Am 2. Juni 2024 starb Rouven Laur - nun ist das Urteil gefallen. Das Schicksal des Polizisten, der bei einem Messerangriff in Mannheim getötet wurde, bewegt viele. Wer mehr über den jungen Mann erfahren möchte, erhält Antworten in seiner Heimatstadt Neckarbischofsheim [ Aus unserem Plus-Archiv].
Vielleicht zeigt gerade jener Einsatz, den Rouven Laur mit seinem Leben bezahlte, was für einen feinen Charakter dieser junge Mann hatte und mit welcher Überzeugung er seinen Beruf ausübte: Der 29-jährige Polizist eilte Menschen zu Hilfe, deren Ansichten er nicht geteilt hatte, ja sogar fragwürdig fand.
Wenige Tage vor dem tödlichen Messerangriff erzählte Rouven Laur seiner Mutter, dass er in Mannheim zur Sicherung einer Veranstaltung der islamkritischen Bewegung „Pax Europa“ eingeteilt sei. „Ausgerechnet in Mannheim“, soll er zu seiner Mutter gesagt haben, das müssten die Muslime in der Stadt doch als Provokation aufnehmen.
In Neckarbischofsheim ging Rouven Laur in den Kindergarten und zur Schule
Doch, und auch diese Eigenschaft unterstreicht Rouven Laurs Wertesystem, das viele an ihm so schätzten: Die Meinungsfreiheit war für den 29-Jährigen ein hohes Gut, deshalb ließ er auch seiner Überzeugung widersprüchliche Ansichten zu, diskutierte leidenschaftlich. Rouven Laur war Demokrat und Polizist aus voller Überzeugung. „Rouven schützte einen Menschen, dessen Intoleranz er nicht gutheißen konnte“, sagt Thomas Seidelmann, Bürgermeister von Neckarbischofsheim, der Heimatstadt des Polizisten.
Hier, in der 4000-Einwohner-Kleinstadt im Rhein-Neckar-Kreis, ging Rouven Laur in den Kindergarten, zur Schule – und hier betreiben seine Eltern ein Optiker-Geschäft. Auf den Stufen vor dem Eingang bringen in den Tagen nach seinem Tod viele Menschen mit Blumen und Kerzen ihre Trauer um den Polizisten zum Ausdruck. Inzwischen haben die Laurs den Laden aufgegeben.
Bürgermeister von Neckarbischofsheim hält bewegende Rede
Wie sehr Neckarbischofsheim mit Rouven Laurs Eltern und seinen Schwestern leidet und welches Ansehen der junge Mann in dem Städtchen genoss, ist auch an einem Freitagabend, wenige Tage nach der schrecklichen Nachricht, bei einer Gedenkveranstaltung zu spüren. „Es ist eine unglaublich bedrückende Stimmung im Ort. Jeder Tag ist ein schmerzerfüllter“, sagt eine Frau. Man habe das Gefühl, das Gute habe verloren. Rund 1000 Menschen strömen an jenem Freitag zur Gedenkveranstaltung in den Neckarbischofsheimer Schlosspark, Freunde, frühere Mitschüler, Polizisten, Menschen, die den 29-Jährigen nur flüchtig kannten, ja sogar eine Frau aus Paris ist angereist („Rouvens Tod bewegt viele in Frankreich“) – sie alle eint die Trauer um Rouven Laur.
In einer bewegenden Rede würdigt der Bürgermeister den mutigen Einsatz des Polizisten für die Gesellschaft. Was er sagt, hatte er im Vorfeld mit Rouven Laurs Eltern abgesprochen. Mit der Familie des Polizisten ist Seidelmann seit dem Attentat auf ihren Sohn regelmäßig in Kontakt, Seidelmanns Tochter war eine enge Freundin des Polizisten.
Rouven Laur habe nach jedem Treffen Eindruck hinterlassen
Seit der 1. Klasse in der Grundschule war die Frau mit Rouven Laur befreundet. Sie selbst möchte an jenem Freitagabend nicht sprechen, bittet aber ihren Mann darum. Er kenne Rouven zwar erst seit drei Jahren, aber er könne sich an jedes Treffen sehr genau erinnern, denn: „Rouven hat jedes Mal Eindruck hinterlassen“. Bei seiner Hochzeit etwa, zu der Laur als enger Freund eingeladen war, beim gemeinsamen Grillen – oder beim Kartfahren im vergangenen Jahr: „Da war Rouven sehr gut platziert, aber das erste, was er gemacht hat, war, die anderen zu trösten“, erzählt der Mann.
Bei jedem Treffen habe Rouven seiner Frau und ihm so viele Fragen gestellt, „obwohl er den viel spannenderen Beruf hatte“, sagt er. Seine Freunde hatten für Rouven Laur einen hohen Stellenwert, er sei stets interessiert gewesen an ihrem Leben, wollte wissen, wie es ihnen geht, was sie bewegt.
Rouven Laur wollte Arabisch lernen
Aber auch Menschen, die er nicht kannte und auf die er in seinen Einsätzen als Polizist immer wieder traf, begegnete Rouven Laur mit großem Respekt – ob sie seine Sprache sprachen oder nicht. So hat der 29-Jährige kurzerhand begonnen, Arabisch zu lernen. „Er wollte seinen Mitmenschen immer auf Augenhöhe begegnen“, sagt auch Neckarbischofsheims Bürgermeister Seidelmann.
Rouven Laur wollte „integrieren, nicht spalten“, betont Seidelmann in seiner Rede an jenem Freitag. Deshalb würde der Polizist über manche Entwicklungen nach seinem Tod vermutlich nur den Kopf schütteln können. Was der Familie Laur jetzt nicht helfe, sei das politische Ausschlachten der Tat. Ein 26-jähriger Afghane hatte den Polizisten mit einem Messer so schwer verletzt, dass er später seinen Verletzungen erlag. „Rouven hätte niemals gewollt, dass Aufmärsche gegen alles, was nicht deutsch ist, stattfinden“, sagt Seidelmann.
Familie von Rouven Laur will, dass sich in Deutschland etwas ändert
Der 29-Jährige hätte nie der Märtyrer sein wollen für ein politisches Ziel „vor allem nicht für eine Partei, die nicht aus der demokratischen Mitte kommt“, sagt der parteilose Seidelmann und nennt dabei konkret die AfD. Es folgt lauter Applaus von den vielen Menschen, die sich bei Sonnenschein auf der weiten Wiese im Neckarbischofsheimer Schlosspark versammeln. Hass und Hetze hätten bei Rouven Laur keinen Platz gehabt. Der junge Mann sei der „freundlichste, aufrichtigste und korrekteste Mensch“ gewesen, den er je getroffen habe, sagt Seidelmann. „Wo Rouven war, da war die Sonne.“
Seine Arbeit bei der Polizei bedeutete ihm alles, Kollegen berichten über eine „unglaubliche Professionalität“, die Rouven Laur im Dienst immer wieder an den Tag gelegt habe. Der Staat müsse seine Bürgerinnen und Bürger beschützen – das war die Einstellung, mit der er zur Arbeit ging. Ein Fan des Grundgesetzes sei der Verstorbene gewesen. Menschenwürde, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Meinungsfreiheit – all das verteidigte der Polizist bis zu seinem letzten Tag.
Nach der Tat wünscht sich seine Familie, dass der Verlust ihres geliebten Menschen etwas in Deutschland verändert: Rettungskräfte sollen besser geschützt werden, die Polizei in der Gesellschaft mehr Wertschätzung erfahren. Denn, so soll es die Mutter des getöteten Polizisten bereits kurz nach der erschütternden Nachricht gesagt haben: „Rouvens Tod soll nicht sinnlos sein.“
Dieser Text ist erstmalig im Juni 2024 erschienen. Zum Urteil für den Mord an Rouven Laur haben wir den Artikel noch einmal veröffentlicht.