Martin Braun (rechts) erlebte den ersten Aufstieg des SC Freiburg in die Bundesliga mit. Foto: Privat

Der SC Freiburg spielt eine sehr erfolgreiche Bundesligasaison. Angesichts des sportlichen Höhenflugs werden Erinnerungen wach an die "Breisgau-Brasilianer" der 90er-Jahre. Damals unter Trainer Volker Finke war Martin Braun - heute Cheftrainer des Regionalligisten TSG Balingen - in der ersten Bundesliga-Saison mit dabei. 

Vor 15.000 Zuschauern fand am 14. August 1993 das erste Bundesliga-Heimspiel des SC Freiburg statt. An der Seitenlinie coachte der legendäre Volker Finke. Seine 16 Jahre ohne Unterbrechung auf der Trainerbank sind heute noch Bundesligarekord. Einer seiner Spieler war Martin Braun

 

Plötzlich zaubert Rodolfo Esteban Cardoso

Taktische Raffinesse und hohe Spielkultur brachten dem SC Freiburg Anfang der 90er Jahre den Beinamen "Breisgau Brasilianer" ein. Hinzu kam, dass Übungsleiter Volker Finke die Spiele zeitweise aus einem Strandkorb verfolgte. Einer der großen Namen von damals war Rodolfo Esteban Cardoso, doch auch er war kein Brasilianer, sondern Argentinier. Der torgefährliche Mittelfeldspieler wurde schnell zum Publikumsliebling.

Martin Braun war einer der Leader

Von Anfang an mit dabei war Martin Braun, der heutige Cheftrainer des Regionalligisten TSG Balingen. Im Jahre 1993 stieg er mit dem Verein unter Trainer Volker Finke in die erste Fußball-Bundesliga auf. Nach insgesamt 166 Spielen und 24 Toren für den Sportclub zwischen 1990 und 1995 wechselte Braun zum 1. FC Köln. Mit Freiburg verbindet er ganz viele positive Erlebnisse und Erinnerungen sowie daraus entstandene dauerhafte Freundschaften. "Ich denke da an Uwe Spies oder Andreas Zeyer, aber auch an Torsten Bauer, der sich heute um die Traditionsmannschaft kümmert und die Spieler von damals wieder zusammenbringt", erzählt Braun. 

Von Achim Stocker entdeckt 

An Brauns 21. Geburtstag war Achim Stocker, der damalige Präsident des SC Freiburg, extra nach Donaueschingen gefahren, um ihn persönlich beim Verbandsliga-Spiel des FVD gegen den Bahlinger SC zu beobachten. Und was er sah, gefiel Stocker. Martin Braun erzielte einen Treffer und war im Mittelfeld überall zu finden. Stocker lotste Martin Braun nach Freiburg. Sein erster Trainer in der Zweiten Bundesliga war Eckhard Krautzun, der ihm die Chance gab zu spielen - und Braun packte zu. Im Folgejahr begann die Volker-Finke-Ära bei den Breisgauern. 

Von Eckhard Krautzun geformt

"Eckhard Krautzun war mein erster Trainer als Profi. Ein interessanter Typ, der in der Welt herumgekommen war, öfters auch mal Anekdoten erzählt hat, wenn er mal zu spät zur Besprechung kam - wie sorry, ich habe noch mit Franz Beckenbauer telefoniert", berichtet Braun. "Zu dieser Zeit hatten wir mit Charly Schulz noch einen verdienten Spieler, der nur zweimal in der Woche trainieren konnte, weil er berufstätig war. Für mich war es natürlich super, ich habe die ersten 30 Spiele in der zweiten Liga von Anfang an gemacht. Im zweiten Jahr unter Volker Finke war ich dann auch gleich zweiter Mannschaftskapitän", erzählt Braun.

Von Volker Finke geprägt

Unter Volker Finke wurde alles in der Bundesliga dann sehr professionell: "Wir haben unter wissenschaftlichen Kriterien trainiert. Er war sicher einer der Vorreiter in Deutschland, was das Thema Raumdeckung betraf. Damals war ja eine starke Mannorientierung gang und gäbe. Volker Finke war allgemein ein sehr innovativer Trainer, der auch mal mit uns Karten gespielt hat. Das war schon studentisch geprägt und wir sind auch ne Menge Fahrrad gefahren", erinnert sich  Braun. 

"Breisgau Brasilianer" - ein schönes Kompliment

"Das war ja ein Kompliment. Wenn man in den 90er Jahren in Deutschland als 'Brasilianer' bezeichnet wurde. Unser Spielstil unterschied sich von dem, wie er zu dieser Zeit üblich war, darin, dass wir ganz viel Kurzpass spielten. Lange Bälle aus der Defensive gab es so gut wie nie. Der Begriff 'Breisgau Brasilianer' war natürlich auch verbunden mit der Stadt Freiburg und dem schönen Wetter und den vielen Sonnenstunden im Breisgau."

Eine Vision wird Wirklichkeit

Volker Finke war schon ein sehr besonderer Trainer. "Die Intention von Volker Finke war es immer, den Verein so zu entwickeln, dass der SC auf Bundesliganiveau personenunabhängig erfolgreich sein konnte - und das hat er  geschafft", meint Braun. Und weiter: "Der sporliche Erfolg heute ist die konsequente Fortführung dessen, was Volker Finke damals aufgebaut hat.". Heute im Alter von 73 Jahren lebt Finke in Freiburg und hält gelegentlich Vorträge. Immer noch ist er ein sehr enger Beobachter der Mannschaft von Kulttrainer Christian Streich

Eine außergewöhnliche Spielzeit deutet sich an

Die aktuelle Bundesligasaison 2021/22 könnte für den SC Freiburg eine außergewöhnlich erfolgreiche Spielzeit werden. Deswegen ist auch bei der heutigen Generation von einer Renaissance der "Breisgau Brasilianer" die Rede. Ein Meilenstein war auch die offizielle Einweihung des neuen Stadions - der Europa-Park Arena

"Im neuen Stadion war ich noch nicht", sagt Martin Braun mit etwas Wehmut in der Stimme. "Am Tag der Einweihung haben wir mit der TSG Balingen Training gehabt und ich wollte das Training nicht absagen. In der der Regionalliga haben wir ja auch beim SC Freiburg II in der Vorsaison gespielt. Da gab es natürlich ein Wiedersehen mit guten alten Bekannten."

Ein Besuch der Europa-Park Arena steht ergo ganz oben auf der Liste von Martin Braun und, wie er abschließend erzählt, "am liebsten natürlich mit Zuschauern".