Marco Goecke ist einer der international angesagtesten Choreografen, Dackel Gustav ist immer an seiner Seite. Nun hat sich der Künstler mit der Attacke auf eine Journalistin ins Abseits manövriert. Foto: Roman Novitzky

Marco Goecke ist ein Choreograf, dessen Kunst polarisiert. Jetzt hat der Ballettdirektor von Hannover eine Kritikerin attackiert – und wurde mit sofortiger Wirkung suspendiert.

Dunkle Materie, im Original „Dark Matter“, heißt eine 2016 erschienene Monografie, die auf das damals rund 60 Choreografien umfassende Werk von Marco Goecke zurückblickt. Der Titel spielt auf die Schwärze an, die Goeckes Ballette, geheimnisvoll wie Mondgestein glimmend, umfängt. Im Vorwort zitierte die Autorin Nadja Kadel, die Goecke als Managerin und Dramaturgin bis heute begleitet, den Choreografie Alt-Meister Hans van Manen, der Goecke „zu den zehn wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart zählt“.

 

Dunkle Materie der ganz anderen Art spielte am Samstagabend die Hauptrolle bei einem Vorfall, der Marco Goecke, seit 2019 Ballettdirektor in Hannover, nun auch Menschen bekannt gemacht hat, die sich nicht für zeitgenössische Tanzkunst interessieren – und der seine Fans befürchten lässt, dass ihr Star fortan einen schweren Stand haben wird als der Künstler, der eine Kritikerin bei einer Premiere mit Hundekot attackierte.

Goeckes Chefin, die Hannover Intendantin Laura Bermann, entschuldigte sich persönlich und auch öffentlich bei der Journalistin. Am Montag folgte die Suspendierung Goeckes und ein vorläufiges Hausverbot, um das Theater vor „weiterem Schaden zu schützen“.

Polizeiliche Ermittlungen laufen

Was war passiert, dass ein Künstler Ruhm und Job für einen Shitstorm im konkreten Wortsinn riskiert? In der ersten Pause des Premierenabends „Glaube, Liebe, Hoffnung“ war Goecke, als er mit Dackel Gustav vom Gassigang zurückkam, im Foyer des Opernhauses in Hannover auf Wiebke Hüster, die Tanzkritikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), getroffen. Der Choreograf, an der Premiere mit dem älteren Stück „Hello Earth“ selbst beteiligt, sprach die Journalistin an; Grund war ihre schlechte Besprechung, die sie am selben Vormittag online über seine jüngste Premiere für das Nederlands Dans Theater veröffentlicht hatte. Unter der Überschrift „Für die Fische“ hatte Hüster Goeckes abendfüllendes Stück „In the Dutch Mountains“ als „eine Blamage und eine Frechheit“ bewertet, die das Publikum vor Langeweile umbringe.

Die Auseinandersetzung eskalierte, als Goecke die Journalistin mit einer Kottüte anging und sie im Gesicht beschmutzte. Den Vorfall bestätigte der Choreograf bei einem Telefonat, zitiert werden möchte er beim aktuellen Stand der Dinge nicht. Laut FAZ laufen polizeiliche Ermittlungen, und es wurde Strafanzeige erstattet.

Eine besonders demütigende Geste

Muss, wer austeilt, auch einstecken können? Mit dieser Frage sind Journalistinnen und Journalisten, die in der Kulturberichterstattung tätig sind, häufig konfrontiert. Aufgeschlitzte Autoreifen, eine Ohrfeige im Opernhaus, eine steckbriefähnlich ausgehängte Schimpftirade im Theaterfoyer: dass Künstler sich gegen zu kritische Betrachtungen ihrer Arbeit auf manchmal impulsive Art zur Wehr setzen, ist nicht neu. Neu und besonders demütigend ist das Mittel, zu dem Marco Goecke gegriffen hat. Für die FAZ ist es quasi die Umsetzung eines Zitats der Hamburger Intendantin Karin Beier, die im Herbst 2021 Theaterkritiker als „Scheiße am Ärmel der Kunst“ bezeichnete.

Wenn Kritiker Grenzen überschreiten

Der Hundekot-Vorfall ist nicht zu entschuldigen. Doch ist Marco Goeckes Angriff auch eine Attacke auf die freie, kritische Kunstbetrachtung, wie die FAZ nun urteilt? Eher ein Akt im Affekt und eine persönliche Abrechnung, aber das werden demnächst Anwälte klären. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Doch umgekehrt bedeutet sie nicht, dass Kritikerinnen und Kritiker sich alle Freiheiten beim Schreiben nehmen dürfen. Persönlichkeitsrechte müssen gewahrt bleiben, Beleidigungen und Demütigungen vermieden, will man Kulturschaffenden am nächsten Tag noch ins Gesicht sehen.

Für Marco Goecke hatte Wiebke Hüster, die ihn seit seiner Zeit als Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts mit vornehmlich negativer Kritik begleitete, offensichtlich eine Grenze überschritten; ihr harsches Urteil über sein jüngstes Stück war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wobei Tropfen die falsche Maßeinheit ist: Wiebke Hüsters Texte sind zwar brillant formuliert; Kritik teilt sie darin aber nicht immer fein dosiert, sondern manchmal am Rande zur Rufschädigung aus.

Gelassenheit ist das Gebot

Voreingenommen zu sein gegenüber Personen und Institutionen ist eine Kritik, die im Zusammenhang mit der Kritikerin der FAZ häufig geäußert wird. Auch Christian Spuck, ehemaliger Choreografenkollege Goeckes in Stuttgart, ist betroffen. Noch vor der Vorstellung seiner Pläne als designierter Ballettintendant in Berlin findet die FAZ-Journalistin, dass seine „Fähigkeit zur Repertoire-Bildung für das Staatsballett Berlin bezweifelt werden“ dürfe.

Solche Angriffe mit Gelassenheit zur Kenntnis zu nehmen, ist Gebot der Stunde – in Zeiten des Internets fällt Künstlern das sicherlich noch schwerer. So dominieren Wiebke Hüsters Tanzberichte für die FAZ vielfach das Meinungsbild im Netz auch deshalb, weil ihre Artikel nicht wie die anderer Kollegen hinter einer Paywall verschwinden, sondern frei zugänglich sind.

Marco Goecke ist als Ballettchef in Hannover suspendiert und muss auf die harte Art lernen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist; sie gilt für die Journalistin genauso, wie sie für ihn gilt – und sie sollte auch von allen beachtet werden, die nun in den sozialen Netzwerken Häme vergießen.

Von „Loch“ bis Tanzpreis-Ehren: die Karriere Marco Goeckes

Künstler
 Marco Goecke, seit 2019 Ballettdirektor in Hannover, war von 2005 bis 2018 Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts. In derselben Position ist er mit dem Nederlands Dans Theater und Gauthier Dance verbunden. 1972 in Wuppertal geboren, wurde er in Köln, München und Den Haag zum Tänzer ausgebildet.

Werk
 Im Jahr 2000 zeigte Goecke seine erste Choreografie „Loch“; bis heute sind knapp hundert Stücke für internationale Kompanien entstanden – darunter viele Abendfüller wie zuletzt „ A Wilde Story“ und „In the Dutch Mountains“.

Preise
 Unter den Goecke zugesprochenen Auszeichnungen ist unter anderen der Deutsche Tanzpreis 2022.