Manuel Hagel gibt sich gern heimatverbunden und volksnah. Foto: AFP

Der Mann, der für die CDU das Ministerpräsidentenamt zurückerobern will, wird in der „Rehaugen-Affäre“ dämonisiert. Spannender ist, ob seine politische Substanz ausreicht.

Der Fanfarenzug Tamm trötet durch die halb leere Halle in Kornwestheim, dass die Ohren glühen. Das Ambiente wirkt steril, viel Anzug und Krawatte, in der ersten Reihe sitzt CDU-Prominenz. Der Freitagnachmittag ist nicht ideal für eine mitreißende Wahlkundgebung, doch Manuel Hagel lässt sich nichts anmerken. Der CDU-Spitzenkandidat haut keine Sprüche raus, das würde jetzt nicht passen.

 

Gegnern fehlt es an politischer Substanz bei Manuel Hagel

Stattdessen listet er auf, wie er das Land vor dem Niedergang bewahren will, der in dieser Zeit so besorgt imaginiert wird; und das nicht grundlos. In der Anmutung scheint es ein wenig, als stünde Lothar Späth – in Sachen Ökonomie Hagels Vorbild – auf der Bühne. Wie bunte Ballons lässt Hagel seine Vorschläge steigen: „Sonderwirtschaftszonen“ will er einrichten und einen Transformationsfonds auflegen. Eine neue Universität möchte er gründen, nur für Künstliche Intelligenz – das klingt zumindest gut. Er will das Stiftungsrecht ändern, um Kapital für Start-ups zu mobilisieren. Das Ziel: Stiftungen soll es möglich werden, Anteile von Neugründungen zu erwerben, um deren Eigenkapital und damit deren Kreditwürdigkeit zu stärken.

Hagels Gegner halten dem CDU-Hoffnungsträger gerne vor, dass er mit Leidenschaft Überschriften produziere, denen die Substanz fehle. Auch das erinnert an Späth, dessen bunte Ballons einem Bonmot zufolge laut stiegen und leise platzten. An dem Vorwurf ist etwas dran. Das beste Beispiel war Hagels Initiative für „eine Art Ewigkeitsgarantie“ für die Schuldenbremse. Darüber lacht die Republik bis heute. Nun will er, um den Wiedergewinn finanzpolitischer Reputation bemüht, dem Südwesten einen eigenen Sachverständigenrat schenken. An der Spitze dieser Wirtschaftsweisen soll Lars Feld stehen, der Berater von Ex-Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) – ein strenger Verfechter der Schuldenbremse. Die Begeisterung über den Plan hält sich in Grenzen: ein weiteres Gremium, das für die Homepage des Stuttgarter Wirtschaftsministeriums Berichte verfasst, auf der sie selig dem Vergessen entgegenschlummern. Auch wirft Hagels Feuerwerk die Frage auf, wer die vergangenen zehn Jahre das Wirtschaftsressort führte: die CDU.

Manuel Hagel kommt beim Publikum nicht schlecht an

Dennoch kommt der frühere Sparkassenchef aus Ehingen mit seinen Anregungen beim Publikum nicht schlecht an. Die Menschen lechzen nach Konzepten gegen die Krise. Sie erwarten Kompetenz. Tatenloses Jammern macht depressiv. Der Kandidat will sich nicht damit abfinden, dass Landespolitik machtlos sei. Anders als die AfD setzt er auch nicht auf die Rezepte der Vergangenheit. Atomenergie sei keine Lösung, sagt er. Und beim Verbrennermotor fällt das Plädoyer für Technikoffenheit verhalten aus. Hagel wirft den Grünen zwar einen „Kulturkampf gegen das Auto“ vor. Damit erreicht er aber sein Maximum an Polemik. Das Lästern und Sticheln gegen Özdemir und die Grünen überlässt er der zweiten Reihe in der CDU.

„Bis zur Wahl sind es keine 200 Stunden mehr“, sagt Hagel am Freitag. Der Druck ist groß. In der CDU verbinden sich viele Karrierepläne mit dem fest eingeplanten Wahlsieg. Erschöpft wirkt Hagel nicht. Mit 37 Jahren steht er in Saft und Kraft. Doch die „Rehaugen“-Affäre ist binnen Tagen aus der digitalen Parallelwelt ins echte Leben durchgedrungen; das steckt niemand einfach weg. Der Videoclip hat sich verselbstständigt. Hagel ist zu einer Projektionsfläche für Sexismus-Anklagen geworden, die seinem sonstigen öffentlichen Auftreten nicht gerecht werden. Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagt: „Manuel Hagel ist einer der wohlerzogensten Politiker, die ich kenne.“ Vor acht Jahren hatte Hagel, damals Abgeordneter und Generalsekretär der Landes-CDU, in einer regionalen TV-Sendung nach einem Unterrichtsbesuch von den „rehbraunen Augen“ einer Schülerin geschwärmt.

In der CDU herrscht Empörung über die Grünen

Für die Landespolitik stellt sich die Frage nach den Folgen; viel deutet darauf hin, dass CDU und Grüne auch in Zukunft zusammen regieren. In der CDU gärt es. „Das Tischtuch mit den Grünen ist zerschnitten“, heißt es. Hagel sagt, er erfahre „eine extreme Solidarisierung“. Aus hochrangigen Parteikreisen verlautet: „Cem Özdemir hat jede persönliche Integrität verspielt.“ Die Christdemokraten erkennen nicht nur einen gezielten Hieb gegen den eigenen Kandidaten. Sie identifizieren bei den Grünen die Strategie, über einen Kulturkampf zum Thema Sexismus die Stimmen von Wählern der SPD und der Linken auf den eigenen Kandidaten Özdemir zu ziehen. Diese – von den Grünen bestrittene – Hypothese wird scheinbar gestützt durch die jüngsten Umfragen, in denen die Grünen zulegen, SPD und Linke zugleich verlieren. Gleichwohl kann dieser Rückgang auch schlicht Ausfluss einer Zuspitzung des Wahlkampfs auf die Frage sein, wer Ministerpräsident werden soll: Hagel oder Özdemir. Nicht alles in der Politik lässt sich auf ausgefeilte Planung zurückführen.

Hagel könnte in dieser Gemengelage „den Aiwanger machen“ – was bedeuten würde, „Verleumdung“ zu rufen und sich zum Volkstribun gegen „Gender-Wahnsinn“ aufzuschwingen. In der Südwest-CDU fände er dafür Unterstützung. In Bayern ging der Freie-Wähler-Populist Hubert Aiwanger 2023 in die Gegenoffensive, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, in seiner Jugend ein antisemitisches Hetzpamphlet verfasst zu haben. Bei der folgenden Landtagswahl triumphierte er. Einen solchen „Aiwanger-Move“ lehnt Hagel ab. Zuletzt schwor er die Wahlkreiskandidaten der CDU auf diesen Kurs ein. „Sonst machen wir mit bei diesem Kulturkampf, den die anderen führen.“ Das wolle er nicht. „Wir bleiben anständig und gewinnen fair.“

Manuel Hagel war nie ein Bewunderer von Friedrich Merz

Hagels Hauptgegner steht trotz alledem nicht links, sondern rechts. Der Christdemokrat hat erkannt, dass eine Hinwendung zur AfD zu einer Marginalisierung der CDU führen würde. Das zeigt das Beispiel anderer konservativer Parteien in Europa, die sich dem Rechtspopulismus öffneten. Diese Einsicht unterscheidet ihn von Jens Spahn, seinem engsten Kontakt in der Berliner Politik. Hagel war nie ein Bewunderer von Friedrich Merz – auch wenn er die von Merz noch als Oppositionsführer initiierte Abstimmung mit der AfD im Bundestag mittrug. Bei der Bundestagswahl schadete die Aktion der Union, das hat sich Hagel gemerkt. Man darf ihn zu den Christdemokraten zählen, die einen Unterschied ziehen zwischen der AfD auf der einen und der Linken auf der anderen Seite. „Die Nazis sind wieder da“, sagte er einmal. Gleichwohl spricht er von der „Brücke zu den AfD-Wählern“, die er schlagen wolle. Das macht schon wieder misstrauisch. Bei „Nius“, dem klebrigen Filmkanal für Rechtspopulisten, saß er vor der Kamera. Die Landespartei folgt Hagel, aber nicht alle stimmen mit ihm überein. Ein recht prominenter Christdemokrat sagt, die strikte Abgrenzung von der AfD sei in dieser Form falsch. Man müsse sich „mit ihr inhaltlich auseinandersetzen“. Aber das tut Hagel ja. Gemeint kann nur sein: Die CDU solle mehr Positionen von der AfD übernehmen. Dem folgt Hagel nicht.

Er versteht es, sich auf sein Publikum einzustellen. Er will gefallen. Im Gespräch ist Hagel außergewöhnlich zugewandt, das unterscheidet ihn von Politikern, die ihr Gegenüber – tief berührt von der eigenen Bedeutung – so lange zutexten, bis nur noch die Flucht hilft. Hagel schüttelt Hände, schreibt Grußkarten, erkundigt sich nach den privaten Freuden und Sorgen der Menschen, denen er begegnet. Das ist CDU-Style, so hat er das gelernt. Bei der CDU in ihrer traditionellen Ausprägung gibt es einen Teller Schwarzwurst mit Brot, bei den Grünen einen Flyer mit fünf Thesen zur Ökotransformation.

Vorwurf des Gegeners Manuel Hagel verspricht vielen vieles

Diese Zugewandtheit ist angenehm, sie kann aber auch in ihr Gegenteil umschlagen. Hagel gilt als glatt, was damit zu tun hat, dass bei ihm nichts dem Zufall überlassen bleibt. Auftreten, Kleidung, Styling – alles wirkt so perfekt, dass der Marketing-Hagel den Menschen Hagel überblendet.

Wenn Konkurrent Özdemir stichelt, Hagel verspreche allen alles, hat das Gründe. Der Beamtenbund etwa rechnet damit, dass Hagel als Ministerpräsident die Wochenarbeitszeit für Beamte verkürzt, beginnend mit den älteren. Auch „eine Art Eigenheimzulage“ will der Kandidat wieder einführen. Das letzte Kindergartenjahr wird Pflicht – und damit für die Eltern kostenfrei. Ebenso soll die Weiterbildung zum Meister gebührenfrei werden. All das kostet Geld. Hagel muss aufpassen, dass es ihm nicht geht wie Merz, der vor der Bundestagswahl viel versprach und danach wenig hält. Stimmen kann man herbeilächeln, Geld aber nicht.