Martin Jäger, bisher deutscher Botschafter in Kiew, soll Chef des Bundesnachrichtendienstes werden. Auf den Mann aus Ulm wartet einer der schwierigsten Jobs der Politik.
Es gibt viele Fotos von Martin Jäger, die ihn mit eher grimmigem Blick zeigen. Dabei ist er eigentlich ein freundlicher Mensch, zugewandt und interessiert an den Fragen seiner Gesprächspartner. Auf einem jener Fotos trägt er eine uniformgrüne Splitterschutzweste: unterwegs in einer riskanten Mission. Es verrät viel von diesem Mann, der jetzt als Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Gespräch ist – was ganz gewiss auch eine riskante Mission wäre.
Jäger (60) ist erfahren in Krisen und Kriegen, war Botschafter in Kabul, Bagdad und zuletzt in Kiew – den Hotspots der heikelsten Konflikte des 21. Jahrhunderts. Er gilt als einer der gewieftesten Strategen des politischen Betriebs der Bundesrepublik. „The Brain“ nennen ihn manche. Das Wort steht für Verstand, Intelligenz, Grips, Köpfchen – allesamt Eigenschaften, die neben seiner gepanzerten Krisenfestigkeit in vielen seiner bisherigen Jobs gefragt waren. So auch als Chef von 6000 Agenten des deutschen Auslandsgeheimdienstes.
Der Karriereweg des gebürtigen Schwaben ist imposant, verlief aber nicht geradlinig. Als Pressemann von Frank-Walter Steinmeier, der damals noch nicht Bundespräsident, sondern Chef des Kanzleramts war, trat Jäger 2004 erstmals ins Rampenlicht, folgte diesem dann ins Auswärtige Amt. Von dort wechselte er in die Industrie, wurde Cheflobbyist des Autokonzerns mit dem Stern.
Die weitere Laufbahn erklärt sich auch aus dem Umstand, dass Jäger das Vertrauen Wolfgang Schäubles gewann, des 2023 verstorbenen Grandseigneurs der CDU. Er wurde dessen Sprecher im Finanzministerium und diente dessen Schwiegersohn Thomas Strobl (CDU) später in Baden-Württemberg als Strippenzieher. Unter Jägers Regie sollte Strobls Innenministerium zu einer Art Ministaatskanzlei werden – Startrampe für den Aufstieg ins Amt des Ministerpräsidenten, was bekanntlich nicht gelungen ist. Wie Jäger war auch der bisherige BND-Chef Bruno Kahl ein Schäuble-Vertrauter (dessen Sprecher und rechte Hand, als er noch Bundesinnenminister war). Das gilt auch für den Mann, der Jäger für einen der schwierigsten Jobs in Staatsdiensten auserkoren hat, wie der „Spiegel“ jetzt berichtet: Bundeskanzler Friedrich Merz. Schäuble war sein wichtigster Ratgeber beim Comeback auf der politischen Bühne.
Unter Kennern der nachrichtendienstlichen Szene gilt Jäger als „hervorragende Wahl“. Er sei ein „brillanter Kopf“ – allerdings zu sehr der Loyalität gegenüber Merz und seiner Partei verpflichtet, was seiner Unabhängigkeit auf dem neuen Posten im Wege stehen könnte, wenden manche ein. Unter Kahls Führung sah sich der BND mit mehr Krisen denn je konfrontiert. Der enttarnte Doppelagent Carsten L. und dessen mutmaßliche Dienste für Moskau zählen dazu. Weder bei Putins Angriff auf die Ukraine noch bei der Eroberung Kabuls durch die Taliban waren die BND-Erkenntnisse den Ereignissen voraus – was von einem guten Geheimdienst gelegentlich erwartet würde. Die BND-Agenten leiden zudem darunter, dass sie im Vergleich mit amerikanischen oder auch europäischen Kollegen „zu wenig dürfen“, wie Insider sagen.
„Es braucht eine Zeitenwende in allen staatlichen Bereichen, auch bei der der Judikative“, sagt Roderich Kiesewetter im Gespräch mit dieser Zeitung. Der CDU-Abgeordnete aus Aalen hat bisher dem Parlamentsgremium zur Kontrolle der Geheimdienste angehört. Das zielt auf Nachholbedarf bei der Gesetzgebung, was die Kompetenzen der BND-Arbeit angeht, sowie auf die restriktive Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in einschlägigen Angelegenheiten. Jäger wird auch in seinem neuen Amt gelegentlich auf eine Splitterschutzweste angewiesen sein.