günther. Wolfgang Schaal meint, dass der Versicherungsmann fair vorgehe. Schaal ist Stadtrat der Freien Wähler, selbst Betroffener und Vertreter der Leonberger Bohropfer in der Sanierungsarbeitsgruppe des Landratsamts. Er rät seinen Leidensgenossen, mit der Regulierung des Schadens zu warten, bis das Bohrloch saniert ist.