Der Mann führt Kriege, verfällt Drogen und schlägt Frauen. Doch ein Blick in die männliche Seele offenbart viele Widersprüche. Sie können uns verraten, warum Männer so sind – und welchen Anteil auch Frauen daran haben.
Ich muss vorab ein paar Dinge gestehen: Ich habe meinem besten Freund nie davon erzählt, dass ich eine Psychotherapie gemacht hatte. Männer reden nicht über ihre Probleme.
Ich habe auf einem Konzert keinen Gehörschutz getragen, weil mir das unangenehmer als schmerzende und klingelnde Ohren gewesen wäre. Männer müssen hart sein.
Als eine frühere Freundin durch fremde Männer begrapscht wurde und weinend nach Hause kam, habe ich das Geschehen heruntergespielt. Es sei eine dumme Aktion, keine echte Gefahr gewesen. Männer können mit Gefühlen nicht umgehen.
Ich hatte Zweifel, es als Journalist möglicherweise nie weg von einem kleinen Onlinemedium zu schaffen, habe aber nie richtig darüber gesprochen. Männer zweifeln schließlich nicht.
Ich bin von einer Partnerin dazu aufgefordert worden, ihr Fahrrad zu reparieren. Auch das Auto war selbstverständlich mein Zuständigkeitsbereich. Männer kennen sich schließlich mit Technik aus.
Wenn meine dünnen Beine mit „du hättest schöne Frauenbeine“ kommentiert wurden, habe ich es weggelacht, aber natürlich hätte ich lieber richtig männliche – also muskulöse – Beine gehabt.
In Gefängnissen sitzen fast nur Männer
Was sagt uns das über Männlichkeit? Zumindest, dass Männer mit ihrem Verhalten manchmal Frauen schaden, oder ihnen zumindest nicht beistehen, wenn das erwartet wird. Es sagt uns, dass sich Männer manchmal selbst schaden, aber auch, dass Männer mitunter verletzt werden, wenn sie den Normen von Männlichkeit nicht entsprechen – auch von Frauen.
Was aber macht diese Männlichkeit zum Problem?
Daten belegen, dass Männer in vielen Bereichen privilegiert sind. Männer verdienen für die gleiche Arbeit sechs Prozent mehr. Männer besetzen fast 80 Prozent der Vorstandsposten in Dax-Konzernen. Die allermeisten Staaten werden von Männern regiert. Unter den zehn reichsten Menschen der Welt ist keine einzige Frau. Es ist wichtig, diese Dinge zu erwähnen. Aber es gibt noch andere Seiten.
In deutschen Gefängnissen sitzen 20 Mal so viele männliche Strafgefangene wie weibliche. Rund 80 Prozent der rechtskräftig verurteilten Menschen in Deutschland sind Männer. Ein Drittel der Männer gab in einer Umfrage der Organisation Plan International an, schon einmal Gewalt gegenüber Frauen angewendet zu haben. Und ein Drittel der Frauen in Deutschland hat schon einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt, ergaben Zahlen des Bundesfamilienministeriums. Das heißt: Männer werden übermäßig oft zu Tätern.
Sucht, Unfälle, Bildung: Hier sind Männer längst abgehängt
Man könnte jetzt eine quasi biologische Determination ins Feld führen: Männer haben sich nicht unter Kontrolle. Männer haben immer Sex im Kopf und tun alles, um ihn zu bekommen. Männer sind machtgeil. Männer sind gewalttätig. Männer führen Kriege. Männer treiben die Zerstörung der Welt voran. Sie können halt nicht anders. Das ist nicht ganz falsch. Aber diese Zerstörer und Gewalttäter sind eine Minderheit. Die wenigsten Männer gleichen jenen traurigen oder schrecklichen Gestalten wie Testeron-Influencer Andrew Tate, Metoo-Sexualstraftäter Harvey Weinstein oder Kriegstreiber Wladimir Putin. Es reicht also nicht, als Problem einfach „die Männer“ zu benennen.
Es gibt noch eine weitere Seite. Drei Viertel der Suizide in Deutschland werden laut Statistischem Bundesamt von Männern begangen. Sie sind öfter suchtkrank als Frauen – fünf von sechs Drogentoten in Deutschland sind männlich, ergeben Zahlen des Bundeskriminalamts. Männer sind häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt, leben ungesünder und sterben statistisch gesehen fünf Jahre früher als Frauen. In den jüngeren Generationen gibt es mehr Männer ohne Schulabschluss, dafür mehr Frauen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife. In vielen Bereichen sind Männer längst abgehängt.
Wir leben also in einer Zeit, in der Männer einerseits tatsächlich Machtpositionen besetzen, aber gleichzeitig auch die größten Problemfälle sind. Sie sind Profiteure und Opfer der Verhältnisse. Und beides liegt gar nicht so weit auseinander, beides hängt mit Verhaltensweisen zusammen, die als klassisch männlich gelten. Aber warum sind Männer nun so, wie sie sind?
Weinende Jungs gelten als wütend, weinende Mädchen als ängstlich
Der Psychologe Terence Real verweist in seinem Buch „I Don’t Want to Talk About It“ (Ich will nicht darüber reden) auf zwei Studien. In einer werden Eltern zu Gewicht und Eigenschaften ihrer neugeborenen Babys befragt. Sowohl Mütter als auch Väter schätzten Jungs demnach als stärker und robuster ein, Mädchen als zarter, schwächer und kleiner. Obwohl die Babys der Untersuchung genau gleich viel wogen.
In der anderen Untersuchung wurden Erwachsenen die Bilder von weinenden Babys gezeigt. Hat man den Probanden gesagt, es handle sich – unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht – um einen Jungen, wurde das Weinen als Wut interpretiert. Glaubten die Versuchsteilnehmer, ein Mädchen vor sich zu haben, wurden die Tränen eher als Folge von Angst interpretiert. Die Forscherinnen und Forscher stellten aufgrund dessen die Frage: Würde man ein Kind nicht anders behandeln, wenn man glaubt, es sei wütend, als eines, das man für verängstigt hält? Hieße das nicht, dass man mit einem Mädchen empathischer, fürsorglicher umgehen würde als mit einem Jungen? Psychologe Real meint: „Wir senden Jungen von den ersten Momenten ihres Lebens an die Botschaft, dass sie weniger emotionale Bedürfnisse als Mädchen haben.“
Diese Studien – und viele andere mehr – zeigen, wie unterschiedlich wir von Anfang an Jungen und Mädchen betrachten, welche Erwartungen wir an sie haben. Und Erwartungen (vor allem die der Erwachsenen) wirken sich darauf aus, wie sich jemand verhält – der sogenannte Pygmalion-Effekt. „Wir schauen Männer in der Regel nicht an und fragen uns: Wo ist dieser Mensch verletzlich? Sondern: Wie kann er mich verletzen?“, schreibt die Düsseldorfer Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal in einem Beitrag im – wegen anderer Autoren umstrittenen – Band „Oh Boy“ rund um das Thema Männlichkeit heute. Das passiert meist bestimmt nicht absichtlich, wir handeln einfach nach tief in unser Gehirn eingravierten Erwartungen an die Geschlechter.
Stark und einfühlsam – passt das zusammen?
Problematisch wird das vor allem dann, wenn Männer überfordert sind – etwa weil alte Rollenerwartungen weiter bestehen und neue hinzukommen. „Noch immer muss man(n) in jeder Lebenssituation durchsetzungsstark, selbstbewusst und souverän sein. Noch immer wird von Männern eingefordert, starke Beschützer und solide Ernährer zu sein. Noch immer gilt der muskulöse Männerkörper als Schönheitsideal“, schreibt der Schweizer Männerberater und Buchautor Markus Theunert in seinem Buch „Jungs, wir schaffen das“.
Diese Form der Männlichkeit sei an sich schon ein Ideal, das kaum zu erreichen sei, ergänzt Theunert in einem Videocall. Gleichzeitig sei ein Mann, der all diesen Anforderungen gerecht werden wolle, ein potenzieller Problemfall, so Markus Theunert. „Sein aktuell verfügbarer Ausweg ist, die alten Anforderungen weiterhin zu erfüllen – und die neuen Anforderungen (einfühlsam, reflektiert, ausdrucksfähig, sorgfältig, etc.) irgendwie parallel zusätzlich gleich noch mit. Dass diese beiden Anforderungsprofile in sich widersprüchlich oder gar unvereinbar sind: geschenkt“, schreibt Theunert dazu in seinem Buch.
Frauen kennen diese widersprüchlichen Anforderungen: Kinder umsorgen, Karriere machen und dabei bitte gut aussehen. Auch Frauen sind damit häufig überfordert. Nur macht es die Sache nicht besser, wenn Männer und Frauen zunehmend an den Rollenerwartungen verzweifeln.
Überforderung ist ein Gefühl, und Gefühle sind ein Problem
Hinzu kommt: Männer haben ein Problem mit Überforderung. Denn Überforderung ist ein Gefühl, und Männer reden nicht gerne über Gefühle. „In der Kombination haben wir Männer, die eigentlich sehr fragil sind im Selbstwert, das aber auf keinen Fall zeigen dürfen, und deswegen ganz viel ‚scheiß’ machen, damit das niemandem auffallen möge – Mutproben, Alkoholkonsum, sich innerlich abmelden. Die Fragilität ist also das Kernproblem, bei gleichzeitiger Unmöglichkeit, diese Fragilität und Verletzlichkeit zu benennen“, sagt Markus Theunert. In anderen Worten: Überforderte Männer rasten aus, schaden entweder sich selbst oder anderen. Das entschuldigt keine Taten, aber: Wenn Männern von Geburt an weniger Fürsorge und Empathie zugestanden wird, wie hätten sie sie gegenüber sich selbst und anderen lernen sollen?
Die Diagnose, dass Männer viel falsch machen, greift also zu kurz. Wir alle, Männer, Frauen, trans und non-binäre Menschen, wissen noch immer zu wenig über die Gründe dieses „toxischen“ Verhaltens. Es ist leicht, Männern ihre Fehler vorzuhalten, ändern aber wird man so nichts.
Wie können wir also mehr darüber verstehen? Zum einen sei wichtig: „Nicht mit den Männern ist etwas falsch, sondern mit den gesellschaftlichen Männlichkeitsnormen“, sagt Theunert.
Frauen haben den Feminismus – was haben Männer?
Männern fehlt eine große Bewegung, die hinterfragt, warum Männer so sind, wie sie sind. Während der Feminismus seit Jahrzehnten die traditionellen Rollen der Frauen dekonstruiert, auf Missstände hinweist und so einen Wandel herbeigeführt hat, gibt es bei Männern keine annähernd vergleichbare Bewegung.
„Es ist nicht antifeministisch, wenn wir die Gefühle von Männern ernst nehmen“, schreibt die britische Feministin Laurie Penny in ihrem Buch „Sexuelle Revolution“ – natürlich ohne die Gefühle von Männern über jene von Frauen zu stellen. Man könnte hinzufügen: Es wäre auch nicht antifeministisch zu hinterfragen, welche Ideale Frauen an Männer herantragen. Laut der Forschungsarbeit „Männer-Perspektiven“ folgen die übrigens weiter einem sehr traditionellen Muster: Der Mann soll Familie gut versorgen, beruflich kompetent sein, Durchsetzungsvermögen, Disziplin mit technischer Kompetenz vereinbaren.
Es bleibt die Erkenntnis: Alle Geschlechter haben ihren Anteil daran, dass die Männerrollen so sind, wie sie sind. Und alle Geschlechter würden davon profitieren, wenn die Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit mehr Deutungen zuließe.