Marco Goecke bei „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Foto: Steffen Schmid/Steffen Schmid

Marco Goecke sammelt Titel: „Choreograf des Jahres“ (2021), Deutscher Tanzpreis (2022). Was ihn wirklich interessiert, verriet er im „Über Kunst“-Gespräch unserer Zeitung.

Das wirklich Schöne und Glamouröse, sagt Marco Goecke, komme nur aus dem Mangel heraus. Zu einem Budget von 15 Millionen Euro würde der Direktor des Staatsballetts Hannover, vor wenigen Tagen erst ausgezeichnet mit dem Deutschen Tanzpreis, „sofort Nein sagen“. „Aber wenn Sie mir 100 Euro geben und mir sagen: Suchen Sie im Secondhandladen nach ein paar Hosen – da bin ich dabei.“

 

Blicke in die Werkstatt

Am Montagabend, als Gast der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung in der Stuttgarter Staatsgalerie, im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, spricht Marco Goecke über seine Arbeit als Choreograf und Zeichner, gibt Einblicke in seinen Arbeitsprozess und in sein Leben.

Er tut es konsequent entspannt und humorvoll, sitzt locker im schweren Sessel, trägt Mundschutz und Sonnenbrille. Neben ihm steht ein tragbarer Hundekorb, aus dem sein Dackel Gustav hervorschaut. Vier Tage zuvor feierte mit „A Wilde Story“ Marco Goeckes jüngste Choreografie Premiere am Staatstheater Hannover – ein Stück, welches das Leben des Schriftstellers Oscar Wilde bildhaft, tänzerisch auf die Bühne bringt.

Lesen als Inspiration

Welche Rolle spielt Literatur grundsätzlich im Schaffen Goeckes? „Ich würde meine Arbeit bis heute als poetisch inspiriert bezeichnen“, sagt er. „Ich komme ja auch noch aus einer Zeit, in der man gelesen hat, Bücher.“

Marco Goecke und Begleiter Gustav bei „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart Foto: Steffen Schmid

Über ein junges Publikum, auf das dies nicht mehr zutrifft, das mit einem großen medialen Konsumangebot konfrontiert wird, den Zugang auch zu Theater und Ballett deshalb vielleicht nicht mehr findet, wird Marco Goecke an diesem Abend mehrmals nachdenken. Dem Internet, den Möglichkeiten des Streaming, die in der Zeit der akuten Pandemie genutzt wurden, steht er dabei positiv gegenüber. „Aber wenn ich auf der Bühne zeige, wie zwei Männer sich küssen, dann ist das eben doch ein anderes Bild, ergibt das ein anderes Erleben, eine zusätzliche Zündung.“

„Es muss immer mit mir zu tun haben“

Vor allem zur Lyrik empfindet Marco Goecke eine große Affinität. Auch seinem Herangehen an Biografie und Werk des Iren Oscar Wilde liegt eine poetische Haltung zugrunde. „Es sind Momente, Fragmente, die mich interessieren. Und was ich an Inspiration von Oscar Wilde bekomme, das muss immer auch etwas mit mir zu tun haben“, sagt der Choreograf.

Reid Andersons Mut

Marco Goecke wurde in 1972 in Wuppertal geboren. Früh schon wurde Pina Bausch für ihn sehr wichtig. „Pina hat Sachen auf die Bühne gebracht, die ich in mir hatte. Welch ein Glück, in einer Stadt wie Wuppertal eine solche Figur zu haben! Sie hat mir eine Brücke gebaut.“ Über den Theaterbetrieb, die Rolle des Tanzes darin, spricht sich Goecke eher skeptisch aus. „Vielen Intendanten geht es nicht darum, etwas Neues zu wagen, sondern darum, dass der Laden läuft.“ Reid Anderson in Stuttgart, Laura Berman in Hannover – das waren Ausnahmen für Marco Goecke. Er erinnert sich gut daran, dass seine Choreografien auch in Stuttgart zunächst nicht nur mit Begeisterung aufgenommen wurden. „Aber Reid Anderson dachte sich: Das mache ich. Er wollte nach vorne.“

Szene aus Marco Goeckes „Wir sagen uns Dunkles“ für das Staatsballett Hannover Foto: Philipp Contag-Lada

Dem Tanz will Marco Goecke nach wie vor viel abverlangen: „Auch im Sinne von etwas, das stört.“ Wie wichtig ist für ein Stück die Arbeit mit Musik? Sucht er nach einer Musik für seine Choreografien, begnügt sich Marco Goecke damit, „die erste Minute einer Komposition zu hören“ – auf die Gefahr hin, dass später im Stück ein Klarinettensolo auftauchen könnte, an dem er sich stört. Darum jedoch geht es ihm: „Wenn ich mir das ganz anhören würde, dann hätte ich schon ein fertiges Bild. Und das wäre langweilig. Meine tägliche Arbeit besteht darin, etwas zu finden, das hakt.“

Die Sache mit den Gefühlen

Distanz zum eigenen Schaffen ist von großer Bedeutung für Marco Goecke. Er sagt: „Gefühle für meine eigenen Stücke habe ich nicht. Aber vielleicht ist ein Stück auch einfach nur das Endprodukt von etwas Gefühltem. Der Versuch, bewusst etwas Emotionales zu machen – das wäre schlimm.“

So sehr die eigene Biografie, das eigene Empfinden für ihn bedeutsam ist – im Mittelpunkt steht er nur ungern. „Ich bin noch immer der Junge aus Wuppertal“, sagt er. Und: „Kurz vor der Premiere eines neuen Stückes möchte ich eigentlich der Pförtner sein.“

Zu entdecken: Goecke als Zeichner

Marco Goecke ist längst auch als Zeichner aktiv; seine Arbeiten sind von dunkler Eindringlichkeit und waren in diesem Sommer bei der Ausstellung „Kontinent Goecke“ der Ruoff-Stiftung in Nürtingen zu sehen. In den Zeichnungen ist der Ausdruck direkter, das Verhältnis des Künstlers zum Werk enger: „Meine Choreografien finde ich ein halbes Jahr später oft grauenhaft; Zeichnungen, die ich selbst sofort wirklich gut finde, gefallen mir dann noch immer.“ Ihnen vielleicht misst Marco Goecke dauerhafte Bedeutung bei in einem künstlerischen Prozess, der sich an Widerständen abarbeitet, das Geschaffene immer wieder verwirft, die „schöne Armseligkeit“ sucht.

Marco Goecke – immer noch eng mit Stuttgart verbunden

Erste Schritt
Marco Goecke wird 1972 in Wuppertal geboren. Am Königlichen Konservatorium Den Haag erhält er 1995 sein Diplom; seine erste Choreografie entsteht 2000 für das Theater Hagen. Gefördert durch die Noverre-Gesellschaft, realisiert er in der Folge Stücke mit Tänzern des Stuttgarter Balletts. Früher Erfolg
2005 beruft Reid Anderson, Intendant des Stuttgarter Balletts, Goecke zum Hauschoreografen. 2006 entsteht mit „Der Nussknacker“ sein erstes Handlungsballett. Von 2006 bis 2012 ist Goecke Hauschoreograf auch am Scapino Ballets Rotterdam, seit 2013/2014 Hauschoreograf am Nederlands Dans Theater in Den Haag. Der Direktor
Seit der Spielzeit 2019/2020 ist Marco Goecke Direktor des Staatsballetts Hannover. Stuttgart ist er weiter verbunden, seit 2018 als Artist in Residence von Gauthier Dance. Das jüngste Stück Goeckes ist dort im Rahmen des Gauthier-Dance-Abends „Seven Sins“ zu sehen. In dieser Woche arbeitet Marco Goecke im Theaterhaus Stuttgart an einer Filmproduktion zu 15 Jahren Gauthier Dance. mora