Einige Teilnehmer des „Marsch des Lebens“ tragen Flaggen verschiedener Nationen. Foto: Stöhr

Der „Marsch des Lebens“ erinnert an die jüdische Geschichte in Oberndorf. Die Beteiligten warnen dabei vor wachsendem Antisemitismus.

„Erinnern verpflichtet. Für jüdisches Leben und gegen Israelhass“ – unter diesem Motto stehen die weltweit organisierten Märsche des Lebens in diesem Jahr.

 

Einer davon fand zum sechsten Mal in Oberndorf statt. Eingeladen hatte das „Marsch des Lebens“-Team Schwarzwald, das bereits im Vorfeld der Veranstaltung die „Stolpersteine“ in der Bahnhofstraße und der Talstraße gereinigt und poliert hatte.

„Leben und Freiheit“

Damit sollte an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus erinnert und ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen gesetzt werden. Der Marsch stand im Zeichen des Erinnerns – insbesondere an die Geschichte zweier jüdischer Familien aus Oberndorf.

Startpunkt war beim Alten Rathaus in der Hauptstraße 10. Etwa 40 Personen, einige davon mit Fahnen und Schildern, hatten sich dort versammelt. Zu sehen waren neben der israelischen Flagge auch Fahnen einiger europäischen Länder. Auf den Schildern war „Frieden für Israel und seine Nachbarn“, „Leben und Freiheit für Iran und Israel“ oder der Solidaritätsslogan „Am Israel Chai“ zu lesen.

Ingrid und Jürgen Nähr weisen auf die Geschichte des ehemaligen Schuhgeschäfts einer jüdischen Familie in der Hauptstraße hin. Foto: Stöhr

Mit ruhigen Pianoklängen und gefühlvollem Live-Gesang begann die Zusammenkunft. Der Treffpunkt war nicht zufällig gewählt. Jürgen und Ingrid Nähr vom Organisationsteam schilderten die Geschichte, die sich hinter dem einstigen Haus bei der jetzigen Apotheke am Alten Rathaus abgespielt hatte.

Tod im Konzentrationslager

Hier sei früher das Schuhgeschäft der Familie Eppstein gewesen, bevor das Haus abgerissen wurde. Gewohnt hatte die Familie gegenüber dem Oberndorfer Bahnhof, wo jetzt eine Gedenktafel und die Stolpersteine an die tragische Geschichte der Eppsteins erinnern.

Bei der Abschlussveranstaltung am Bahnhof wurde mit einem Anspiel an das Leben dieser Familie erinnert, die 1942 im Konzentrationslager umkam. Als Schuhhändler war Josef Eppstein angesehen bei den Kunden. Doch seit 1933 war er dem zunehmenden Hass auf Juden und der Ausgrenzung durch die Nazi-Diktatur ausgesetzt.

Opfer und Täter

Im Jahr 1938 eskalierte die Gewalt. Der Laden und die Wohnung wurden verwüstet. Die Familie flüchtete in den Wald und versteckte sich dort wochenlang, hieß es weiter. „Unsere Vergangenheit zeigt uns, wie schnell Menschlichkeit verloren gehen kann“, warnte Jürgen Nähr. „Erinnern verpflichtet“, sei daher nicht nur ein Gedanke, sondern eine Verantwortung, das Geschehene nicht zu vergessen.

Neben der Perspektive der Opfer befasste sich eine Teilnehmerin auch mit der Rolle der Täter. Sichtlich bewegt schilderte sie die erschreckenden Erkenntnisse ihrer Nachforschungen zur eigenen Familiengeschichte. Dabei bat sie auch um Vergebung für das Leid, das ihr Großvater in der NS-Zeit verursacht hatte.