Sportjournalist Marcel Reif war der Stargast des Abends. Foto: Morlok

Unter dem Motto: „Nachspielzeit – ein nicht nur sportlicher Abend“ durfte der Vorstandssprecher der Volksbank im Kreis Freudenstadt, Stefan Waidelich, den Stargast des Abends, den Journalisten Marcel Reif ankündigen.

Besser und genauer auf den Punkt hätte man diese Einladung nicht platzieren können, denn mit Marcel Reif konnte man einen Mann gewinnen, der sowohl zur Politik als auch zum Sport viel zu sagen hatte. Und über Politik gab es an diesem geschichtsträchtigen Tag einiges zu spekulieren. Aber auch der Sport, insbesondere der Fußball, kam nicht zu kurz.

 

Als Reif 1984 vom politischen Journalismus zum Sport wechselte, konnte niemand ahnen, in welchem Maße dieser Mann mit seinem ganz eigenen Stil, seiner Originalität und seinem Witz über Jahrzehnte die Berichterstattung in Deutschland über die Bundesliga und den internationalen Fußball prägen würde. In seiner Zeit beim ZDF, bei RTL und dann 17 Jahre bei Premiere/Sky hat Marcel Reif alles erlebt: die schwindelerregende Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs, das Aufkommen immer neuer Spielsysteme, die Explosion der Medienberichterstattung und der Bedeutung des Fußballs in unserer Zeit.

Darüber sprach er an diesem Abend zwar auch, doch der wichtigste Teil eines Interviews mit dem Profi-Moderator Martin Klapheck, das war ein sehr intimer und berührender Rückblick auf die Geschichte seines Vaters, Leon Reif, der der Schoa entging, weil der Industrielle Berthold Beitz den damals 18-Jährigen aus einem Güterwaggon Richtung Vernichtungslager rettete.

Die Geschichte seiner Familie

„Und ich bin meinem Vater heute noch dankbar dafür, dass er uns als Kinder mit den grausamen Details seiner Geschichte verschont hat. Ich wuchs als zufriedenes, gutgenährtes Nachkriegskind auf und hatte nie den Mut, meinen Vater nach seiner Geschichte zu fragen“, sagte er und betonte, dass er sich zwar oft die Frage gestellt hätte, ob dies ein Fehler war, doch die Antwort darauf erst viel später fand. „Ich war nicht blöd, ich wusste, dass die Hälfte meiner Familie von den Nazis ermordet wurde“, gab er zu.

Die echte Geschichte erfuhr er jedoch erst in einem langen Gespräch mit seiner Mutter viele Jahre später. „Sie hat in diesen Tagen und Nächten, in den wir geredet, gelacht und viel geweint haben, ihr Schweigegelübde gebrochen und mir die ganze Wahrheit erzählt“, sagte er zu einer Zuhörerschaft, die so gespannt seinen Worten lauschte, dass man im großen Rund der Hohenberghalle die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Was ihm sein Vater hinterließ, das war die Lebensweisheit „Sei ein Mensch“.

Rede im Deutschen Bundestag

Drei Worte voller Kraft und Ausdrucksstärke, die er auch als Leitstrahl über seiner Rede anlässlich des diesjährigen Holocaust-Gedenkens am 31. Januar im Deutschen Bundestag stellte. Mit ihm war an diesem Tag die Auschwitzüberlebende, die 91-jährige Eva Szepesi, eingeladen und Reif sagte, wenn er nicht so in seiner Frau verknallt wäre, wäre er mit dieser Zeitzeugin durchgebrannt, so gefesselt sei er von ihrem Lebensmut, ihrer Fröhlichkeit und ihrem Erscheinen gewesen. Die beiden Redner Szepesi und Reif gaben diesem Gedenktag seinen ursprünglichen Sinn zurück. Sich an die Opfer des Faschismus zu erinnern und Sorge zu tragen, dass sowas nie wieder vorkommt.

Kritik an der Politik

„Wenn die etablierten Parteien ihren Job richtig gemacht hätten, dann gäbe es keine Ausfransungen an den politischen Rändern“, betonte Reif, der nicht zum ersten Mal an diesem Abend für seine Aussagen Szenenapplaus bekam. Er wies darauf hin, wie einfach es die AfD heute hat, Wählerstimmen zu gewinnen. „Die sagen einfach, so kann es nicht weitergehen und haben damit auch noch Recht“, sagte der Mann, den man einst die „Stradivari unter den Arschgeigen“ nannte und der gleich zu Beginn seiner Rede feststellte, dass die USA eine neue Regierung bekommt und passend dazu nachfragte, ob Deutschland noch eine hat. Eine Stunde später war die Ampel-Koalition Vergangenheit.

Sportjournalist Marcel Reif stellte sich den Fragen von Martin Klaphek und denen des Publikums. Foto: Morlok

Er befürchtet einen Rechtsruck

Auf jeden Fall hofft er, dass sich in Deutschland etwas tut – was sagte er nicht – denn sonst würde Deutschland marginalisiert, also ins Abseits geschoben. „Wenn nicht bald etwas passiert, dann gibt’s einen Rechtsruck“, befürchtet er. Eine große Gefahr sieht er in der immer geringeren Streitkultur in unserem Land. „Wenn wir nicht mehr miteinander sprechen, nicht mehr unsere Meinungen austauschen können, dann geht die Demokratie den Bach runter“, so seine Einschätzung.

Wie er Donald Trump sieht

Nach seinen Eindrücken zum Wahlausgang in den USA befragt, sagte Reif, der unter anderem Amerikanistik studiert hat, dass Donald Trump zwar ein schräger Fürst und komischer Vogel sei, der mit fürchterlich einfachen Slogans wie die Angst vor der Einwanderung und dem wirtschaftlichen Untergang die Wähler für sich gewinnen konnte. Der erfahrene Journalist ist jedoch der Meinung, dass selbst ein Donald Trump nicht alles umsetzen könne, was er möchte. Für ihn stand aber von vorneherein fest, dass Trump die Wahl gewinnt. „Kamala Harris war eine gut gemeinte Gegenkandidatin, aber nicht mehr“, seine Einlassung hierzu.

Ach ja, und da war auch noch der Verein für Ballspiele aus Cannstatt, der an diesem Abend ein Heimspiel in der Champions League hatte. „Wenn mir das vor ein paar Jahren jemand erzählt hätte, hätte ich ihn gefragt, von was er nachts träumt“, sagte Reif, der sich als VfB-Fan outete. „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan“, mit diesem Satz, den Reif am 1. April 1998 während des Halbfinal-Hinspiels in der Champions League zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund prägte, als ein Tor umfiel, wurde er als Sportmoderator berühmt. Wie viel Erfahrung er in all den folgenden Jahren, allein bei sieben Olympischen Spielen und sieben Fußballweltmeisterschaften, sammeln konnte, davon bekamen die Zuhörer in der Hohenberghalle den Hauch einer Ahnung mit.

Natürlich konnte sich Reif auch an diesem Abend einen kleinen Seitenhieb in Richtung seines Lieblingsfeindes Uli Hoenes nicht verkneifen. „Uli ist ein toller Typ, aber anstrengend, wenn er dauernd rein quatscht. Und solange Uli sagt: Marcel, du bist ein Bayernhasser, habe ich alles richtig gemacht“.

Auch Fußball ist Thema

Alles richtig gemacht hat er auch diesem Abend. Seine Analyse zu Jürgen Klopp, zum europäischen Fußball, zur deutschen Nationalmannschaft und zur Führung bei Bayern München war ebenso brillant wie seine Moderation und die blitzgescheiten Antworten auf die Fragen von Martin Klapheck, die er mit der lässigen Schnoddrigkeit eines wahren Könners beantwortete. Und dabei folgte er immer zwei Prinzipien. Zum einen war da die Fachkompetenz, denn „du musst immer wissen, von was du da redest“ und zum anderen die Sprache, die man lernen und schärfen kann.

Vorstandsmitglied Jürgen Frey blieb nach diesem herausragenden Wortbeitrag nur noch, sich zu bedanken und festzustellen, dass hier nicht ein Tor, sondern das informative, fesselnde und zum Nachdenken anregende Interview der Jahreshauptversammlung gut getan habe.