Alt-Bundespräsident Joachim Gauck kam persönlich nach Neuenburg, um die Ehrung der für „öffentlich wirksamen kreativen Eigensinn“ entgegenzunehmen.
Das Publikum im voll besetzten Saal des Stadthauses kam am Mittwochabend in den Genuss, einem Interview zu folgen, in dem Joachim Gauck seine Einschätzungen und Erfahrungen aus der obersten Etage der Bundespolitik, aber auch aus einem langen, ereignisreichen Leben darlegte. Im Publikum saß mit Andreas Voßkuhle, dem langjährigen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, auch der Gutedelpreisträger des Jahres 2024.
Moderator Christoph Wirtz führte das Gespräch in gewohnt brillanter Manier vom amüsant-leichtfüßigen Einstieg in die ganz tiefen Gewässer der aktuellen bundesdeutschen Befindlichkeit und die düstere Lage der Weltpolitik. Der Pianist Helmut Lörscher gab mit stimmigen Improvisationen zwischendurch Zeit, das Gehörte sacken zu lassen und entlang der musikalischen Zitate von Bach über die beiden deutschen Nationalhymnen aus Ost und West bis zur „Ode an die Freude“ sich eigene Gedanken zu machen. Er vergaß auch nicht Peter Maffays „Über sieben Brücken…“, das sich Gauck zu seiner Verabschiedung als Bundespräsident im Rahmen des Großen Zapfenstreichs am 17. März 2017 gewünscht hatte.
56 Jahre Diktatur von 1933 bis 1989 hätten die Menschen im Osten Deutschlands geprägt, den ganzen Habitus der Gesellschaft verändert, sagte Gauck. Eigensinn sei schädlich gewesen, die „transgenerationelle Weitergabe von Prägungen“ betreffe jetzt auch die Generation, die nach dem Mauerfall aufgewachsen ist. Das Gefühl der „Ossis“ sei nach dem Mauerfall etwa so gewesen, als spiele man in der Kreisklasse, während nebenan der FC Bayern zugange sei. „Wahrlich, ich sage euch, hätten wir im Westen 56 Jahre Diktatur erlebt, wäre das ,Ossitum’ auch hier im Saal zu spüren“, sagte Gauck im Ton des Pastors.
Kompass in der Ratlosigkeit
Später ging es um das Völkerrecht als wichtigste Errungenschaft der Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg, um das Recht, als wichtigsten Pfeiler einer funktionierenden Demokratie, um den „kriegsverbrecherischen Moskowiter“, mit dem einige hierzulande meinten, immer noch verhandeln zu können.
Gauck bot dem Publikum einen Kompass in der Ratlosigkeit um die jüngsten Entwicklungen der Weltpolitik mit dem Hinweis, man solle sich vergegenwärtigen, wie gut wir heute lebten nach einer langen Zeit des Friedens und des Wohlstands. „Wo ist das Glück, die Freude, die Dankbarkeit?“, fragte er. „Ich bin stolz auf dieses Land, wie es ist.“ Dazu brauche es aber auch eine Verteidigung, in einem „dramatisch neuen Spiel, das wir spielen“. „Es kann uns gelingen, unsere liberalen Freiheiten zu verteidigen, wenn das Land zu einer wehrhaften Demokratie wird“, ist sich Gauck sicher. Veränderungen blieben nicht aus, es gehe aber auch einmal darum, „frech ans Gelingen zu glauben“. Das ist auch eine Quintessenz aus seinem 2023 erschienenen Buch „Erschütterungen“.
Ein Glas Wein markiere bei einem Staatsbankett nicht nur den festlichen Moment, sondern symbolisiere auch Respekt, Dialogbereitschaft und Verbundenheit, stellte der Müllheimer Winzer und Preisstifter Hermann Dörflinger bei der Zeremonie der Übergabe fest. Der Wein, ein in der Bibel vielzitiertes Motiv, vereine auf besondere Weise zwei prägende Bereiche von Gaucks Leben: die geistliche Deutung und die politische Verantwortung.
Gauck macht Mut
Bei seinem Schlusswort appellierte Gauck an die ältere Generation: „Nach 70 kann noch ziemlich viel kommen“, machte der 86-Jährige Mut, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen und die Mühe der Eigenverantwortlichkeit nicht zu scheuen.