Stuttgart – - Herr Andersson, Ihr schwedischer Landsmann Kim Ekdahl du Rietz von den Rhein-Neckar Löwen plant eine Weltreise. Reizt es Sie nicht auch, aus dem für Sie derzeit eher tristen Handballball-Alltag auszubrechen?
Nein, gar nicht. Wir befinden uns mit Frisch Auf in einer schwierigen Zeit. Für mich ist es in 15 Jahren Trainertätigkeit die kniffligste Phase, ich hatte immer mehr Erfolg. Aber glauben Sie mir, es macht mir nach wie vor großen Spaß, hier in Göppingen zu arbeiten.
Wirklich?
Natürlich ist im Erfolg die allgemeine Stimmungslage besser, ich schlafe derzeit auch schlechter, das gebe ich offen zu. Aber das ist normal. Ich lebe 24 Stunden Handball am Tag und hinterfrage mich auch ständig selbstkritisch.
Mit welcher Erkenntnis?
Ich bin ein bisschen von der skandinavischen Philosophie abgerückt, den Spielern viele individuelle Freiheiten und wenig konkrete Vorgaben zu geben. Ich will zwar keine Roboter auf dem Spielfeld, sondern kreative Spieler, aber ich muss ihnen helfen, dass sie die Spielzüge so gestalten, dass wir zu besseren Chancen kommen.
Aber Sie haben bis auf Mimi Kraus doch fast die gleiche Truppe, die im Mai noch den Europapokalsieg feierte?
Das ist ja genau das Thema. Trainerteam, Mannschaft, Manager, Aufsichtsratschef – wir alle haben uns in sehr vielen Gesprächen den Kopf zerbrochen, woran es liegt. Die Spieler können ja nicht von heute auf morgen das Handballspielen verlernt haben.
Und zudem in der Abwehr nicht mehr den richtigen Zugriff finden.
Das ärgert mich besonders. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren eine richtig gute Deckung hingestellt. In dieser Saison klappt das Zusammenspiel Abwehr-Torhüter plötzlich nicht mehr. Und da spielt die Personalie Mimi Kraus wahrlich keine Rolle. Er hat nie in der Deckung gespielt.
Wie lauten Ihre Erklärungsansätze?
Ich denke, vieles ist Kopfsache. Wir haben nach einer richtig guten Vorbereitung im ersten Saisonspiel daheim gegen Hannover eine bitterböse 23:34-Klatsche kassiert. Beim nächsten Spiel in Minden haben sich dann in Tim Kneule und Zarko Sesum gleich unsere beiden Spielmacher verletzt und fielen länger aus. Das lässt sich nicht von heute auf morgen kompensieren. Verunsicherung machte sich breit.
Dabei haben Sie doch noch genügend andere erfahrene Spieler in Ihrem Team.
Das stimmt. Und ich bin auch enttäuscht darüber, dass es uns nicht gelingt, guten Handball zu spielen. Aber es macht auch für einen Routinier wie Adrian Pfahl einen Unterschied aus, ob er auf der halb rechten Rückraumposition spielt oder plötzlich als Spielmacher die Fäden in der Hand halten soll.
Auffallend sind die extremen Schwankungen innerhalb eines Spieles. Den negativen Höhepunkt gab es in Flensburg, als sich Ihre Mannschaft einen fast unglaublichen 0:12-Negativlauf leistete. Wie kommt so etwas?
Vielleicht fehlt uns ein richtiger Chef auf dem Spielfeld, der sagt, wo es langgeht. In diesen Phasen verlieren wir die Aggressivität in der Abwehr, eine Folge sind dann zu wenig Paraden von den Torhütern, und vorne leisten wir uns viel zu viele dumme Fehler.