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Marc-Uwe Kling mit „Qualityland“ im Theaterhaus Die Zukunft mit Werbeunterbrechung

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Marc-Uwe Kling ist ein hochkomischer Autor und Vortragskünstler. Als Marketingmann wäre er bei seinem Talent richtig gefährlich. Foto: Sven Hagolani

Stuttgart - Es ist wohl der größte Verlust der Stadtgeschichte, dass man diesen in Stuttgart geborenen Herrn nach Berlin hat ziehen lassen. Wen interessiert also schon, ob am Dienstagabend nebenan eine Fliegerbombe entschärft wird, wenn doch Marc-Uwe Kling im Theaterhaus zu Gast ist und aus seinem neuen Roman liest? Die Gefahr des In-die-Luft-Fliegens nimmt man da in Kauf.

„Qualityland“ heißt das neue, abermals gelungene Werk des Autors der Känguru-Chroniken, der jedoch nicht alleine im ausverkauften großen Saal saß und las. Flankiert wurde er rechterhand von seiner eigenen Gitarre, linkerhand vom Heavy-Metal-Bassisten Boris the Beast, der das Gelesene beispielsweise mit Werbe-Jingles untermalte. Denn Qualityland ist ein Land in der Zukunft und der Schiebermützenträger Kling verspricht: „Die Zukunft ist voller Werbung.“ Kinder werden hier nach dem Beruf ihrer Eltern benannt, weswegen das Buch mit dem herrlichen Revolution verheißenden Satz „Peter Arbeitsloser hat genug“ beginnt.

Hitler, Werther und Pegida

In dieser Utopie respektive Dystopie wissen Algorithmen so gut wie alles. Protagonist Peter überrascht seine Freundin Sandra mit Karten für „Hitler - das Musical“, weil die Computer ihm verraten, dass sie solche Veranstaltungen mag. Sandra hingegen erfährt von den allwissenden Codes, dass ein gesellschaftlich bessergestellter Partner auf sie wartet.

Mit hoher Pointendichte, aber auch mit der für ihn typischen Melancholie beschreibt Kling eine Welt, in der der Mensch sich um nichts mehr kümmern muss. Selbst die von Robotern getextete Literatur wird nach dem jeweiligen Gusto personalisiert: Wer Goethes Briefroman zu trist findet, bekommt eine heitere Version namens „Die Freuden des jungen Werther“.

Auch Marc-Uwe Klings Roman erscheint in zwei verschiedenen Ausgaben mit in Teilen unterschiedlichen Inhalten: „Der erste Schritt zur personalisierten Literatur“, so der 35-Jährige. Manche Exemplare haben ein helles, andere ein dunkles Cover. Die humoristischen Werbe- und Nachrichtenunterbrechungen darin divergieren. Geldmache? Nein, keine Sorge, mit dem Erwerb einer Version erhält man auch den Online-Zugang zur anderen. Mit den leicht differenten Büchern will Kling auf den problematischen Umgang mit Medien und Filterblasen hinweisen: Es sei ihm beispielsweise bei einer Lesung in Dresden unmöglich gewesen, mit einem Pegida-Anhänger zu diskutieren, weil beide aufgrund des Konsums widersprüchlicher Nachrichten keine konsensfähigen Prämissen gehabt hätten. Die Hälfte seiner Erlöse lässt Kling übrigens karitativen Einrichtungen zukommen, für die die Fans in der Pause mittels Wahlzettel stimmen können: „Seien wir ehrlich – es war ja bis vor Kurzem noch euer Geld.“

Als Werber wäre Kling gefährlich

Mit „Qualityland“ hat Kling ein bestechendes Gesamtwerk geschaffen, einen von der ersten Zeile bis zum mit Liedern angereicherten Live-Präsentationskonzept hin durchdachten Roman, der mit simpler Sprache und durchweg komischen Zukunftsdarstellungen gegenwärtige Absurditäten und Mechanismen aufzeigt. Es ist ein großes Glück, dass Kling sich für die Kleinkunstbühne und nicht etwa für einen hochbezahlten Marketing-Job in der (gewissens)freien Wirtschaft oder, Gott bewahre, gar in einer Werbeagentur entschieden hat – mit seiner Beobachtungsgabe hätte er vermutlich die hinterhältigsten manipulativen Vermarktungsstrategien aushecken können.

Und ach: Sollte jemand betrübt sein, weil in „Qualityland“ keine kommu­nistischen Kängurus zu existieren scheinen – der Geist oder vielmehr die digitalisierte Seele des Beuteltiers begegnet einem auch dort.

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