Wenn Männer Unsicherheiten äußern und gleichzeitig Alternativen vorschlagen, sei das sexuelle Kompetenz, sagt Sexologin Roidinger. Foto: imago/Malte Jäger Foto:  

Männer gelten oft als einfach gestrickt, wenn es um Sexualität geht. Dabei scheitern viele an ihren eigenen Erwartungen, erklärt die Sexologin Beatrix Roidinger.

Sexualität ist für Beatrix Roidinger etwas, an dem man arbeiten kann und sollte. „Wir sind Kulturwesen. Wir haben Sex nicht nur zur Triebbefriedigung“, sagt die Sexualberaterin. „Wir leben ja auch nicht in Höhlen, sondern in Designerwohnungen. So ist es mit dem Sex auch. Man kann ihn gestalten.“ Aber gerade Männer wüssten oft nicht, wie Lust und Erregung auf körperlicher und geistiger Ebene funktionierten. Im Interview erklärt sie, was Männer lernen müssen, damit sich das ändert.

 

Frau Roidinger, Männer gelten in Sachen Sexualität als einfach gestrickt. Wie groß ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen in dieser Hinsicht?

Frauen haben im Durchschnitt eine größere Varianz an erogenen Zonen und Erregungsmustern. Trotzdem ist es so, dass auch Männer sich – gerade wenn es sexuelle Probleme gibt – differenziert mit ihrem Körper und ihrer Lust auseinandersetzen müssen. Eine nackte Frau zu sehen, reicht eben nicht immer, um eine Erektion zu bekommen.

Viele dieser Männer glauben dann, es sei etwas falsch mit ihnen. Warum?

Ganz oft geht es um die Erwartungshaltung, das Bild von Männlichkeit, dem sie entsprechen wollen. Wir machen zum Beispiel eine Übung, bei der sich unsere Klienten mit Männlichkeit auseinandersetzen und beschreiben sollen, wann sie sich besonders männlich fühlen. Die meisten Antworten: „Wenn ich aktiv und stark bin, alles im Griff habe, keine negativen Gefühle wie Schwäche oder Unsicherheit zeige.“

Warum ist das ein Problem?

Bei männlicher Lust geht es oft um Leistung. Da gibt es häufig Glaubenssätze wie: „Ich muss es bringen. Ich muss mehrmals können und darf keinen Moment unsicher sein. Penetration ist das einzig Wichtige beim Sex.“ Diese Vorstellungen erzeugen unglaublichen Druck. Dann geht man mitunter mit dem Gedanken „hoffentlich funktioniert es heute“ in eine sexuelle Situation. Das Gehirn denkt, wir müssen aufpassen, da ist Gefahr. Und Gefahr und Sex, das passt nicht gut zusammen.

Sexualberaterin Beatrix Roidinger Foto: Marlies Scheuchenegger

Das klingt nachvollziehbar. Macht Männern also vor allem ihre Vorstellung von Männlichkeit Probleme im Bett?

Es gibt noch einen anderen Punkt: der hohe Konsum von Pornografie schon in jungen Jahren. Dadurch trainiert man sich über Jahre, wie wir in der Sexologie sagen, ein bestimmtes Erregungsmuster an: Bildschirm an, Erregung, Befriedigung. Neben den starken visuellen Reizen ist der Atem flach, die Stimulation intensiv und die Bewegung des Beckens eingeschränkt. Das ist natürlich anders als in einer sexuellen Begegnung. Da muss man reden, da will die Frau vielleicht etwas anderes, da gibt es Gefühle und meistens dauert es länger. Das klappt dann mitunter nicht mehr.

Wie geht man am besten mit so einer Situation um?

Viele Menschen haben noch immer Bedenken, über sexuelle Probleme zu reden. Man will nicht unsicher wirken. Aber wenn man ein Thema anspricht und gleichzeitig eine Idee hat, was man anders machen könnte, dann ist das eine Form von sexueller Kompetenz. Die meisten Frauen werden das schätzen, weil sie es nicht gewohnt sind und vielleicht selber ihre Unsicherheiten haben. Solche Dinge aktiv anzusprechen kann man lernen, und das macht sofort vieles entspannter. Sex ist wie ein Hobby. Man muss nicht etwas Bestimmtes leisten, aber man kann gemeinsam üben und gestalten. Ich kann mich entfalten und immer wieder neu erfinden – bis ins hohe Alter.

Die Sexualberaterin

Ausbildung
Die Wienerin Beatrix Roidinger ist unter anderem in systemischer Sexualtherapie und klinischer Sexologie ausgebildet.

Autorin
Im Oktober veröffentlichte sie das Buch „Best Lover“, in dem es etwa darum geht, wie Erregung und Lust auf körperlicher und mentaler Ebene funktionieren. Zudem bietet sie Coachings an.