Fred Wehrle, Ehrenvorsitzender des Markgräfler Trachtenvereins, setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der Markgräfler Tracht, des alemannischen Brauchtums und der Mundart ein. Foto: Feuchter

Er hat den Markgräfler Trachtenverein Kandern, der am Wochenende seinen 40. Geburtstag feiert, geprägt wie kein Zweiter: Ehrenvorsitzender Fred Wehrle. Ein Interview.

Fred Wehrle, der sich auch als Heimatforscher mit angesehenen Beiträgen zur Tracht und einem Buch zur Familiengeschichte einen Namen gemacht hat, ist es seit Jahrzehnten ein wichtiges Anliegen, Brauchtum und das Kulturgut Markgräfler Tracht zu pflegen und zu erhalten. Unsere Zeitung sprach mit dem Ehrenvorsitzenden.

 

Sie haben zusammen mit Thomas Hofer vor 40 Jahren den Markgräfler Trachtenverein Kandern gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Weil die Markgräfler Tracht, die ältere Form bekannt auch als Vreneli-Tracht, fast aus dem öffentlichen Leben verschwunden wäre. Meine Großmutter war noch einer der letzten, die die Tracht zu Kirchgängen und festlichen Anlässen wie meiner Konfirmation getragen hat. Übrigens: Der Bollenhut wurde nur noch in drei Schwarzwalddörfern getragen, die Markgräfler Tracht dagegen in 75 Gemeinden. Sie war viel verbreiteter.

Wie war die Resonanz nach der Gründung? Wie hat sich der Verein entwickelt?

Sehr gut. Zur Gründungsversammlung in den Kanderner „Ochsen“ an einem kalten und schneereichen Wintertag kamen 30 Leute. Das Interesse nahm stetig zu. Noch heute hat der Verein 30 Aktive – vom kleinen Kind bis zu einer 99-jährigen Frau, die noch Tracht trägt. Dazu kommen 120 Passivmitglieder. Wir tragen die alte Tracht, wie es um 1900, aber auch zu Zeiten von Johann Peter Hebel üblich war. Die kommt überall gut an, wie wir bei unseren Auftritten und bei unseren Teilnahmen an Umzügen mit Freude feststellen können. In den 1990er-Jahren konnte ich per Zufall eine Vreneli-Tracht, die auf dem Weg zur Müllhalde war, retten. Die farbige und bestickte Tracht haben wir dann mit viel Aufwand und finanzieller Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg restaurieren lassen.

Sind heutzutage die Markgräfler Tracht wie auch die alemannische Mundart vom Aussterben bedroht, da sie im modernen Alltag immer weniger gepflegt werden?

Nein, das ist nicht der Fall. Es freut mich, dass immer wieder junge Leute zu unserem Verein stoßen. Wir vom Trachtenverein tun alles, um dieses Kulturgut und auch das alemannische Brauchtum wie zum Beispiel das Schmücken der Brunnen an Himmelfahrt zu pflegen und im Bewusstsein zu halten. Das gilt auch für den Erhalt unserer Mundart.

Ihn fasziniert „die noble Erscheinung“ der Markgräfler Tracht

Was ist das Besondere an der Markgräfler Tracht? Was fasziniert Sie daran?

Das ist vor allem die noble Erscheinung mit Flügelschleifen und Hörnerchappe, wodurch das Gesicht der Trägerin quasi eingerahmt wird.

Ihr Verein setzt sich gegen das Vergessen dieser Kultur ein und will das alemannische Kulturgut lebendig halten. Was waren für Sie als Ehrenvorsitzender die Höhepunkte in den 40 Jahren?

Es gab in den 40 Jahren viele Höhepunkte. Ein besonderer war jedoch anlässlich unseres 20-jährigen Bestehens das Kreistrachtenfest in Riedlingen, das wir mit einem großen Umzug ausgerichtet haben. Wir selbst beteiligen uns nach wie vor an zahlreichen Trachtenumzügen in Baden-Württemberg sowie auch in der Schweiz und im Elsass. Was mir und dem gesamten Vorstand immer wichtig war und ist, das ist ein harmonisches Miteinander im Verein und ein guter Zusammenhalt. Das prägt unseren Trachtenverein. Deshalb habe ich auch die Arbeit als Vorsitzender immer gerne gemacht. Wir sind eine lustige Gruppe.

Welche Bedeutung hat die Markgräfler Tracht heute noch?

Sie ist Ausdruck der Geschichte und der regionalen Identität. Die Bedeutung lässt sich auch daran erkennen, dass junge Leute Spaß daran haben, die Tracht zu tragen und einen alten Brauch zu erhalten. Das ist eine Kulturpflege. In den 40 Jahren unseres Vereinsbestehens hatten wir 1600 Auftritte und an 130 Umzügen teilgenommen. Darüber hinaus haben wir 28-mal das Kaffeekränzchen im Luthersaal veranstaltet. Unsere Heimatdichterin Christa Heimann hatte zudem einen „Lichtgang“ im Bürgersaal initiiert, den wir von 1999 bis 2019 veranstaltet haben, um ein paar Beispiele zu nennen. Auch arbeiten wir mit den regionalen Museen zusammen. Zu den Ausstellungen habe ich auch eine Begleitbroschüre mit Erläuterungen und Fotos erstellt.

Es gibt auch hin und wieder Neuzugänge

Sie haben also keine Probleme, junge Leute für die Markgräfler Tracht zu begeistern?

Eigentlich nicht. Natürlich strömen die jungen Leute nicht in Massen herbei, aber es gibt doch hin und wieder Neuzugänge. Deshalb konnten wir die Zahl von 30 Aktiven über all die Jahre konstant halten. Meine Frau, die auch Gründungsmitglied des Vereins ist, hat 14 Jahre eine Kinder- und Tanzgruppe geleitet, außerdem hatte sie nach der Vereinsgründung mit viel Aufwand zwölf Trachten genäht. Unsere Mitglieder kommen nicht nur aus Kandern und Umgebung, sondern aus dem gesamten Markgräflerland.

Wie hat sich die Markgräfler Tracht im Laufe der vier Jahrzehnte verändert?

Gar nicht. Wir haben die Markgräfler Tracht, wie sie um 1900 getragen wurde. Darauf legen wir auch Wert.

Wie viele Trachten haben Sie in Ihrem Schrank hängen?

Ich hatte eine große Sammlung. Inzwischen haben Thomas Hofer, unser stellvertretender Vorsitzender, und ich ein privates Archiv aufgebaut, das sich in Haltingen in zwei Räumen befindet. Dort sind die meisten meiner Trachten mit Hörnerchappe, Schultertuch, Schürzen und Gehrock. Hinter dem Archiv steckt viel Arbeit.

Bei Kirchgängen und festlichen Anlässen wird die Tracht getragen

Wann und bei welchen Anlässen sieht man Sie in Markgräfler Tracht?

Da ich ja auch Hebelvogt bei den Hebelfreunden Hertingen geworden bin, trage ich sie sehr oft – bei Kirchgängen und festlichen Anlässen. Es kommt vor, dass ich die Tracht drei- bis viermal in der Woche zu bestimmten Anlässen anziehe.

Tradition bewahren – Gemeinschaft leben“ lautet das Leitwort des Vereins. Wird er dem in der heutigen Zeit gerecht?

In jedem Fall, das leben wir. Daran hat sich nichts geändert im Laufe der 40 Jahre. Gemeinschaft, Kollegialität und Harmonie sind uns sehr wichtig.

Fred Wehrle

Der 70-Jährige,
der mit Frau Saskia und Familie im Käsacker, einem Ortsteil von Malsburg-Marzell, wohnt und dort auch geboren ist, engagiert sich seit 50 Jahren für den Erhalt der Markgräfler Tracht. Für sein verdienstvolles Wirken ist er auch zum Hebelvogt ernannt worden. Fred Wehrle ist Vater von vier Kindern und war 38 Jahre Vorsitzender des Markgräfler Trachtenvereins Kandern. Außerdem ist er Heimatforscher. Unter anderem hat er in der Zeitschrift „Das Markgräflerland – Beiträge zu seiner Geschichte und Kultur“ 25 Beiträge, zum Beispiel zu Johann Peter Hebel und die Markgräfler Tracht, veröffentlicht, ebenso ein Buch zur Familiengeschichte und eine umfassende Häuserchronik von Malsburg-Marzell.