Zur Mahnwache anlässlich der Deportation jüdischer Mitbürger kamen viele Menschen zum Villinger Bahnhof – zur Freude des Initiators Friedrich Engelke (im Vordergrund). Foto: Heinig

Vor 83 Jahren, am 22. Oktober 1940, mussten jüdische Mitbürger in einen Zug einsteigen. Die Reise ging ins südfranzösische Gurs – und in den Tod.

Am Sonntag erinnerten daran rund 80 Menschen, die dafür stehen, dass die Gräuel der Nazi-Diktatur nie vergessen werden.

 

Am Gedenkstein, dessen Aufstellung vor dem Bahnhof in Villingen einst Schüler der St. Ursula-Schulen erwirkten, initiierte der Verein „Pro Stolpersteine VS“ vor zehn Jahren alljährliche Mahnwachen. So auch am Sonntagabend, nachdem der Vorsitzende Friedrich Engelke zusammen mit Vereinsmitgliedern die Gedenkstätte gereinigt hatte.

Und wie in jedem Jahr habe er sich gefragt, ob zum Gedenken überhaupt jemand käme, gestand Engelke bei der Begrüßung. Er wurde auch diesmal nicht enttäuscht – im Gegenteil: die Menge derer, die ein solches Zeichen gegen das menschenverachtende Regime von Nationalsozialisten setzen wollen, wächst.

Was geschah vor 83 Jahren?

Was vor 83 Jahren in Villingen geschah, verdeutlicht eines der an diesem Abend verlesenen Beispiele. Bertha Schwarz lebte mit ihrem Mann Louis und den sechs Kindern in der Gerberstraße 33, direkt neben dem Betsaal der kleinen jüdischen Gemeinde Villingens.

Das beliebte Paar führte eine gut gehende Viehhandlung. 1934 starb Louis Schwarz. Nach der Machtergreifung Hitlers liefen die Geschäfte für die alleinerziehende Berta Schwarz aufgrund der Hetze gegen Juden immer schlechter. 1936 musste sie aufgeben und das Haus verkaufen. In der Reichskristallnacht im November 1938 wurde das Gebäude samt Betsaal von einem Mob zerstört und dessen Bewohner aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Doch das Geld aus dem Hausverkauf reichte nur für die Flucht der drei Enkelkinder in die Schweiz.

Ins Ungewisse deportiert

Am 22. Oktober 1940, einem strahlend schönen Herbsttag, wurden Bertha Schwarz und ihre Lieben aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden einen Koffer mit maximal 50 Kilogramm und 100 Reichsmark zu packen. Dann wurden sie ins Ungewisse deportiert und getrennt. Ihre Kinder wurden 1942 in Auschwitz ermordet, sie, krank und von den furchtbaren Zuständen im Lager gezeichnet, starb im März 1943 in Gurs.