Seit Wochen ist in der guten Altstadtstube Hechingens geschafft worden. Den Marktplatz von bisher, der mehr ein Parkplatz mit Durchgangsstraße war, erkennt man nicht wieder. Und man will ihn auch nicht mehr haben. Was die Geschäfte sagen, wird sich im Herbst zeigen. Foto: Ernst Klett

Mit einem Familienfest gibt Hechingen den Startschuss für ihren Marktplatz-Sommer. Es ist jedoch nur ein Testlauf. Im Herbst muss entschieden werden, wie es weitergeht.

Fußgängerzone. Jahrzehntelang war dieses Wort ein Unding für die Hechinger Kommunalpolitik. Wie in anderen Kleinstädten darben Einzelhandel und Gastronomie, und beiden wollte man es nicht noch schwerer machen, indem man die Autos draußenlässt. Hervorragende Beispiele in der Nachbarschaft, dass das Wagnis gelingen kann und es danach viel, viel besser wird, waren zwar immer wieder ein Anlass dafür, den Marktplatz ohne Parkplätze und ohne Durchgangsverkehr zum Thema zu machen, aber gelingen wollte es über die vielen Jahre hinweg partout nicht.

 

Alles anders gemacht hat ein ernsthafter Versuch mit Arbeitsgruppe, Expertenrat, einem engagiert Bau- und Ordnungsamt und einem Bürgermeister, der es endlich wagen wollte – zumindest einen Sommer lang. Das Wort Fußgängerzone wird zwar auch jetzt gemieden, aber Hechingen bietet ab dem 2. Mai einen Marktplatz-Sommer unter der Überschrift „Mittendrin“, der das Zeug dazu haben sollte, aus dem Testlauf vielleicht doch etwas Dauerhaftes und den Markt- auch zukünftig zum Bürgerplatz zu machen.

Viel Grün und Buntes

Denn Hechingen macht keine halben Sachen: Seit Wochen ist der Platz gesperrt, um ihn komplett neu zu gestalten mit einer „Möblierung“, die eine sehr hohe Aufenthaltsqualität verspricht: Sitzgelegenheiten und Liegeflächen, Spiele, Schaukelweg-Station, Platz für Außengastronomie, viel Grün und Buntes und als besonderer Gag ein Lampionhimmel über allem, wie man es sonst nur vom Mittelmeer her kennt. Inbegriffen ist ein regelmäßiges Veranstaltungsprogramm.

Es sollte also, wenn auch in Hechingen alles mit rechten Dingen zugeht, ein Sommer werden, der unendlich mehr Menschen auf den Marktplatz lockt. Die sollen sich freilich nicht allein vergnügen, sondern ebenso den Einzelhandel und die Gastronomie beglücken. Und das zu Fuß, nicht mit dem Auto.

Etwa 150.000 Euro investiert

Investiert hat die Stadt laut Haushaltsplan annähernd 150.000 Euro für das Testprojekt. Angesichts der schier überquellenden Möblierung mutet die Summe fast an wie ein Schnäppchen. Kein Wunder auch, denn die Zollernstadt profitiert von Leihgaben, die das Land Baden-Württemberg extra bereitstellt.

An dieser Stelle bekommt man es aber schwarz auf weiß: Alles ist vergänglich, und der Marktplatz-Sommer im September schon wieder vorbei. Spätestens dann müssen Stadt und Gemeinderat im Zusammenspiel mit den Betroffenen, also Einzelhandel, Gastronomie und Anwohnern, zur Sache schreiten: Geht es weiter, oder lassen wir es bei diesem einen Mal bewenden?

Zukunft von Geschäftswelt abhängig

Viel wird beim Votum davon abhängen, was die Geschäftswelt sagt: Endlich ist alles besser, wir haben mehr Kundschaft und mehr Gäste, oder aber ein Bloßnichtnochmal? Eine weitere Entscheidungsgrundlage ist im städtischen Haushalt zu finden. Der ist derzeit nicht übermäßig mit Überschüssen gesegnet; ganz im Gegenteil. Allerdings winkt das Land mit erklecklicher Unterstützung aus einem Wortungetüm, dem Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz, das sich dankenswerterweise mit LGVFG abkürzen lässt.

Von dort winken der Kleinstadt unterm Zollern im kommenden Jahr insgesamt 324.000 Euro Zuschuss für einen autofreien Marktplatz. Ein schönes Stück weit hat Hechingen die Summe schon in Aussicht. Denn die Stadt ist mit ihrem Vorhaben „Aufwertung Aufenthaltsqualität Marktplatz“ vom Regierungspräsidium Tübingen ins LFVFG-Programm 2026 aufgenommen worden. Das bedeutet allerdings noch keine feste Zusage. Irgendwie aber doch so gut wie. Denn immerhin haben die beiden Hechinger-Münsinger Landtagsabgeordneten Manuel Hailfinger (CDU) und Cindy Holmberg (Grüne) den potenziellen Zuschuss zum einen schon bejubelt und zum anderen bereits als fest gebucht vermeldet. Im kommenden Jahr soll das Programm neben Brückensanierungen vor allem verkehrsberuhigte Ortsmitten voranbringen. Das würde dann ab 2027 greifen. Hechingen hat mit dem Programm gute Erfahrungen gemacht: Stuttgart bezuschusst aus diesem Topf bereits den Umbau der Zollernstraße.

Umgestaltung kostet geschätz 800.000 Euro

Bürgermeister Philipp Hahn bremst auf Anfrage unserer Zeitung die aufkommende Euphorie. Die Aufnahme ins Landesprogramm sei erst die halbe Miete. Die dauerhafte Umgestaltung des Marktplatzes wird im Rathaus derzeit mit Ausgaben von grob geschätzt 800.000 Euro gehandelt. Dabei geht es insbesondere um barrierefreie Straßenbeläge. Aber nur kein Über-Dämpfer: Philipp Hahn bezeichnet es als sehr erfreulich, „dass wir grundsätzlich im Programm sind“. Das sei schließlich kein Selbstläufer. Geld könne Hechingen aber erst dann abrufen, wenn es den Beschluss für einen dauerhaft neugestalteten Marktplatz ohne Autos gibt.

Die Rechnung ist so kompliziert nicht: Wenn ab Samstagabend auffallend viel mehr Menschen als bislang auf den Marktplatz kommen, die Geschäfte glücklich und die Anwohner nicht verzweifelt sind, dann könnte Stadt und Gemeinderat ein positiver Beschluss zum Marktplatz der Zukunft leichter fallen. Und vielleicht gibt es sogar noch mehr Geld vom Land. Denn dort wird die dauerhafte Umgestaltung derzeit noch mit Kosten von 660.000 Euro gerechnet. Wenn es teurer wird, wird unter Umständen auch der Zuschuss höher.

Ab sofort sind die Absperrungen weg!

Geschafft wurde in den letzten Tagen ganz enorm in der Altstadt. Und das bedeutet, dass man den für diesen Sommer umgestalteten Hechinger Marktplatz nicht erst ab dem ersten Maiwochenende besuchen kann, sondern jetzt. Die Stadt hat am Dienstagnachmittag gemeldet, dass der Marktplatz „ab sofort“ geöffnet ist. Fast fühlt man sich dabei etwas an die Öffnung der innerdeutschen Mauer im Jahr 1989 erinnert? Ja, kruschtelkruschtel, das gilt, äh, ab sofort!