Olivia Colman (links) und Dakota Johnson in „Frau im Dunkeln“ Foto: Netflix/Yannis Drakoulidis

In „Frau im Dunkeln“ blickt eine Professorin zurück auf ihr menschliches Chaos. Maggie Gyllenhaal gibt mit der Verfilmung des gleichnamigen Elena-Ferrante-Romans ihr Regiedebüt – zu sehen erst im Kino, dann auf Netflix.

Stuttgart - Ganz eng klebt die Kamera an der Literaturprofessorin Leda Caruso (Olivia Colman), die in Griechenland eine Auszeit nehmen möchte. Doch kaum ist sie am Strand, entwickelt sie eine regelrechte Obsession: Sie kann die Augen nicht abwenden von Nina (Dakota Johnson), einer jungen Mutter mit kleiner Tochter, bis ihr irgendwann die Tränen kommen. Die Annäherung zwischen der intellektuellen Britin und der neureichen US-Proletarierin mündet in ein ungesundes Spiel um Augenhöhe.

 

Der gleichnamige Roman von Elena Ferrante von 2008 diente Maggie Gyllenhaal („The Deuce“) als Vorlage für ihr Regiedebüt, und es gelingt ihr, den sprachlichen Rhythmus der italienischen Autorin und die Ambivalenz ihrer Figuren in Bilder zu übersetzen. Ein Puzzle aus Rückblenden erklärt Ledas Leiden: Sie war als Überbegabte überfordert mit den Erfordernissen des Alltags, besonders mit ihren nun erwachsenen Töchtern – sie ist als Mutter gescheitert.

Eine zerrissene Figur

Ganz fein offenbart Olivia Colman die Zerrissenheit ihrer Figur, die überwiegend majestätisch wirkt, in irritierenden Aussetzern aber unvermittelt brüske Abweisung und übertriebene Zuwendung zur Schau stellt. So eine emotionale Gratwanderung meistern nicht viele, die nuancierte Charakterdarstellerin Colman geht förmlich darin auf; sie hat in „The Favourite“ (2018) als Queen Anne brilliert und dafür einen Oscar bekommen und zuletzt in „The Father“ (2020) als Tochter, die mit der Demenzerkrankung ihres Vaters (Anthony Hopkins) umgehen muss. Die Irin Jessie Buckley („Wild Rose“) gibt in den Rückblenden eine blühende Frau im Zwiespalt, die am Muttersein verzweifelt: „I’m suffocating“, sagt sie irgendwann, „ich ersticke“.

Dakota Johnson („50 Shades of Grey“, 2015) spielt die Art von Frau, die verführerische Reize offensiv ausstellt und sich dann wundert, wenn sie von unangenehmen Männern umgeben ist. Zugleich überzeugt sie als junge Mutter, die alles gibt und doch entnervt ist von den Launen ihrer kleinen Tochter. Ed Harris („Pollock“) ist als gestrandeter Amerikaner zu sehen, der alles hinter sich gelassen hat für eine Freiheit in der Fremde.

Gyllenhaal und Colman sind beide bereits für Golden Globes nominiert und dürften mit dieser reifen Leistung auch bei den Oscars eine Rolle spielen.

Frau im Dunkeln. USA 2021. Regie: Maggie Gyllenhaal. Mit Olivia Colman, Dakota Johnson, Ed Harris. 122 Minuten. Ab 12 Jahren. Ab 17. 12. im Kino, ab 31. 12. auf Netflix