MINT ist überall, das müssen Mädchen unbedingt schon in der Kita erfahren. Foto: Imago//omas Imo

Als Ingenieurin oder Informatikerin gehört Frauen die Welt. Doch viele Mädchen wollen mit Naturwissenschaften, Informatik oder Technik nichts zu tun haben. Warum bloß?

Stuttgart - Frauen und Technik – eine geniale Kombination. Denn für Physikerinnen, Informatikerinnen oder Ingenieurinnen erledigt sich das Thema Benachteiligung wie von selbst. „Genauso ist es“, sagt Niki Sarantidou, die Geschäftsführerin von MINT-EC, einem Schulnetzwerk von Schulen mit hervorragendem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Schulprofil. „Mint-Berufe bieten Mädchen die Chance dieselben Möglichkeiten zu haben wie Männer und gleich viel zu verdienen, denn die Nachfrage ist riesig.“ Und trotzdem: Die Zahl der MINT-Studentinnen in Baden-Württemberg ist 2021 zwar auf 44 500 gestiegen, doch der Frauenanteil in diesen Fächer liegt weiterhin nur bei 31 Prozent, bei den Ingenieurwissenschaften sogar nur bei 23 Prozent. Warum lassen sich Mädchen noch immer von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik (MINT) abschrecken?

 

Stereotype Rollenbilder in den Familien unterdrücken das MINT-Interesse.

Der Grundstein für MINT-Karrieren wird oft schon am Babybett gelegt. Davon sind Niki Sarantidou von MINT-EC und Nejila Parspour, die Direktorin des Stuttgarter Instituts für Elektrische Energiewandlung überzeugt. Mama kümmert sich zwölf Monate um mich, Papa nur zwei – schon ist das Rollenbild des Mädchens geprägt. „Mädchen müssen erleben, dass Kinderbetreuung geteilt wird und sich beide Partner gleichberechtigt kümmern. Sonst trauen sie sich später keinen MINT-Beruf zu, weil sie glauben, Kinder aufziehen ist in erster Linie Frauensache“, sagt Parspour. Die gebürtige Iranerin hat genau wie die Griechin Niki Sarantidou in Deutschland eine ernüchternde Erfahrung gemacht. Mädchen würden hier nicht darin bestärkt, dass auch Frauen MINT-Berufe können. Die Arbeitswelt für Ingenieurinnen erscheine als familienunfreundlich und damit als ungeeignet. „Den Mädchen wird unbewusst vermittelt: UNO-Generalsekretärin kannst du werden, Mathematikerin nicht“, sagt Sarantidou. Beide Expertinnen betonen auch, dass es prägend sei für Kinder, wer daheim die Löcher in die Wand bohre. Und eine Vermutung hegen beide: Zukunftssicherung und die Chance auf Gleichwertigkeit habe hier unter Mädchen nicht so einen großen Stellenwert wie in anderen Ländern. Mädchen mit Migrationshintergrund würden sich häufiger für MINT interessieren. „Sie müssen sich früh etwas überlegen, weil sie es oft nicht so leicht haben“, beobachtet die Professorin Nejila Parspour.

Kita prägt die MINT-Bildung.

Neben der Familie prägen die Kita und später die Schule die Weltsicht der Kinder. Ob Mädchen sich für MINT begeistern, entscheidet sich bereits im Kitaalltag. „Auf den Girls Day kommt es nicht mehr an, da ist der Zug schon lange abgefahren!“, sagt Michael Fritz, der Vorstand der gemeinnützigen Stiftung „Haus der kleinen Forscher“, die sich für gute frühe Bildung in den MINT-Bereichen einsetzt. Spielzeug und Ausstattung in der Kita müsse sich ändern, meint Fritz, auch hier komme es auf die auf die Vorbilder an. Erzieherinnen und Erzieher müssten selbst lernen, mit Freude zu experimentieren und zu entdecken. „MINT ist überall. Das als Erzieherin zu erkennen und zu fördern ist wichtig“, sagt Fritz. Im Alltag heißt das für die Pädagogen, in der Bauecke auch mal Märchenschlösser zu bauen oder in der Puppenecke gemeinsam das Bettchen zu reparieren, statt es dem Hausmeister zu geben. „Die pädagogische Kunst ist es, zu erkennen, wie sich für Kinder eine emotionale Situation mit MINT schaffen lässt, in der das Kind sagt: ,Ich will und ich kann!‘“, sagt Fritz. Die Professorin Nejila Parspour sieht das ähnlich „Es funktioniert nicht, Mädchen zu zwingen mit Autos zu spielen, aber die Erzieherin kann darauf achten, dass Mama im Puppenhaus etwas baut, während Papa kocht.“

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Schule verstärkt die Selbstabwertung.

Ich kann Mathe nicht! Dieses Gefühl empfinden Kinder erst ab Schulalter. Schuld daran sind die Noten. Erst dadurch nehme ein siebenjähriges Kind wahr, ob es gut oder schlecht in Mathe sei, erklärt Michael Fritz. Und noch etwas verstärkt die Unsicherheit in der Schule: mangelnde Übung. „Die mathematische und physikalische Ausbildung wird immer schwächer. Da helfen die vielen guten MINT-Kampagnen nicht. Man muss bei aller Begeisterung und Neugierde auch sattelfest in Mathe und Physik sein. Sitzt das Bruchrechnen nicht, fühlen Mädchen sich nicht sicher genug, um ihre Zukunft darauf aufzubauen“, sagt Parspour.

Angesichts des Zeit- und Personalmangels müsse man die Art des Lernens modifizieren, meint auch Sarantidou. Die einzelne Schülerin und das, was sie ergründen will, brauche mehr Beachtung.

Wie wichtig es ist, sich einzelner Schülerinnen anzunehmen, hat etwa Patricia Haremski erfahren. Bei der heutigen Entwicklungsingenieurin für Brennstoffzellentechnik bei Bosch wurde erst in der zehnten Klasse durch einen Lehrer die Begeisterung für Naturwissenschaften geweckt. Davor seit das etwas Abstraktes gewesen, womit sie wenig Berührungspunkte im Alltag gehabt habe. Heute engagiert sich die 30-Jährige selbst als Mentorin für Studentinnen in ihrem Unternehmen

Mentoren sind wichtiger als Vorbilder. Sigrun Schirner von der Universität Regensburg weiß, wie schwer es ist, Mädchen noch in der Pubertät für MINT zu begeistern. Sie ist Projektkoordinatorin bei CyberMentor, dem größten MINT-Online-Mentoring in Deutschland für 11 bis 18-Jährige. 71 Prozent aller Teilnehmerinnen studieren nach dem Programm ein MINT-Fach oder beginnen eine entsprechende Ausbildung. Erfolgreiche Förderung, sagt Schirner, müsse frühzeitig anfangen, langfristig sein und viele unterschiedliche weibliche Rollenbilder anbieten. Einmalige Treffen eines Vorbildes etwa beim Girls Day reiche nicht aus: „Dabei finden Mädchen MINT kurz spannend. Aber dann kommen sie zurück in ihre Peergroup und die erzählt, dass es in solchen Berufen nur Nerds gibt. Das Bild vom Informatiker ist, dass er in seiner Kammer sitzt, keine sozialen Kontakte hat und nicht der Attraktivste ist. Damit möchten sich pubertierende Mädchen auf gar keinen Fall vergleichen.“

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