Auch wenn Marvin Hess (links) das Weinhaus Hess in Schwenningen ab sofort führt, bleibt einiges beim Alten – und auch die Eltern Denise und Jürgen Hess bleiben dem Geschäft und der Weinstube treu. Foto: Mareike Kratt

Umbrüche im Schwenninger Weinhaus: Jürgen Hess hat die Geschicke an Sohn Marvin übergeben. Was dieser jetzt mit dem beliebten Fachgeschäft vorhat.

Nahezu jeder Schwenninger weiß, dass der Name Hess eng mit dem Weinhandel verbunden ist. Bereits 1980 hatten Willi – gelernter Küfermeister – und Hermine Hess in der Uhlandstraße eine Weinhandlung eröffnet, mit der sie fünf Jahre später in die Karlstraße gezogen sind.

 

An diesem Standort machte Sohn Jürgen Hess zusammen mit seiner Frau Denise gleichzeitig eine Weinstube auf. Die Leidenschaft für Wein liegt der Familie quasi im Blut – schon der Großvater hatte eine Küferei im Markgräflerland, Jürgen Hess’ Mutter ist gebürtige Burgenländerin und somit in einer Weinregion aufgewachsen

Seit 1994 am Standort Bürkstraße

So war auch der Weg für Jürgen Hess, studierter Önologe, vorgezeichnet: 1992 übernahm er das Fachgeschäft der Eltern und eröffnete es zwei Jahre später am heutigen Standort in der Bürkstraße zusammen mit der Weinstube neu. Dort entwickelte er mit Weinproben, Themenwochen oder Verkostungen neue Geschäftskonzepte und vergrößerte das Geschäft kontinuierlich.

Heute bietet es Platz für mehr als 1000 Sorten Wein aus der ganzen Welt, Sekt, Spirituosen und Feinkostwaren direkt vom Erzeuger.

Mit 67 Jahren möchte Jürgen Hess nun etwas kürzer treten und freut sich, dass das Weinhaus nach wie vor in Familienhand bleibt. Doch dass er das Geschäft einmal an seinen Sohn Marvin – seit Anfang Mai neuer Geschäftsführer – übergeben wird, sei nie von vornherein geplant, geschweige denn mit Druck gesteuert worden, betonen Vater und Sohn.

Facettenreicher Lebenslauf

Nach seinem Abitur hat Marvin Praktika auf Weingütern in Frankreich und Neuseeland absolviert. Angetan von der Erkenntnis, dass dahinter ein richtiges Handwerk mit landwirtschaftlichem Erzeugnis steckt, hat er anschließend das Studium der Weinbetriebswirtschaft in Heilbronn mit Auslandssemester an der Universität für Bodenkultur in Wien absolviert.

Nach dem Abschluss war der inzwischen auch zertifizierte Sommelier in München unter anderem für den Weineinkauf im Bayerischen Hof verantwortlich. Für eine Saison zog es Marvin nach Portugal, wo er mit einem Sternekoch aus Lissabon eine Pop-up-Weinbar betrieb.

Viel über modernes Arbeiten und Digitalisierung lernen konnte er schließlich bei einem „Ausflug“ in ein Software-Start-up, ehe er „dem Ruf der Heimat und meiner ersten großen Liebe, dem Wein“, gefolgt ist.

Moderner Touch

Im Weinhaus, dem Traditionsunternehmen, möchte er künftig auch die Modernisierung vorantreiben. Dazu soll aber nicht das ganze Sortiment über den Haufen geschmissen werden. „Ich möchte auf den Grundpfeilern aufbauen“, betont Marvin Hess.

Schon das Credo von Vater Jürgen, der nach wie vor im Geschäft mithelfen wird, war, den Fokus auf kleinere Weingüter zu legen und lieber auf den eigenen Geschmack und die Vorlieben zu schauen, statt nur „große Namen da zu haben“. Familie Hess legt großen Wert auf die teils schon jahrzehntelangen Kontakte zu den Lieferanten.

„Der Fachhandel lebt von Beziehungen und persönlichen Geschichten“, sagt der Jungunternehmer auch mit Blick auf die Kundengespräche und seinen Anspruch, über jeden Wein etwas erzählen zu können.

Worauf es ankommt

Wenn Marvin Hess über seine „erste große Liebe“ spricht, dann funkelt es geradezu in seinen Augen. Immer wieder angetan ist er beim Wein von der „enormen Vielfalt, die unbeschreiblich ist – und man findet immer etwas Neues“. Bei der Auswahl fürs Sortiment sei wichtig, dass das Produkt den Charakter von Land, Leuten und Boden widerspiegele.

Trends, die auch der Weinhandel mit aufnehmen müsse, gebe es immer wieder: etwa die Tendenz weg von schweren Rotweinen hin zu spritzigen Weißweinen, die vermehrte Nachfrage nach Naturweinen oder auch nach sogenannten Bag-in-Boxen, die sich für die Mitnahme in Wohnmobilen anbieten.

Einen modernen Touch soll das Fachgeschäft zudem über noch mehr zusätzliche Events bekommen, wenngleich Verkostungen oder die Hausmesse – zweimal pro Jahr - Wein und Menschen schon immer erfolgreich zusammengebracht haben. Einen Namen konnte sich das Weinhaus im Laufe der Jahre auch in der Gastronomie im Schwarzwald-Baar-Kreis machen – so beliefert es mehrere renommierte Restaurants und Hotels. „Ich sehe darin auch weiterhin großes Potenzial“, betont Jürgen Hess.

Die Weinstube

Trotz mancher geplanter Neuerungen bleibt einiges beim Alten, etwa die Öffnungszeiten, oder auch die beliebte Weinstube, die nach wie vor von Denise Hess betrieben wird. Die Stube ist seit ihren Anfangsjahren in der Karlstraße beliebter Treffpunkt vieler Stammtische. Was sie ausmache? „Das Ganze lebt vom Persönlichen“, sagt Marvin Hess – wie eigentlich überall im Weinhaus Hess.