Das wichtigste Ziel in der Therapie ist es, zu lernen, seine Neigung nie auszuleben. Foto: imago/Daniel Schäfer

Er gehöre als Pädophiler zu den meistgehassten Menschen, sagt Tim. Er selbst hatte nach der Diagnose Angst vor sich. Wie lebt man mit einer Neigung, die man nie haben wollte und die man ständig kontrollieren muss?

Ein karger Raum in Ulm, Stühle, ein Tisch, jedes Geräusch erzeugt an den kahlen Wänden einen leichten Nachhall. Eine Uhr füllt mit ihrem Ticken die Nachdenkpausen von Tim, Mitte 40, aus der Region Stuttgart. Er spricht vorsichtig, überlegt oft lange, wie er auf Fragen antworten soll. Er spricht darüber, was es bedeutet, pädophil zu sein. Erfährt jemand von seiner Neigung, könnte es sein soziales Leben zerstören. Auch deswegen taucht er hier nicht mit seinem echten Namen auf. Trotzdem war es ihm wichtig, über die Pädophilie zu sprechen, über die Scham und die Ablehnung seiner eigenen Sexualität, die damit verbunden ist, und wie er ständig kontrollieren muss, was in seinem Kopf passiert.

 

Ob man pädophil ist oder nicht, entscheidet die Lotterie des Lebens. Es gebe soziale, biologische und psychische Ursachen dafür, sagt Elisabeth Quendler-Adamo, Sexual- und Paartherapeutin der Uniklinik Ulm und Leiterin des dortigen Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“. Aber die Betroffenen hätten keinen Einfluss darauf, man könne auch niemanden umpolen. „Pädophilie ist ein Schicksal“, sagt Quendler-Adamo.

Jeder annähernd sexuelle Gedanke muss kontrolliert werden

Lebt man, wie Tim, mit diesem Schicksal, geht es darum zu lernen, dass man die Neigung sein ganzes Leben nie auslebt. Er habe noch nie etwas gemacht, was er nicht hätte machen dürfen, sagt Tim. Aber er weiß, dass er gewisse Vorkehrungen treffen muss, damit nie etwas passiert, was nicht passieren darf. Er hat sein Leben danach ausgerichtet.

Jeder annähernd sexuelle Gedanke muss kontrolliert werden, er muss sich permanent dagegen entscheiden, Fantasien zuzulassen. Gebe man Fantasien nach oder schaue sich einschlägige Comics an, mache das durch jede Wiederholung eine Datenautobahn im Gehirn schneller, sagt Therapeutin Quendler-Adamo. Für das Gehirn werden diese Reize sozusagen normaler. Dieses Verhalten könne in manchen Fällen die Hemmschwelle zum jeweils nächsten Schritt abbauen – und im Zweifelsfall hin zu einer Straftat führen.

Ein ständiger innerer Kampf

Es gehe darum, gewisse Dinge „nicht ins System zu lassen“, sagt Tim dazu. Sich eine Beziehung oder eine Berührung auch nur vorzustellen, sei tabu. „Bei Kindern gibt es keine Vorstellung davon, wie das sein könnte. Das geht einfach nicht“, sagt Tim. Für ihn bedeutet das einen ständigen inneren Kampf, wie er erzählt. Es sei ein Kampf zwischen dem Wunsch, diese Fantasien zuzulassen, weil sie eben seiner Sexualität entsprechen, und dem Willen, das nicht zu tun, „weil ich diesen Teil meiner Sexualität strikt ablehne“, sagt Tim. „Ich habe immer wieder Phasen, in denen ich einfach nur heulen könnte, weil die Pädophilie ein lebenslanger und anstrengender Kampf bleiben wird. Selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge, wird sie in meinem Leben bleiben und immer wieder in mein Bewusstsein drängen“, sagt Tim.

Die Erkenntnis, dass man pädophil ist, kommt oft schleichend ins Leben. In der Jugend fühlen sich Betroffene ja noch zu Menschen hingezogen, die fast gleich alt sind. Irgendwann wird der Altersunterschied immer größer.

Tim erzählt, bei ihm habe sich die Neigung in den Teenagerjahren entwickelt. Er spricht, wie die meisten Betroffenen, nicht ausschließlich auf kindliche Körper an, sondern auch auf jugendliche und erwachsene. Und nicht jedes Kind löse in dieser Hinsicht etwas in ihm aus, sagt Tim. Es seien einige wenige, bei denen ein bestimmtes Aussehen und ein bestimmter Charakter zusammentreffen würden – wie das eben bei anderen Menschen auch ist.

„Nach der Diagnose Pädophilie hatte ich riesige Angst vor mir selbst“

Lange Zeit habe er seine Neigung nicht wahrhaben wollen, sagt Tim. Dann habe er zehn Jahre lang mit sich gerungen, sich dem Thema Pädophilie zu stellen, sagt Tim. Vor etwa sechs Jahren begab er sich bei Quendler-Adamo in Behandlung. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass dabei rauskomme, dass es sich bei ihm nicht um Pädophilie handle. „Nach der Diagnose hatte ich riesige Angst vor mir selbst“, sagt Tim. Er sei offiziell „einer von denen gewesen“. Das ist das zweite große Ziel der Therapie, neben der Selbstkontrolle und dem Umgang mit etwaigen Reizen: mit sich selbst klarkommen.

„Ich gehöre als Pädophiler zur meistgehassten Randgruppe. Ohne jemals straffällig geworden zu sein, stehe ich in der Beliebtheitsskala unter Menschen, die reale sexuelle Übergriffe auf Erwachsene begangen haben“, sagt Tim. Auch er selbst habe lange ein ähnliches Bild von Menschen mit Pädophilie gehabt. Dazu würden einem im Alltag Kinder und Jugendliche überall begegnen. Das erinnere ihn auch immer wieder an seine Neigung, „und das ist oft sehr unangenehm“, sagt Tim. „Ich versuche, mich so anzunehmen, wie ich bin. Trotzdem gelingt das nicht an jedem Tag gleich gut. Auch ich selber musste lernen, mich wieder in all meinen Facetten zu sehen und mich nicht auf die Neigung zu reduzieren“, sagt Tim.

Was Pädophilie mit den Betroffenen selbst mache, sei nicht ausreichend erforscht, sagt Quendler-Adamo. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich das Leben nehmen, weil sie pädophil sind und es für sie keinen Ausweg gibt“, sagt sie. „Ein pädophiler Mensch kann sich nicht in seinem sozialen System einfach outen. Denn dann springen keine Freunde bei und kümmern sich, sondern ein pädophiler Mensch muss immer damit rechnen, dass die Gesellschaft auf ihn einprügelt, unabhängig davon, ob er etwas gemacht hat oder nicht“, so Quendler-Adamo weiter. „Menschen, die pädophil sind, bleiben meist furchtbar einsam.“ Spreche jemand ausschließlich auf kindliche Körperschemata an, würde auch das Wissen, niemals eine erfüllte Beziehung haben zu können, zur Belastung beitragen.

Tims Frau kommt mit seiner Pädophilie klar

Bei Tim ist das anders. Er ist seit fast 20 Jahren mit seiner Frau zusammen, sie weiß auch von der Pädophilie. Er habe lange damit gerungen, ihr davon zu erzählen. Aber sie habe damals so besonnen auf die Nachricht reagiert, dass er gedacht habe, sie würde es nicht an sich ranlassen, sagt Tim. Er habe befürchtet, irgendwann würde vielleicht der große Knall kommen und die Beziehung daran scheitern, sagt Tim. Aber das ist nicht passiert. Sie sei auch schon zu Gesprächen bei „Kein Täter werden“ gewesen, um über ihre Beziehung zu sprechen und darüber, wie es ihr mit Tims Neigung geht. Sonst würde nicht oft über das Thema gesprochen, so Tim, „aber das ist okay so“. Er sagt, er führe eine glückliche Beziehung.

Er habe viel Mut gebraucht, um mit unserer Zeitung zu sprechen. „Mir ist bewusst, dass ich nicht mit Sympathie von Seiten der Leserschaft rechnen darf“, sagt Tim. Er wollte aber gleichzeitig die Chance wahrnehmen, eine Stimme zu bekommen. Er sagt: „Ich bin viel mehr als meine Neigung. Ich bin ein sympathischer, unterhaltsamer Mensch, mit dem die Leute gerne Zeit verbringen. Ich bin ein aufmerksamer Zuhörer. Ich bin ein Sohn, ein Ehemann, ein sehr guter Freund, ein beliebter Kollege, ein loyaler Mitarbeiter, ein hilfsbereiter Nachbar und einer von Hunderttausenden Einwohnern der Region Stuttgart.“

Wie verbreitet ist Pädophilie?

Zahlen
Bis zu ein Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland seien Schätzungen zufolge pädophil, heißt es beim Netzwerk „Kein Täter werden“, also etwa 250 000 bis 300 000. Fantasien, die sich auf Kinder oder Jugendliche beziehen, kommen demnach bei drei bis sechs Prozent der Männer vor. In Studien werden diese Fantasien auch von Frauen berichtet, eine diagnostizierte Pädophilie gebe es bei Frauen aber kaum.

Straftaten
Pädophilie wird oft in Verbindung gebracht mit Sexualstraftaten. Dabei würden die meisten Menschen mit Pädophilie nie straffällig, sagt Therapeutin Elisabeth Quendler-Adamo. Zudem seien zwei Drittel der Menschen, die Sexualstraftaten an Kindern begehen nicht pädophil, sondern sogenannte Ersatzhandlungstäter – also Menschen, die eigentlich auf Erwachsene ausgerichtet sind, aber etwa aufgrund einer Persönlichkeitsstörung Kindesmissbrauch begehen.

Unterscheidung
In Fachkreisen unterscheidet man zwischen Pädophilie (sexuelle Ansprechbarkeit eines Erwachsenen durch kindliche Körper vor der Pubertät) und Hebephilie (sexuelle Ansprechbarkeit durch jugendliche Körper in der Pubertät). Eine ausschließlich pädophile Neigung ist laut Therapeutin Elisabeth Quendler-Adamo eher selten.