Viele Männer verspüren Leistungsdruck, im Bett genauso wie im Job – was das mit ihnen macht, sagen sie nur selten. Foto: imago/Westend61

Zerbrochene Beziehungen, fehlende Gleichberechtigung, Gewalt: Viele Probleme haben damit zu tun, dass Männer keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, sagt der Männerberater Björn Süfke – und erklärt, wie man Gefühle lernen kann.

Björn Süfke trifft jeden Tag Männer, die aufwendige Abwehrmechanismen aufgebaut hätten, um ja nicht über Gefühle reden zu müssen, erzählt er. Und Süfke sieht, wie sie darunter leiden: Weil Beziehungen zu ihren Frauen zerbrechen würden, ohne dass sie verstehen, warum; weil sie keinen engen Kontakt zu ihren Söhnen hinbekämen. Süfke arbeitet in Bielefeld mit Männern, die daran etwas ändern wollen. Gleich zum Gesprächsanfang verrät der Psychologe, wovor er Angst hat.

 

Herr Süfke, wenn wir schon über Gefühle reden: Wie geht es Ihnen denn heute wirklich?

Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen aufgeregt und ängstlich, weil ich eine Darmspiegelung vor mir habe. Wahrscheinlich ist das unnötig, aber wie das mit Gefühlen so ist, wir können sie nicht mit dem Intellekt wegmachen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Schlimmste ist, dass man davor nichts essen darf. Aber bei der Behandlung selbst schlummert man einfach.

Ach sehr schön, da bin ich ganz froh, das zu hören. Das ist ein gutes Beispiel, warum es wichtig ist, über Gefühle zu sprechen, weil man nur dann Erleichterung von jemandem erfahren kann, der es schon mal durchgemacht hat.

Reden ermöglicht uns also einen Umgang mit unseren Gefühlen?

Genau. Gerade bei Gefühlen wie Angst oder Trauer sprechen wir oft davon, dass die überwunden oder beseitigt werden müssen. Da schaudert es mir als Berater. Das ist ja gerade das Problem bei uns Männern, dass die Gefühle so abgespalten sind. Es geht nicht darum, dass die Gefühle weg sein müssen, sondern im Gegenteil, dass wir einen guten Umgang mit ihnen finden müssen.

Warum tun Männer sich so schwer mit ihren Gefühlen?

Das Problem ist immer noch eine traditionelle Form von männlicher Sozialisation, die uns beibringt, dass Gefühle nicht zum Mannsein dazugehören. Das wird oft unbewusst vermittelt, im Alltag, über Medien, durch Spielzeuge. Männliche Hauptfiguren in Geschichten spüren keine Ängste, Trauer oder Hilflosigkeit. Sie sind entweder starke Helden, oder sie sind Versager, aber sie zeigen keine Gefühle. Das führt eben dazu, dass wir schon als Jungen lernen, unsere Gefühle unten zu halten.

Wie gehe ich vor, wenn ich das ändern möchte?

Ich muss mir erst mal bewusst machen, was passiert. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, sollte ich darauf achten, welche Sätze ich dafür parat habe, denn wir haben meist Abwehrmechanismen entwickelt. Manche sagen einfach „passt schon“, andere reden zwar, aber berichten über ihren Tag oder bleiben auf der intellektuellen Ebene, ohne zu sagen, wie sie sich gerade fühlen. Am Beispiel der Darmspiegelung: Ich hätte Ihnen von Risiken im Verhältnis zum Nutzen erzählen können. Aber dann hätten Sie keinen Zugang zu meinem Gefühl von Angst bekommen. Für diese Antworten muss man sich auch Zeit geben. Ich habe Klienten, denen ich als Hausaufgabe mitgebe, sich eine halbe Stunde nur damit zu beschäftigen, welche Gefühle es in ihnen gibt. Viele berichten dann, dass die ganze Zeit gar nichts gekommen ist. Das zuzugeben ist aber schon ein großer Schritt zur Besserung, denn damit wurde das Gefühl der Hilflosigkeit eingestanden – und hilflos zu sein ist für Männer das Allerschlimmste.

Björn Süfke Foto: privat

Was macht es denn mit unseren Beziehungen, wenn wir keinen Zugang zu unseren Gefühlen finden?

Partnerschaft lebt davon, dass man weiß, was in dem oder der anderen vorgeht. Es geht letztlich nicht, ohne über Gefühle zu reden. Männer, die das nicht können, sehen sich oft selbst als die Norm. Wenn sie dann mit ihrer Partnerin Probleme haben, sagen sie deswegen oft, dass sie herumzickt oder ihre Tage hat. Das ist ein Riesenproblem für Beziehungen, denn Frauen beschweren sich in diesen Fällen oft zu Recht, dass die Männer emotional zu wenig verfügbar sind. Männer fallen dann häufig aus allen Wolken, wenn sie sich trennt, und sie sagen: „Aber es hat doch jahrelang gereicht.“ Dabei hat sie es nur jahrelang ausgehalten.

Gewalt wird mehrheitlich von Männern ausgeübt, sie sind öfter von Sucht betroffen und bringen sich öfter um. Hat das auch etwas mit dem Ausblenden von Gefühlen zu tun?

Ja. Bei einem großen Teil von partnerschaftlicher Gewalt können Männer einfach nicht besser mit ihren Gefühlen umgehen. Das ist natürlich keine Entschuldigung, und sie müssen dafür auch bestraft werden, aber es ist ganz klar: Mit Männern, die Gewalt anwenden, muss ich an Hilflosigkeit arbeiten, daran, mit Demütigung umgehen zu können, ohne sofort impulsiv zu werden. Bei Sucht ist der Zusammenhang noch evidenter. Sie ist der Abwehrmechanismus, der bleibt, wenn alle psychologischen Abwehrmechanismen nicht mehr funktionieren. Außerdem ist bei Männern die Suizidrate dreimal so hoch wie bei Frauen. Auch hier würde ein positiver Umgang mit Gefühlen und Unterstützung im Umgang mit Hilflosigkeit die Statistik maßgeblich verbessern.

Der Umgang mit Gefühlen ist sozusagen die männliche Seite in der Ungleichheit der Geschlechter?

Ja, das Beseitigen dieser traditionellen Geschlechterkorsetts, bei Frauen wie bei Männern, und den Ungleichheiten die damit einhergehen, würde uns mit ganz vielen Problematiken weiterbringen. Klassisches Beispiel: Wenn Männer besser bezahlt werden als Frauen, dann werden sie auch immer eher berufstätig sein, als sich zu Hause um die Kinder zu kümmern, viele Paare können sich das gar nicht anders leisten. Dann haben wir aber weniger Männer in der Care-Arbeit, weniger Männer, die ein Vorbild für ihre Söhne sind und guten Kontakt zu ihren eigenen Kindern haben.

Viele Männer haben also Probleme in Vater-Sohn-Beziehungen?

Da ist natürlich jeder individuell, aber das ist ein Thema, das wahnsinnig viele berührt, weil eben sehr viele Männer – vor allem meiner und vorhergehender Generationen – die Erfahrung einer engen emotionalen Beziehung zum eigenen Vater nicht gemacht haben.

Was fehlt Männern noch?

Ein riesiges Thema für Männer ist auch „gesehen werden, so wie ich bin“. Denn wenn man wenig von seinen Gefühlen zeigen kann, wird man eben nicht gesehen. Was noch sehr stark ist, ist Leistungsdruck und die Angst vorm Versagen: Sei es bei der Sexualität – Männer müssen immer können –, oder bei der Arbeit, wo die Dinge immer unter Kontrolle sein müssen. Da spielt Angst mit, dem nicht gerecht zu werden, vielleicht auch Trauer, nie so eine gewisse Lockerheit im Leben zu bekommen, einfach so zu sein, wie man ist.

Der Männer-Coach

Tätigkeiten
Björn Süfke, 51 Jahre alt, arbeitet in Bielefeld seit über 20 Jahren therapeutisch und beratend mit Männern – und hat nach eigenen Angaben auch nicht vor, jemals etwas anderes zu machen. Er hat Bücher über die männliche Gefühlswelt und über das Vatersein geschrieben, hält Vorträge, gibt Fortbildungen und ist gefragter Gesprächspartner in deutschen Medien.

Ausbildung
Süfke hat in Bielefeld Psychologie studiert und eine Ausbildung in personenzentrierter Psychotherapie absolviert.