Ausgerechnet Mannheim spielte eine wichtige Rolle im Kolonialismus. Neue Recherchen bringen Erstaunliches zutage.
Es war ein Erlebnis, dass die Mannheimer so noch nie gesehen hatten. In Scharen pilgerten sie aufs Festgelände, wo ein Spektakel für die ganze Familie inszeniert wurde. 1907 hatten auch die meisten Erwachsenen noch nie Dunkelhäutige gesehen, hier aber konnte man im „Abessinierdorf“ Menschen aus fernen Ländern wie im Zoo bestaunen und sogar in voller Aktion erleben: Denn diese Gestalten, die man aus Afrika nach Mannheim gekarrt hatte, schmiedeten Waffen und führten gefährlich wirkende Kriegstänze auf. Sie warfen Speere und trugen wilde Gefechte aus. Die Mannheimer waren begeistert, was sie für ihr Geld geboten bekamen – und waren nach dem Spektakel fest davon überzeugt: So ist er, der Schwarze – wild, aggressiv und unzivilisiert.
Sogenannte Völkerschauen waren lange Zeit in Deutschland ein beliebtes Freizeitvergnügung. Eines der ersten Spektakel dieser Art fand in Mannheim 1887 statt, als die „Buschmann-Hottentotten-Gruppe“ im Saal der Casino-Gesellschaft Wellen schlug. Man kann sicher sein, dass all jene kamen, die mit den Menschen, die man als Buschmännern oder Hottentotten bezeichnete, viel Geld verdienten.
Wichtiger Dreh- und Angelpunkt für den Welthandel
Denn nachdem Deutschland begann, andere Länder als Kolonien für sich zu beanspruchen und auszubeuten, stieg der Wohlstand überall im Land – und auch in Mannheim profitierte man aufs Schönste. Die Stadt besaß einen Binnenhafen, der zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt für den Welthandel wurde. Mannheim mauserte sich zu einer erfolgreichen Industrie- und Handelsstadt, weshalb die Kinder fortan in ihren Schulbüchern lernten: „Wir in Mannheim bekommen über holländische Häfen alles Getreide, alles Petroleum, alle Kolonialwaren: Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze und so weiter.“
Bisher war kaum erforscht, wie vielfältig und eng viele Mannheimerinnen und Mannheimer mit dem Kolonialismus verstrickt waren. Das wollte das Marchivum in Mannheim ändern – endlich, schließlich musste Deutschland seine Kolonien schon vor mehr als hundert Jahren abgeben. Umso sehenswerter ist, was das Mannheimer Archiv für Stadtgeschichte nun zusammengetragen hat in der Ausstellung „Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim“. Als Harald Stockert und seine Kollegen begannen, nach Dokumenten zu suchen, stellten sie überrascht fest, dass „gleich mehrere Männer aus Mannheim zu den Spitzen der Verwaltung in den Kolonien gehörten“, sagt Stockert. „Die Stadt ist damit überproportional im deutschen Kolonialapparat vertreten.“
Viele Namen der damaligen Profiteure kennt man bis heute
Trotzdem wollte man auch in Mannheim lange nicht so genau wissen, was zwischen 1884 bis 1918 passierte. Dabei purzelt einem die Kolonialgeschichte an vielen Stellen förmlich vor die Füße. Viele Namen der damaligen Profiteure kennt man bis heute: vom Unternehmer Carl Reiss und von Friedrich Engelhorn, dem Begründer der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG – kurz BASF, die die Namensgeber der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen sind. Oder Ernst Böhringer, dessen Firma Chinarinde aus Südamerika und Südostasien benötigte. Gerade die Pharmaindustrie war eng in das koloniale System eingebunden.
Dass sich koloniales Handeln und Denken so schnell verbreitete, hat viele Gründe – einer ist, dass sich die Menschen sehr schnell an den Luxus gewöhnten, dass Kaffee, Kakao oder Tee plötzlich für alle bezahlbar wurde. Deutschland hatte lange aus weltpolitischer Sicht hinterhergehinkt. Bereits im 15. Jahrhundert hatten sich die ersten Europäer aufgemacht, um sich fremde Regionen unter den Nagel zu reißen. Ende des 19. Jahrhunderts waren große Teile der Welt entsprechend aufgeteilt zwischen den europäischen Mächten. Deutschland gehörte als zersplittertes Land nicht zu ihnen.
Als 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, versuchte man deshalb umso flotter, sich endlich auch einen machtvollen Platz in der Welt zu sichern – mit Kolonien in Kamerun, Deutsch-Ostafrika oder auch Deutsch-Südwestafrika, später kamen Gebiete in China dazu. Um hier so erfolgreich tätig sein zu können, erhielten Privatleute und private Gesellschaften Schutzbriefe, um in den Kolonien frei schalten und walten zu können. So investierten Mannheimer Banken und Unternehmen in Plantagen und Infrastruktur. Die Firma Benz lieferte Motoren, technische Anlagen und Schiffsantriebe. Bilfinger & Grün baute Häfen und Landungsbrücken in Afrika, und Heinrich Lanz brachte Landmaschinen in die Kolonien.
Im Gegenzug tauchten schon bald zahllose Kolonialwaren im heimischen Sortiment auf: Auf dem Maimarkt wurden Mahagonimöbel angeboten, Pflanzenhandlungen verkauften tropische Zimmerpflanzen und das Kaufhaus Wronker plötzlich Antilopenfelle. Die Kleidung wurde mit Baumwolle aus Togo hergestellt. Oder Spazierstöcke: Ihr Knauf bestand nun aus Elfenbein – wie auch die Klaviertasten.
Die Kuratoren Harald Stockert und Christian Groh haben mal nachgezählt: 1905 gab es in Mannheim mehr als 350 Kolonialwarenläden – Schokoladenhandlungen, Tee- und Spezereien-Geschäfte. „Mein Lager wird durch sorgfältig gewählten Ankauf an den ersten See- und Bezugsplätzen unterhalten“, wirbt ein Unternehmen in der Lokalpresse. Auch für Palmin, „das naturreine Cocos-Speisefett“ wurden Anzeigen geschaltet: „In allen feinen Küchen der Welt . . . auch im Heimatland der Palmen“, heißt es da.
Afrikaner werden als Wilde dargestellt
Und mit jedem Produkt, ob es die tropischen Öle für die Margarine oder für die Sunlicht-Seifen waren, der Kautschuk für Gummiwaren und die Jute für Säcke – mit den neuen Handelswaren wurde auch eine Weltvorstellung importiert: die Überzeugung, als Europäer zivilisatorisch überlegen zu sein. In den inszenierten Völkerschauen wurden die Afrikaner als Wilde dargestellt, aber auch in zahlreichen Vorträgen gab man sich als Retter aus. Hier die unzivilisierten Wilden, die in Baströckchen vor der Hütte ums Feuer tanzen, dort die Europäer, die die moderne Medizin, Eisenbahnen und europäischen Bauwerke bringen und sich deshalb als Spitze der sozialen Ordnung begreifen.
So wurde ein Bild kultiviert, dass sich auch in den Köpfen der Bevölkerung einbrannte, weil es ständig reproduziert wurde, schließlich wurden Millionen Postkarten aus den Kolonien geschickt und zeigten die immergleichen Szenen mit den weißen Herren in weißen Anzügen mit schwarzen Dienern. Selbst Kindern trichterte man diese rassistischen Klischees und Wertvorstellungen ein – in Kinderbüchern oder mit den massenhaft verbreiteten Sammelbildchen von Stollwerk oder Liebig.
Die Kehrseite des Kolonialismus wurde dabei ignoriert. Dabei hatte man die Ländereien in der Regel geraubt. Die Landschaften, die über Jahrtausende gewachsen waren, wurden in Monokulturen umgewandelt. Die Einheimischen ließ man als Zwangsarbeiter für sich schuften – und der Machtanspruch der Kolonialherren wurde mit roher Gewalt durchgesetzt. Ob man in der deutschen Heimat etwas erreicht hatte oder nicht – in den Kolonien war man plötzlich wer. So stieg der Seckenheimer Theodor Seitz auf zum Gouverneur, Theodor Bumiller erhielt einen wichtigen Posten im Militär. Auch beim Völkermord an den Herero und Nama 1904 bis 1908 waren zahlreiche Soldaten aus Mannheim beteiligt, wie die Recherchen ergeben haben.
Immerhin: Der unglaublich brutale Mord an den rund 60 000 Hereros und 10 000 Namas führte in Deutschland vereinzelt zum Umdenken. Vertreter von SPD und Zentrum prangerten die Gewalt an und stimmten 1906 dagegen, diesen Krieg mit noch mehr Geld zu unterstützen. Es war vor allem der Mannheimer SPD-Mann Ludwig Frank, der laut die „Taten empörenden Unrechts“ kritisierte und auch die „viehische Brutalität“, mit der die Deutschen die Aufstände in Namibia niedergeschlagen hatten. Zustimmung bekam der Sozialdemokrat Frank allerdings wenig, stattdessen wurde er als „Schänder der nationalen Ehre“ beschimpft. Auch der Chefredakteur der „Volksstimme“ saß einen Monat lang im Gefängnis, weil das Blatt 1907 ein Bild erhängter Einheimischer gedruckt hatte, das belegte, wie die Deutschen in Namibia vorgingen.
Die heutige Wirtschaft fußt auf den Strukturen, die damals entstanden
Die Politik und auch die Justiz hatten einen großen Anteil, dass die Geschichte des deutschen Kolonialismus sehr einseitig erzählt wurde – und die Forschung noch immer viel Nachholbedarf hat. Deshalb ist die Mannheimer Ausstellung aus Sicht von Harald Stockert auch nur eine erste Zwischenbilanz. „Insbesondere das Handeln der Mannheimerinnen und Mannheimer in den Kolonien, aber auch die Perspektive der Menschen in den Kolonien müssen noch weiter erforscht werden“, sagt er.
Schließen lässt sich das Kapitel Kolonialismus ohnehin nicht, denn die heutige globalisierte Wirtschaft fußt auf den Strukturen, die damals entstanden. Diverse politische Konflikte haben ihren Ursprung im kolonialen System. Aber auch die alten Stereotypen geistern noch durch manche Köpfe, lassen sich im ZDF-„Traumschiff“ entdecken oder in Werbeprospekten. Und wenn der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz bei Kriminalität und Gewalt gegenüber Frauen reflexhaft an Männer mit dunkler Hautfarbe denkt, schwingt da auch noch das Klischee vom wilden Schwarzen mit. Kein Wunder. Bis Ende der 1950er Jahre gab es Völkerschauen, die gezielt Lügen verbreiteten. So trat im Mannheimer „Abessinierdorf“ nicht ein einziger Abessinier auf, die Leute, die hier schauspielten, hatte man allesamt in Südafrika angeworben.
Auch in den europäischen Völkerkundemuseen steckt bis heute viel Unrecht, denn große Teile der Sammlungen wurden den Bewohnern der Kolonien mit roher Gewalt abgenommen oder in Kriegen erbeutet. Deshalb hat der Mannheimer Gemeinderat im vergangenen Jahr beschlossen, zumindest die Benin-Bronzen aus dem Reiss-Engelhorn-Museum zurückzugeben.
Wer weiß, ob die Mannheimer eines Tages differenzierter über ihren erfolgreichen Sohn Ferdinand Scipio denken werden. Er war einer der lautesten Fürsprecher des Kolonialismus, war Teilhaber der lukrativen Woermann-Schifffahrtsgesellschaft und besaß in Kamerun Plantagen, von den denen man die Bevölkerung mit Gewalt vertrieben hatte. Seine Gewinne flossen auch in die 1911 errichtete Mannheimer Villa der Familie Scipio. Deren Name wird in der Stadt bis heute hochgehalten: So ist der Scipiogarten selbstverständlich nach dem Kolonialprofiteur benannt.
Ausstellung „Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim“ ist bis 27. September im Mannheimer Marchivum, Archivplatz 1 , zu sehen. Die Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr.